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30.06.2016, 12:10 Uhr KOMMENTAR

Nach dem Anschlag von Istanbul: das Türkenproblem

Kommentar von Burkhard Ewert

Erst geschossen, dann gesprengt: Forensiker untersuchen den Ort vor der Abflughalle in Istanbul, an dem sich einer der Täter in die Luft gesprengt hat und mehrere Menschen mit in den Tod riss. Foto: AFPErst geschossen, dann gesprengt: Forensiker untersuchen den Ort vor der Abflughalle in Istanbul, an dem sich einer der Täter in die Luft gesprengt hat und mehrere Menschen mit in den Tod riss. Foto: AFP

Osnabrück. Türkische Anschlagsopfer sind den Deutschen seltsam egal. Liegt es daran, dass ihnen die Politik von Präsident Erdogan suspekt ist? Oder ist es weniger schlimm, wenn Islamisten Muslime töten? Angesichts der Reaktionen auf eine beispiellose Terrorserie in unmittelbarer europäischer Nachbarschaft tun sich unangenehme Fragen auf.

Beim Anschlag auf den Brüsseler Flughafen Zaventem starben im März 35 Menschen. In Istanbul kamen jetzt auf sehr ähnliche Weise mehr als 45 ums Leben. Am 8. Juni waren es sechs. Einen Tag davor elf. Im Mai sieben. Im März 37, im Februar 28, im Januar 18. Fällt Ihnen etwas auf? Während nach dem Anschlag in Brüssel die EU tagelang still stand vor Schock und auf der Suche nach den Tätern, ein Angriff aufs Herz unserer Kultur beklagt wurde, Sympathiewellen durch die sozialen Netze fluteten und die Töne sicherheits- wie staatspolitisch in Richtung Hysterie gingen, sind tote Türken den Deutschen seltsam egal. Afghanen und Iraker erst recht.

Selbst schuld?

Dahinter steckt eine Logik, natürlich: Belgier sind uns als Mitteleuropäer kulturell ähnlicher und regional näher. Aber wirklich so sehr? Millionen Türken leben in Deutschland, Millionen Deutsche machen in deren Heimat Urlaub – wie viele in Belgien? Wie viele haben belgische Nachbarn? Liegt es nicht doch eher daran, dass bei den Türken ein „selbst schuld“ mitschwingt? Dass es einem nicht ganz so schlimm vorkommt, wenn Islamisten Muslime töten? Dabei gehört die weit überwiegende Mehrheit ihrer Opfer dem Islam an.

Letztlich rassistisch

Persönlich und psychologisch mag das unterschiedliche Empfinden erklärbar sein. Verkehrt ist es dennoch. Allemal gilt das politisch. Mit der Türkei ist im Kampf gegen Terrorismus ebenso zu kooperieren wie mit Frankreich oder Belgien – mindestens. Befindlichkeiten dürfen keine Rolle spielen, wenn einem zum Beispiel die Politik des Präsidenten an anderer Stelle nicht passt. Ebenso wenig ein latent rassistisches Schema beim Grad der Betroffenheit in der Gesellschaft.


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