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28.06.2016, 16:28 Uhr zuletzt aktualisiert vor KOMMENTAR

Gewalt gegen Flüchtlinge: Reden, nicht zuschlagen

Von Melanie Heike Schmidt


Ausschreitungen im sächsischen Heidenau im August 2015: Im vergangenen Jahr ist die Zahl der Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte stark gestiegen. Das offenbart Verfassungsschutzbericht 2015, den Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) zusammen mit Verfassungsschutzpräsident Georg Maaßen vorgestellt hat. Foto: Imago/Christian DitschAusschreitungen im sächsischen Heidenau im August 2015: Im vergangenen Jahr ist die Zahl der Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte stark gestiegen. Das offenbart Verfassungsschutzbericht 2015, den Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) zusammen mit Verfassungsschutzpräsident Georg Maaßen vorgestellt hat. Foto: Imago/Christian Ditsch

Osnabrück. In Deutschland wächst die Gewalt gegenüber Flüchtlingen. Anders als in den 90ern sind Täter heute nicht nur gewaltbereite Rechtsextreme, sondern immer häufiger auch Bürger aus der Mitte. Hier ist Gegensteuern gefragt.

Die Hemmschwelle zur Gewalt sinkt in Deutschland immer weiter ab. Insbesondere die Zahl der Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte steigt, wie der Verfassungsschutzbericht für 2015 nachdrücklich aufzeigt. Auch die bisher bekannten Zahlen für 2016 zeichnen ein erschreckendes Bild. Das Problem: Diejenigen, die aus Fremdenhass zündeln, zuschlagen oder auch schießen, sind nicht mehr hauptsächlich Vertreter rechtsextremer Gruppen, sondern stammen immer öfter auch aus der sogenannten Mitte der Gesellschaft. Es ist der überbesorgte Nachbar, der weißglühende Wutbürger von nebenan, der so empört ist von der Flüchtlingspolitik der Bundesregierung, dass er zum Molotow-Cocktail greift. Und das immer häufiger: Fast jede Woche brennt irgendwo im Land ein Flüchtlingsheim. Auch die direkten Angriffe auf die verhassten Fremden nehmen zu. Was ist dagegen zu tun?

Leider gibt es für dieses komplexe Problem keine einfachen Antworten, auch wenn es Pegida, AfD und Co. unermüdlich behaupten und damit weiteren Hass schüren. Differenzieren ist angesagt. Erst mehrere Puzzleteile bilden das große Ganze. Klar ist auch: Betroffenheit allein hilft nicht weiter. Natürlich lässt sich die Verrohung der Gesellschaft, die sich im Internet, in den Übergriffen auf Flüchtlinge, aber auch im Straßenpöbel zeigt, vortrefflich beklagen. Doch wer nach Lösungsansätzen sucht, darf sich von solchen Gefühlen weder leiten noch erschrecken lassen. Was aber dann?

Zu allererst: hinschauen und objektiv analysieren. Jeder Brandsatz auf eine Flüchtlingsunterkunft ist fremdenfeindlich motivierte Gewalt gegen Menschen, eine Tat, die Verletzte, ja Tote in Kauf nimmt. Wer solch eine Tat relativiert, indem er Verständnis zeigt, weil den Täter ja seine Sorgen, Ängste und Nöte bezüglich der Flüchtlingspolitik erst zur Tat getrieben hätten, öffnet weiterer Gewalt Tür und Tor. Und handelt bigott. Wer enttäuscht ist von der Politik, darf nicht zu Benzin und Streichholz greifen, sondern sollte wählen gehen, sich politisch engagieren, über seine Themen diskutieren, sich informieren, wie er sich einbringen kann, um etwas zu verändern.

Hier kommen die Parteien ins Spiel: Sie dürfen nicht um sich selbst kreisen, sondern müssen ihre Themen - und ihre Lösungen - bekannt machen und nach außen tragen. Sie müssen die Probleme erklären, begreifbar machen, für ihren Weg werben. Sie müssen vor Ort sein und genau dort Präsenz zeigen, wo die Gewalt stattfindet. Zugleich müssen sie zeigen, dass populistische Parolen komplexe Probleme nur scheinbar schnell und einfach lösen können.

Wie sehr es nach hinten losgehen kann, Populisten auf den Leim zu gehen, zeigt der Brexit, für den eine Mehrheit der Briten gestimmt hat und den viele von ihnen plötzlich nicht mehr so richtig wollen. Wer in Deutschland vermeiden möchte, das Populisten wie die AfD oder fremdenfeindliche Bewegungen wie Pegida, Legida und Co. weiter Zulauf bekommen, der muss sich aus der Deckung trauen und sich den selbsternannten Wutbürgen stellen, um deren Frust aufzufangen, bevor er in Gewalt umschlägt. Andernfalls werden wir bald den ersten Toten nach einem Angriff auf ein Flüchtlingsheim beklagen müssen.

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