Brexit - und jetzt? Nach dem Brexit: Was jetzt in London geschieht

Von dpa

Die Märkte stabilisieren: Das ist nur eine der vielen Aufgaben, vor denen Londons Politik und Wirtschaft nach dem beschlossenen EU-Austritt nun steht. Foto: AFPDie Märkte stabilisieren: Das ist nur eine der vielen Aufgaben, vor denen Londons Politik und Wirtschaft nach dem beschlossenen EU-Austritt nun steht. Foto: AFP

London. Der Brexit kommt. Doch der britische Premier David Cameron will trotz schallender Ohrfeige der Wähler noch wochenlang im Amt bleiben. Das überrascht viele in London. Hier die Gründe für sein Verhalten – und was in London jetzt getan werden muss.

Nach dem Brexit-Votum fängt die Arbeit erst an. Märkte stabilisieren, das Pfund stützen - und einen neuen Premier finden. Es gibt viel zu tun in London. Hier die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:

Cameron tritt zurück – aber warum erst im Oktober?

Viele in London hatten erwartet, dass der britische Premier David Cameron im Falle des Brexit sofort die Brocken hinwirft. Doch das hätte man wie eine Flucht interpretieren können. Und es war schließlich Cameron, der einst das Referendum initiiert hatte. Nun riefen mehr als 80 Tory-Abgeordnete, die für den Brexit votiert hatten, Cameron in einem Brief auf, erst einmal weiterzumachen – darunter auch der populäre Boris Johnson, dem Ambitionen auf den Premierjob nachgesagt werden. Cameron sagt, er wolle jetzt für Stabilität sorgen.

Märkte stabilisieren – wie geht das eigentlich?

Die britische Zentralbank hat sich seit Monaten für den Brexit-Tag gewappnet. Der Gouverneur der Bank, der Kanadier Mark Carney, kündigte notfalls massive Stützungsmaßnahmen an. Die Bank of England könne dafür bis zu 250 Milliarden Pfund in die Hand nehmen. Die Zentralbank könnte somit zu einem deutlich wichtigeren Element bei der Krisenbewältigung nach der Brexit-Entscheidung werden als die Downing Street. Wichtig wird für die Briten auch sein, ausländische Investoren im Land zu halten, etwa die Autobauer aus Deutschland und Japan.

Wie haben die Märkte reagiert?

Die Brexit-Entscheidung des britischen Volkes hat nicht nur das Pfund auf ein Rekordtief stürzen lassen, sondern auch beim Börsenwert wichtiger Unternehmen Milliarden vernichtet. Viele Werte gaben bis zu zehn Prozent nach, der Ölriese BP verlor bis zu sieben Prozent an der Börse, gemessen am Firmenwert ein hoher einstelliger Milliardenbetrag. Ob diese Entwicklung anhält, muss sich zeigen und hängt davon ab, wie schnell Regierung und Zentralbank Klarheit schaffen und eine Linie des Handelns aufzeigen können. Nichts hassen die Märkte mehr als Ungewissheit.

Kann das die britische Volkswirtschaft verkraften?

Es wird zumindest Turbulenzen geben, Zentralbank-Gouverneur Mark Carney spricht von „einiger Volatilität an den Märkten und in der Volkswirtschaft“. Großbritannien war dank seiner Finanzwirtschaft in der Londoner City wirtschaftlich nach langer Durststrecke zuletzt wieder auf dem Vormarsch. Doch Politiker verschwiegen oft unangenehmere Einzelheiten. Ins Abenteuer Brexit stürzt sich das Land nicht in bester ökonomischer Verfassung. Die Briten sind weiterhin sehr hoch verschuldet – höher als die künftig für sie irrelevanten Maastricht-Kriterien erlauben – und hinken bei der Produktivität ihrer Unternehmen hinterher. Geht die Krisenbewältigung schief, kann das auch zu höherer Arbeitslosigkeit führen.

Und die Londoner Innenpolitik?

Das Gerangel, wer Cameron beerben wird, wird bald losgehen. Cameron hat angedeutet, dass er wahrscheinlich im Zuge des Parteitags der Konservativen im Oktober aus der Downing Street 10 auszieht. Dann dürfte es auch bald Neuwahlen geben – die Briten mögen keine Premiers, die sich nicht rasch dem Wähler stellen.

Und wer hat Ambitionen auf das Amt?

Da fällt zunächst der Londoner Bürgermeister Johnson (52) ein. Der Mann mit den blonden Strubbelhaaren ist sehr populär, im Umgang mit den Medien enorm geschickt. Schon seine Entscheidung zum Kampf für den Brexit sei Teil der persönlichen Karriereplanung gewesen, meinen Insider in London.

Auch Justizminister Michael Gove (48) gilt als Mann mit Ehrgeiz. Auch er hat sich im Wahlkampf massiv ins Zeug gelegt – wirkt neben Johnson allerdings blass. Innenministerin Theresa May (59) könnte ebenfalls ins Rennen einsteigen. Sie hat sich zwar nicht lautstark für den Brexit engagiert, aber sie gilt als resolut und möglicherweise als Frau des Ausgleichs zwischen den Lagern. Außerdem wäre sie nach Margaret Thatcher wieder die erste Frau in Downing Street. Die Eiserne Lady hat immerhin schon vor 26 Jahren abgedankt.