Heutiges EU-Referendum Was bedeutet der Brexit für Politik, Wirtschaft und Verbraucher?

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An der Frankfurter Börse brach nach dem Votum der Briten für den EU-Austritt der Leitindex Dax ein. Foto: dpaAn der Frankfurter Börse brach nach dem Votum der Briten für den EU-Austritt der Leitindex Dax ein. Foto: dpa

Osnabrück. Die Briten wollen raus aus der EU. Das hat Konsequenzen für die Wirtschaft, die Europäische Union und die Verbraucher. Hier ein Überblick, welche Folgen ganz konkret zu erwarten sind.

Sind die Briten von heute an nicht mehr in der EU?

Nein, so schnell geht es nicht. Nach Artikel 50 des EU-Vertrages muss die britische Regierung nun zunächst den Austritt offiziell erklären. Dann beginnt eine mindestens zweijährige Frist, in der London mit der EU die „Scheidungsverträge“ mit allen Details aushandelt. In Brüssel bleibt erst einmal alles beim alten: Der britische EU-Kommissar Jonathan Hill ist weiter für die Finanzmärkte zuständig, die britischen Abgeordneten sitzen weiter im Europaparlament. Der Austritt der Briten wird frühestens zum Juli 2018 vollzogen.

Welches Verhältnis wird Großbritannien künftig zu den EU-Staaten haben?

Es gibt drei Szenarien: Die engste Variante wäre eine Zusammenarbeit nach dem Vorbild Norwegens als Mitglied des Europäischen Wirtschaftsraums. Die Briten müssten dafür aber in den EU-Haushalt einzahlen – was die Brexit-Befürworter nicht wollen. Die zweite Möglichkeit wäre das Schweizer Modell, bei dem die Zusammenarbeit von Fall zu Fall vereinbart würde. Für Großbritannien wäre am schwierigsten die WTO-Variante zu verkraften, bei der generell für Einführung von Waren in die EU wieder Zölle zu zahlen wären Die Briten stünden dann auf der selben Stufe wie Bangladesch.

Droht in Europa eine neue Wirtschafts- und Finanzkrise?

Das Ergebnis des Brexit-Referendums. Grafik: Bökelmann/dpa

Das erwarten Experten nicht. Allerdings wird die britische Wirtschaft unter dem Brexit leiden, weil ihr der uneingeschränkte Zugang zum EU-Binnenmarkt fehlen wird, in den fast die Hälfte ihrer Exporte geht. Das bringt den Wohlstand des Landes in Gefahr. Prognosen sehen einen Konjunktureinbruch und den Verlust von Arbeitsplätzen voraus. Zudem könnten sich Teile der Finanzindustrie aus London verabschieden. Die Aktienmärkte erlebten einen „Black Friday“ . Am Freitag morgen stürzten Aktien britischer Unternehmen ab, das Pfund Sterling erreichte den tiefsten Stand seit 1985. Auch in Deutschland reagierte die Börse: Der Dax verlor zum Handelsauftakt zehn Prozent.

Ist die Einheit des Vereinigten Königreis bedroht?

Ja. Die europafreundlichen Schotten haben mehrheitlich für den Verbleib in der EU gestimmt. Ihre erste Ministerin Nicola Sturgeon hat bereits angekündigt, im Fall eines Austritts erneut ein Referendum über die Unabhängigkeit Schottlands abzuhalten. Auch die Nordiren fordern eine Abstimmung.

Wer wird Nachfolger des britischen Premier David Cameron?

Das ist noch völlig unklar. Camerons Kalkül ist schief gegangen: Er wollte mit dem Referendum die Gegner in der eigenen Partei beschwichtigen. Stattdessen hat er die Kampagne verloren und seinen Rücktritt angekündigt. Ein möglicher Kandidat ist der Brexit-Befürworter und Ex-Bürgermeister von London, Boris Johnson.

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Was heißt der Brexit für die Europäische Union?

Das britische Vorbild könnte Schule machen. Auch in Frankreich, Dänemark, Tschechien und den Niederlanden gibt es Rufe nach Referenden. Der niederländische Rechtspopulist Geert Wilders forderte am Freitagmorgen bereits eine solche Abstimmung, ebenso die Chefin des französischen Front-National, Marine Le Pen. EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker warnte unlängst, ein Briten-Austritt könnte auch woanders „Lust auf mehr“ machen.

Ist wirklich mit Nachahmern zu rechnen?

Das kann niemand genau sagen. Die Briten waren immer besonders europa-kritisch, sie sind ja auch erst 1973 der EU beigetreten. Sie hoffen bei der Trennung von der EU auf ein „Gentlemen’s Agreement“, eine Trennung gütlicher Art. Allerdings dürfte die EU versuchen, den Briten den Austritt so schmerzhaft wie möglich zu machen, um Nachahmer abzuschrecken. EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker drohte schon: „Der Deserteur wird nicht mit offenen Armen empfangen.“ London wird sich die von den Brexit-Befürwortern erhoffte Handelserleichterungen teuer erkaufen müssen.

Was bedeutet der Brexit für Deutschland?

Die deutsche Wirtschaft wird belastet. Mehr als 2500 deutsche Unternehmen haben Niederlassungen in Großbritannien. Zudem könnte das Ausscheiden Großbritanniens – eines Nettozahlers – die deutschen Beiträge zum EU-Haushalt steigen lassen. Schon jetzt zahlt die Bundesrepublik 15,5 Milliarden Euro jedes Jahr an die EU. Offen ist, ob Deutschland künftig einen Teil davon übernehmen muss.

Ganz praktisch: Was ändert sich für Reisende?

Wer in den nächsten Wochen und Monaten nach Großbritannien fährt, für den ändert sich erst einmal nichts. Denn die europäischen Regeln gelten ja noch. EU-Bürger müssen bei der Einreise aber wie zuvor ihren Pass vorzeigen, weil die Insel nicht teil des Schengen-Raumes ist. Europäer können dort auch weiter wohnen und arbeiten.

Brauchen Europäer künftig ein Visum, wenn Sie nach Großbritannien wollen?

Das ist sehr unwahrscheinlich, weil es den Tourismus bremsen würde. Allerdings muss London Einzelfallregelungen mit jedem Land zur Visumfreiheit schließen.

Was bedeutet die Abwertung des britischen Pfundes für Urlauber?

Nach dem Brexit-Votum ist das Pfund auf den tiefsten Stand seit 31 Jahren gefallen. Reisende aus Ländern mit dem Euro können vorerst günstiger Urlaub im Vereinigten Königreich machen. Umgekehrt wird für die Briten der Urlaub im europäischen Ausland teurer. Hoteliers in klassisch britischen Urlaubsregionen wie den Balearen oder in der Provence müssen möglicherweise die Preise senken.


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