Kritik an Flüchtlingsbetreuung 2015 zwei Millionen Euro mehr an Spenden für terre des hommes

Vor allem das Erdbeben in Nepal beschäftigte im vergangenen Jahr die Hilfsorganisationen. Foto: dpaVor allem das Erdbeben in Nepal beschäftigte im vergangenen Jahr die Hilfsorganisationen. Foto: dpa

Osnabrück. Die Flüchtlingskrise und Naturkatastrophen spülen Geld in die Töpfe der Hilfsorganisationen. Das Kinderhilfswerk terre des hommes mit Sitz in Osnabrück hat am Donnerstag seine Bilanz für das vergangene Jahr vorgestellt. Dabei kritisierte es die mangelnde Betreuung von minderjährigen Flüchtlingen in Deutschland.

Gut zwei Millionen mehr an Spendengeldern hat terre des hommes im vergangenen Jahr eingenommen. Bei der Bilanzpressekonferenz des Kinderhilfswerks sagte Vorstandssprecher Albert Recknagel: „Uns freut, dass die Spendeneinnahmen noch einmal deutlich angestiegen sind.“ Allein eine Million Euro sei zweckgebunden nach dem Erdbeben in Nepal Ende April 2015 gespendet worden.

„Afrika ist nicht mehr das Thema“

Die Gesamteinnahmen inklusive öffentlichen Geldern lagen damit 2015 bei rund 22,7 Millionen Euro. Das entspricht einer Steigerung von rund fünf Prozent. Der Anteil der Spenden lag bei 79 Prozent.

Dabei wirkt sich die öffentliche Konzentration auf die Flüchtlingskrise auch auf die Hilfsorganisation aus. „Afrika ist nicht mehr so das Thema – und wenn dann in Verbindung mit Flucht. Vor allem das südliche Afrika ist ein wenig aus dem Blick geraten“, sagte Recknagel. Das bedeute aber nicht, dass terre des hommes dort nun weniger aktiv sei. Der Fokus liege weiterhin auf Afrika, Asien und Lateinamerika. Grob ein Drittel der Gelder floss 2015 in Projekte, die mit Ausbeutung und Gewalt zu tun haben. Insgesamt habe terre des hommes zusammen mit lokalen Partnern im vergangenen Jahr rund 800.000 Kindern in 31 Ländern geholfen.

Erstmals Projekte im Nahen Osten

Trotzdem hat die Flüchtlingskrise auch auf das Kinderhilfswerk Auswirkungen. So will sich terre des hommes künftig auch im Nahen Osten engagieren. Vor allem im Nordirak und in der Südtürkei sowie in Jordanien sollen mehrere Millionen Euro zusätzlich eingesetzt werden. Dabei will sich terre des hommes sowohl auf Flüchtlingslager als auch auf die Orte etwa in der Türkei konzentrieren, in denen die Flüchtlinge außerhalb von Lagern leben.

Projekte in Europa

Geändert hat sich bereits, dass seit 2015 immer mehr Projekte in Europa gefördert werden. Der Anteil stieg auf 13 Prozent – im Vorjahr lag er noch bei 5 Prozent. Auf Sizilien kümmert sich terre des hommes etwa um ankommende Flüchtlingskinder. „Das geht von Ersthilfe über Trauma- bis hin zu Bildungsmaßnahmen.“ Der Vorstandssprecher fügte hinzu, dass die zweckgebundenen Spenden für Flüchtlinge zugenommen hätten. „Das ist ein neuer und zukünftiger Schwerpunkt.“ Recknagel geht davon aus, dass sich allein die Zahl der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge in Deutschland im vergangenen Jahr auf rund 60.000 Kinder und Jugendliche vervierfacht hat. Nun fehle es aber an psychologischer Betreuung. Traumata würden nicht aufgearbeitet.

„Unser Schulsystem ist schlicht überfordert“

Ein weiteres Problem sieht Recknagel bei der schulischen Bildung. Viele schulpflichtige Flüchtlinge müssten zunächst einmal die Sprache lernen oder überhaupt erst einmal Lesen und Schreiben. Dazu gebe es weder ein Konzept noch einen Austausch auf Landes- oder Bundesebene. „Unser Schulsystem ist schlicht überfordert“,sagt Recknagel. Der Großteil der Lehrer sei bemüht, brauche aber stärkere Orientierung. Eine Möglichkeit bestehe darin, Beispiele für guten Unterricht auf Länderebene auszutauschen, sodass alle Lehrer davon profitieren können.

50-jähriges Bestehen

Im nächsten Jahr feiert das Kinderhilfswerk sein 50-jähriges Bestehen. Zum Auftakt ist eine Feier in Osnabrück am 7. Januar geplant. Im Rahmen einer bundesweiten Aktion sollen zudem fünf Millionen Euro an Spendengeldern zusätzlich eingenommen werden. Dafür sollen unter anderem Prominente wie Oliver Welke (bekannt aus der Heute Show) und Barbara Schöneberger werben.


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