Bischof Bode im Interview „Muslime und Minarette gehören zu Deutschland“

Der Bischof von Osnabrück, Franz-Josef Bode, sagt, dass Muslime zu Deutschland gehören. Foto: dpaDer Bischof von Osnabrück, Franz-Josef Bode, sagt, dass Muslime zu Deutschland gehören. Foto: dpa

Osnabrück. Wie erlebt ein Bischof den Katholikentag? Kann die Kirche junge Leute überhaupt noch erreichen? Welche Rolle sollen Frauen künftig in der katholischen Kirche spielen? Und wie steht die Kirche zum Islam? Dazu der Osnabrücker Bischof Bode im Interview.

Herr Bischof, seit 25 Jahren sind Sie im Bischofsamt. Wie hat Sie dieses Amt verändert?

Ich habe mich immer bemüht, dass der Unterschied zwischen Bischof und Mensch sehr klein bleibt. In all den Jahren bin ich gelassener worden, ich rege mich nicht mehr so über Kritik auf, ich bin mutiger.

In der kommenden Woche beginnt der Katholikentag in Leipzig. Wie verbringt ein Bischof dort die vier Tage?

Ich werde immer wieder losgehen und die einzelnen Stände besuchen, um unmittelbar mit den Leuten ins Gespräch zu kommen, ich mische mich unters Volk. Der Katholikentag ist wie ein katholisches Pfarrfest, ein Familienfest. Wobei das Programm viele Besucher überfordert. Weniger wäre mehr.

Der diesjährige Katholikentag steht unter dem Motto „Seht da ist der Mensch“, womit der Mensch Jesus von Nazareth gemeint ist. Ist das nicht die falsche Sichtweise – man müsste doch den Gläubigen in den Mittelpunkt stellen?

Ich verstehe das Thema bewusst doppeldeutig. Indem wir den Blick auf Jesus richten, erfahren wir etwas über den Menschen, und wo wir wach auf den Menschen schauen, kommen wir Jesus näher.

Welche Botschaft soll vom Katholikentag ausgehen?

Dass trotz der Krisen und der heutigen Undeutlichkeiten der Mensch eine unantastbare Würde hat, wenn ich das mit dem Grundgesetz sagen darf, die Gott ihm gegeben hat. Deshalb ist die Kirche etwa auch gegen die Todesstrafe.

Der Katholikentag feiert Jubiläum und findet zum 100. Mal statt. Ist die Veranstaltung heute überhaupt noch zeitgemäß?

Ja. Er ist wichtig, weil die Zahl der Katholiken zurückgeht. Da muss man von Zeit zu Zeit Gemeinschaft erleben, um sich zu ermutigen und zu stärken.

Zum Katholikentag kommen viele junge Leute. Man hat den Eindruck, dass die Kirche Jugendliche nicht mehr erreicht....

Ja, es ist schwer geworden, junge Leute für etwas zu begeistern, bei dem sie verbindlich mittun sollen. Das ist aber nicht nur ein Problem für die Kirchen, sondern auch für Verbände, Vereine, Parteien und Institutionen. Aber junge Leute sind auf der Suche nach Sinn. Dafür muss die Kirche ein Gespür entwickeln. Wir müssen noch mehr an die Orte kommen, wo junge Leute sich aufhalten, also soziale Netzwerke, Medien, Kino, moderne Musik, letztlich auch Sport. Ich war 14 Jahre lang Jugendbischof in der Bischofskonferenz. Wir müssen die Sprache für Jugendliche wiederfinden.

Ärgert es Sie, dass die Kirche oft nur auf Missbrauchsfälle und Sexualmoral reduziert wird?

Ja, das ist schwer auszuhalten. Das Vertrauen muss zurückkehren. Noch schwerer ist zu ertragen, dass von der Kirche zu Fragen der Sexualität gar nichts erwartet wird. Diese Brücke müssen wir wieder aufbauen. Das kann aber gelingen. Der Papst hat uns in seinem jüngsten Schreiben gezeigt, dass wir den Einzelfall anschauen müssen, dass wir Freiräume haben. Wenn ich in einer Firmgruppe mit 40 jungen Leuten gefragt werde, was halten Sie von Verhütung mit Kondomen, kann ich das nicht allgemein beantworten, weil die Situationen sehr verschieden sind.

Der Papst hat auch überraschend die Debatte über Frauen als Diakoninnen angestoßen. Werden demnächst auch Frauen zum Priesteramt zugelassen?

Der Papst will die Frage prüfen lassen, ob Frauen zu Diakoninnen geweiht werden können. Dahinter stehen sehr komplexe Fragen nach dem Verständnis des Diakonenamtes. Auf jeden Fall müssen Frauen mehr Leitungsverantwortung in der Kirche haben. Ich bin Vorsitzender der Frauenkommission in der Bischofskonferenz und ich forciere das. In Osnabrück haben wir als erstes Bistum seit 14 Jahren eine Frau als Leiterin des Seelsorgeamtes. Wir brauchen dafür mehr Förderung und Mentoren-Programme für Frauen.

Könnte die Kirche mit Frauen den Priestermangel beheben?

Ob das allein durch deren Weihe gelöst wird, sehe ich skeptisch. Dass der Priesternachwuchs unter Frauen erheblich höher wäre, glaube ich nicht.

Und wann wird der Zölibat abgeschafft?

Ich halte den Zölibat immer noch für angemessen. Er ist eine gute Möglichkeit, sich mit all seinen Kräften auf eine Sache einzulassen. Ich könnte meinen Dienst nur schwer mit einer Familie verbinden. Und Jesus hat selbst so gelebt. Der Zölibat bleibt ein Stachel im Fleisch, der stark herausfordert. Neben dem Zölibat andere Lebensformen für Priester – mit Familie und Beruf – zu prüfen, hält der Papst nicht für ausgeschlossen.

Viele Hoffnungen richten sich auf Papst Franziskus. Glauben Sie, er kann sich gegen die konservative Kurie durchsetzen?

Dass das schwierig ist, kann man sich vorstellen. Es wird eine Frage der Zeit sein. Sein Reformkurs wird sich auch durch Bischofsernennungen durchsetzen. Das Volk Gottes steht weiterhin hinter ihm. Die Kirche kann nicht mehr hinter das, was der Papst angestoßen hat, zurück. Deshalb hat er mehr Wirkung als wir im Moment ahnen.

Kritiker sagen, das Reformtempo ist zu langsam?

Schnelle Reformen führen oft zu Gegenbewegungen, wenn man nicht alle mitgenommen hat. Das war etwa nach dem Konzil so. Reform heißt nicht Anpassung an Moden, nicht dem nachlaufen, was gerade en vogue ist. Aber über manches, wie etwa die Frage des Umgangs mit Wiederverheirateten, wird seit 40 Jahren gesprochen, da wünschte ich mir eine flüssigere Debatte.

In der Flüchtlingskrise haben die Kirchen viel getan. Mussten die Kirchen einspringen, weil die Politik versagt hat?

Das kann man so nicht sagen, es gab viel fruchtbare Zusammenarbeit mit den Kommunen. Und jetzt muss die Kirche gegen schwarz-weiß-Sichtweisen, Stammtischparolen und simple Lösungen angehen.

In Deutschland ist eine Debatte über den Islam entbrannt. Auch CDU-Politiker wie Volker Kauder sagen, der Islam gehört nicht zu Deutschland ...

Dass Muslime zu uns gehören als Menschen, die hier leben, ist völlig klar. Mit dem Islam als Religion und Kultur müssen wir uns näher befassen, um ihn tiefer zu verstehen.

Fürchten Sie den Islam?

Ich fürchte einen Islam, der in einer fundamentalistischen Weise den Koran auslegt und andere Religionen für sich vereinnahmen will. Aber wir können auch viel von den Muslimen, die herkommen, lernen. Die Kirche tritt für islamischen Religionsunterricht ein, mit ordentlichen Lehrplänen wie im christlichen Religionsunterricht. Das friedliche Miteinander der Religionen ist bereichernd, dazu müssen wir beitragen. Sonst empfindet die säkulare Gesellschaft Religion oft nur als Ursache von Feindseligkeiten. Freilich muss jede Religion mit einem freiheitlichen Staat leben können.

Wenn Sie mal einen Blick in die Zukunft werfen, wie wird die Kirche in 20 Jahren aussehen? Sind Muslime dann in der Mehrheit und die Kirchen leer?

Es ist kaum eine muslimische Bevölkerungsexplosion hierzulande zu erwarten. Die Familien- und Kinderfreundlichkeit aller wird wachsen müssen. Es wird mehr religiöse Menschen geben, als wir vielleicht erwarten.

Und was wird aus leer stehenden Kirchen werden?

Kirchenräume von anderen nichtchristlichen Religionen nutzen zu lassen, halte ich für schwierig. Wenn es dann um den Bau einer Moschee geht, dann kann auch ein Minarett dazugehören.

Bei der Ökumene kommt man nicht recht voran. Werden Sie noch erleben, dass es ein gemeinsames Abendmahl von evangelischen und katholischen Christen gibt?

Ich denke, dass wir bei weitem noch nicht da sind. Es gibt doch eine Reihe tiefer Unterschiede. Ich kann keinen Zeitrahmen nennen. Je mehr wir gemeinsame Ziele verfolgen, je mehr werden wir uns annähern.


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