Im Wortlaut Obamas Rede in Hannover: „Wir brauchen ein starkes Europa“

Von dpa

US-Präsident Barack Obama. Foto: AFPUS-Präsident Barack Obama. Foto: AFP

Hannover. Die Rede von US-Präsident Barack Obama am Montag in Hannover in Auszügen:

„Ich möchte als erstes Bundeskanzlerin Merkel für ihre Anwesenheit danken. Im Namen des amerikanischen Volkes möchte ich Frau Merkel danken, dass sie unsere Bündnisse immer so fördert und sich der Freiheit der Gleichberechtigung und den Menschenrechten verschrieben hat. Und wir können von ihr immer wieder lernen, wie man führt und auch mit den Händen führt. Ich weiß nicht, wie sie das hier nennen, wenn sie die Hände immer so zusammenlegt, die Merkel-Raute glaube ich. Ich muss sagen, dass ich Angela Merkel wirklich sehr, sehr zu schätzen weiß....

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Ich muss gestehen, dass das deutsche Volk in meinem Herzen einen ganz besonderen Platz hat. ... Während meiner Präsidentschaft haben sie mich und Michelle und unsere Töchter immer mit großartiger Gastfreundschaft empfangen. Es gab exzellentes Bier, es gab Weißwurst, es gab Spezialitäten aber auch sehr viel Gastfreundschaft. Aber ich bin noch nie beim Oktoberfest gewesen, das heißt, ich muss noch mal wiederkommen. Wahrscheinlich macht es mehr Spaß, wenn man nicht mehr Präsident ist. ...

Wir sollten uns immer wieder daran erinnern, dass unsere Geschichte der letzten 50 bis 100 Jahre außergewöhnlich ist und nicht selbstverständlich. Und das sollte uns Mut machen, daran zu glauben, dass wir unser Schicksal selbst in der Hand haben. Das heißt natürlich nicht, dass wir uns zurücklehnen können. Denn es gibt große Gefahren. Es gibt die Gefahr des Rückschritts. Und Fortschritt muss immer sofort stattfinden. Es gibt Bedrohungen für Europa, für die transatlantische Bereitschaft. Wir sind immun gegen diese Kräfte, die auf der ganzen Welt wirken. Es gibt barbarische Terroristen, die Unschuldige töten, wie in Paris, wie in Brüssel, wie in Kalifornien. ... Russland hat das Territorium und die Souveränität der Ukraine, eines unabhängigen europäischen Staates, missachtet. Wir wollen ein ganzheitliches Europa, ein freies Europa und ein Europa, das in Frieden lebt ...

Und all diese ständigen Herausforderungen führen natürlich zu der Frage, ob die europäische Integration wirklich dauerhaft ist. Oder ob es nicht besser wäre, sich zu trennen, sich zurückzuziehen, vielleicht einige Mauern und Barrieren zwischen den Nationen zu errichten, die im 20. Jahrhundert bestanden haben. ... Es gibt mittlerweile eine starke Bewegung seit Jahrzehnten schon, die Globalisierung, die auch dazu führen kann, dass Löhne sinken und dass Erwerbstätige es sehr viel schwieriger haben, bessere Bedingungen für ihre Arbeit auszuhandeln. ...

Das sind große Herausforderungen der heutigen Zeit und deswegen stehe ich heute hier, im Herzen Europas, um Ihnen zu sagen, dass die USA und die gesamte Welt ein starkes, wohlhabendes, demokratisches und geeintes Europa braucht. ... Europa war ein Traum der wenigen, heute ist es eine Hoffnung der Vielen geworden. ... Und jetzt wollen Menschen geradezu verzweifelt hierher nach Europa, wegen dessen, was sie geschaffen haben. Das können Sie nicht einfach als selbstverständlich hinnehmen. Heute gilt mehr denn je, ein starkes, vereintes Europa bleibt, wie Adenauer sagt, eine Notwendigkeit für uns alle. Eine Notwendigkeit auch für die Vereinigten Staaten, weil die Sicherheit und der Wohlstand Europas nicht getrennt werden können von unserer eigenen Sicherheit. ...

Wir brauchen ein starkes Europa, damit es seinen Teil der Lasten zusammen mit uns trägt in Sachen kollektive Sicherheit. Die Vereinigten Staaten verfügen über mächtige Streitkräfte, die besten, die die Welt je gesehen hat. Aber die Art der heutigen Bedrohungen sehen so aus, dass wir diese Aufgaben nicht allein bewältigen können.

Die größte Bedrohung für unsere Nationen ist der sogenannte Islamische Staat, IS. ... Eine kleine Zahl amerikanischer Spezialkräfte sind in Syrien und ihre Erfahrungen sind hier wirklich wichtig gewesen als lokale Kräfte, den IS wieder aus seinem Gebiet herausgetrieben zu haben. Hier wurden 250 weitere (entsandt), die (wir) als amerikanische Kräfte in Syrien einsetzen um weiterzukommen. ... Auch wenn Europa wichtige Beiträge gegen den IS leistet, Europa und die Nato können beide noch mehr tun. ... In Syrien und dem Irak müssen mehr Nationen zu dem Kampf dort beitragen. Bei Schulungsmaßnahmen, beim Aufbau lokaler Kräfte im Irak. Es muss auch mehr wirtschaftliche Hilfe für den Irak geben, damit befreite Gebiete stabilisiert werden können und der Extremismus bekämpft wird, damit der IS nicht zurückkommen kann. ...

Heute zählt unser Bündnis mehr denn je. Es gibt in Warschau einen Nato-Gipfel und ich werde darauf bestehen, dass wir alle unsere Verantwortung ernst nehmen. ... Zwei Prozent unseres Bruttoinlandsproduktes gehen für diese gemeinsamen Sicherheitsmaßnahmen in Projekte, Sicherheits- und Verteidigungsmaßnahmen sind ein großes Ziel unserer Investitionen, und das ist natürlich auch für die Weltordnung wichtig, dass wir diese Prinzipien überall schützen. Das heiß, dass auch ein Volk und ein Land wie die Ukraine das Recht hat, das eigene Schicksal zu bestimmen. Es gibt dort viele junge Menschen, so in ihrem Alter, die gerne in Richtung Europa gehen wollten, ihre Zukunft in Richtung Europa gesehen haben, und dann kam Russland. Wir müssen dafür sorgen, dass im 21. Jahrhundert nicht mit mehr schierer Gewalt, Grenzen neu gezogen werden. ...

Und damit komme ich zum nächsten Thema. Nämlich zum Wachstum und zum wirtschaftlich starken Europa, was auch wichtig ist, natürlich wegen der Arbeitsplätze und wegen guter Löhne und Gehälter. ... Wenn Sie sich wirklich über Ungleichheiten Gedanken machen, wenn es Sie interessiert, wie es der arbeitenden Bevölkerung geht, wenn sie fortschrittlich gesinnt sind, dann - davon bin ich überzeugt - können sie sich nicht einfach abwenden von dem, was um sie herum passiert. Wir müssen weiter investieren, wir müssen weiter Arbeitsplätze schaffen. ... Und natürlich müssen wir auch dafür sorgen, dass alle ihren Anteil zahlen. Dass es eben nicht diese Steuerflucht oder Steuervermeidung gibt. Damit wir auch aus diesen Steuergeldern wieder investieren können in die Gesundheitsversorgung zum Beispiel. Aber um all das umsetzen zu können, müssen wir zusammenarbeiten. ...

Es geht um Prinzipien, die wir wirklich für unumstößlich halten: Alle Menschen sind gleich. Und wenn sich jetzt in Europa diese Fragen der Integration durch die Immigration stellen, Fragen religiöser Integration, dann muss ich doch nur sagen, wenn wir das stärkere Land sind, wenn wir das das Land sind, das besser dasteht, dann sollten wir solche Menschen mit offenen Armen empfangen - auch die, die muslimischen Glaubens sind.

Die Flüchtlingspolitik ist natürlich in allen Ländern schwierig, ein Problem. Und nicht einige wenige Gemeinden sollten die Last tragen der Ansiedlung von Flüchtlingen, auch nicht ein einziger Staat. Wir alle müssen etwas beitragen, wir alle müssen Verantwortung übernehmen. ... Wir müssen unsere Werte vertreten, nicht nur wenn es einfach ist, sondern auch in schwierigen Zeiten. In Deutschland mehr als irgendwo sonst haben wir erfahren, dass die Welt nicht mehr Mauern braucht. Wir können uns nicht definieren durch die Barrieren, die Schranken, die wir errichten, um Menschen wegzuhalten oder um Menschen im Land zu halten. ...

Sie sind Europa, vereint in der Vielfalt. Gesteuert von den Idealen, die der Welt vorangegangen sind. Sie sind stärker, wenn sie zusammenstehen, als wenn sie alleine sind. Sie können sich darauf verlassen, dass ihr größter Verbündeter und Freund, die Vereinigten Staaten von Amerika, auf ihrer Seite steht, Schulter an Schulter. Jetzt und für immer. Denn ein vereintes Europa, früher der Traum einiger weniger, ist jetzt die Hoffnung der Vielen und eine Notwendigkeit für uns alle.“


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