Bier und Cannabis Drogenbeauftragte: Cannabis bleibt verboten

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Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU). Foto: imago/CommonLensDie Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU). Foto: imago/CommonLens

Osnabrück. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler, ärgert sich über Billig-Alkohol, der für 3,50 Euro pro Liter zu haben ist. Die CSU-Politikerin verteidigt das Cannabis-Verbot und wünscht sich schneller ein Tabak-Werbeverbot. Ein Interview.

Frau Mortler, Deutschland gilt als Alkohol-Problem-Nation. Laut Weltgesundheitsorganisation wird hierzulande viel mehr getrunken als in anderen Ländern - vor allem Bier, das die Hälfte des Konsums ausmacht. Ist Bier eine Einstiegsdroge, die viele völlig unterschätzen?

Es gibt kulturelle Unterschiede: Während beispielsweise in Frankreich Wein als Kulturgetränk gilt, ist es in Tschechien mit weitem Abstand das Bier. Auch in Deutschland blicken viele Regionen auf eine jahrhundertealte Tradition zurück. Die älteste Klosterbrauerei ist fast 1000 Jahre alt. Als Drogenbeauftragte würde ich nicht so weit gehen zu sagen, der Alkohol sei Gott gegeben, aber er hat eben auch eine tief verwurzelte Historie. Im Übrigen auch in der Medizin, wo er seit Jahrtausenden eine Rolle spielt. Umso wichtiger ist es, über die Risiken, die vom Alkohol ausgehen, aufzuklären. Wir haben schon viele Kampagnen gegen übermäßigen Alkoholkonsum auf den Weg gebracht und der Konsum ist auch zurückgegangen.

Es gibt hierzulande Faktoren, die es sehr einfach machen, an Alkohol zu kommen: Alkohol ist an Kiosken und Tankstellen rund um die Uhr zu haben, Hersteller dürfen für Alkohol werben. Warum greift die Politik da nicht ein?

Ich bedauere auch, dass es etwa hochprozentige Billigst-Getränke gibt, die man für 3,50 Euro den Liter kaufen kann, und dass sich Jugendliche mit Wodka und Bier zuschütten. Umso wichtiger ist es, dass die vorhandenen Regeln zum Jugendschutz durchgesetzt werden. Das heißt: mehr und vor allem gezieltere Kontrollen. Wenn jetzt im Sommer draußen wieder die Feste beginnen, müssen Veranstalter, Vereine und Behörden verhindern, dass Alkohol an Jugendliche ausgeschenkt wird. Aber auch all diejenigen, die in geselliger Runde dabei sind, sollten wissen: Die Jugendschutzregelungen zum Alkoholhaben einen guten Grund. Es geht um den Gesundheitsschutz von Minderjährigen.

Jährlich sterben zehntausende Menschen in Deutschland an den Folgen von Alkoholmissbrauch. Gleichzeitig laufen im Kino und im Fernsehen Werbespots für Bier und Hochprozentiges. Muss die Alkoholwerbung nicht verboten werden?

Schon jetzt gibt es für die Alkoholwerbung klare Regeln, die vor allem auf den Jugendschutz abzielen. Auch nach den Bestimmungen des Deutschen Werberats ist alles zu unterlassen, was als Aufforderung zum Missbrauch alkoholhaltiger Getränke gedeutet werden könnte. Aber natürlich will ich, dass wir weiter gehen. Noch in diesem Monat werden wir das Aktionsbündnis „Alkoholfrei Sport genießen“ mit den deutschen Sportverbänden ins Leben rufen. Es geht darum, die Botschaft im Alltag, in der Freizeit, in den Köpfen der Menschen zu verankern: Alkoholfrei macht Spaß und ist gesünder!

Ganz anders sieht es mit dem Haschisch-Rauchen aus. Cannabis gilt als illegale Droge. Dabei sagen Kritiker, der Konsum von ein paar Gramm Cannabis ist nicht gefährlicher als ein paar Flaschen Bier. Warum ist Deutschland so restriktiv?

Die Weltgemeinschaft hat beschlossen und mehrfach bestätigt, dass Cannabis eine illegale Droge ist. Das gilt auch für Deutschland. Und dafür gibt es gute Gründe.

Warum sind Sie und große Teile der Unionsparteien gegen die umstrittene Legalisierung von Cannabis?

Cannabis kann gravierende Auswirkungen auf die Gesundheit von Jugendlichen haben, gerade auf die Gehirnentwicklung. Es gibt keine andere Droge, wegen der Jugendliche so häufig medizinisch oder psychiatrisch behandelt werden müssen, wie Cannabis. Im schlimmsten Fall leiden sie ihr Leben lang unter massiven Gesundheitsproblemen. Wie kann man vor dem Hintergrund auf die Idee kommen, den Zugang zu erleichtern? Genau das wäre aber der Fall, wenn man die Droge für Erwachsene freigeben würde. Das muss ich im Blick haben. Wir beugen uns nicht einfach dem Zeitgeist.

Das Cannabis-Verbot hat aber nichts gebracht, Cannabis wird weiter konsumiert, die Besitzer werden straffällig. Da muss die Drogenpolitik doch umsteuern..?

Nein, das werden wir nicht. Die Liberalisierung würde dazu führen, dass noch mehr Jugendliche zum Joint greifen. Das zeigt das Beispiel des US-Staats Colorado, wo nur Erwachsene Cannabis frei kaufen können, die Zahl der Jugendlichen Konsumenten aber um 39 Prozent über dem US-Durchschnitt liegt.

Und wie wäre es mit einer Lockerung?

Wir können darüber reden, ob immer der Staatsanwalt ermitteln muss, wenn jemand mit Cannabis aufgegriffen wird. Die Mengen, die zum Eigengebrauch erlaubt sind, könnten vereinheitlicht werden, da gibt es einen Flickenteppich in Deutschland. In einigen Bundesländern geht das bis sechs Gramm an, in anderen bis 15 Gramm. Hier können wir sinnvolle Verbesserungen erreichen.

Müsste man nicht auch die Strafen beim Cannabis-Konsum lockern?

Der Konsum selbst wird ja gar nicht bestraft, nur der Besitz größerer Mengen und der Handel. Insgesamt steht für mich die Prävention im Vordergrund nach dem Motto „Wehret den Anfängen“. Dazu gehört auch das Angebot „Hilfe statt Strafe“ oder „Therapie statt Strafe“.

Chronisch Kranke nutzen Cannabis als Medizin – was umstritten ist. Der Eigenanbau zu diesem Zweck war bislang tabu, das Bundesverwaltungsgericht hat dies jüngst einem Patienten mit Multipler Sklerose erlaubt. Wie stehen Sie dazu?

Cannabis als Medizin muss in Zukunft für schwerstkranke Menschen, bei denen es wirklich hilft, besser verfügbar sein. An einem Gesetzentwurf arbeiten wir mit aller Intensität. Er soll noch in diesem Jahr im Parlament verabschiedet werden.

Das Tabak-Werbeverbot, das in der EU schon 2003 beschlossen wurde, ist in Deutschland immer noch nicht umgesetzt. In der Union bleibt es umstritten und soll nun bis 2020 kommen – warum erst in vier Jahren?

Wäre es nach mir gegangen, hätten wir es schon heute! Aber in der Politik braucht man Kompromisse. So ist Demokratie.

Brauchen wir nicht ein komplettes Werbeverbot? Immerhin bleibt Zigarettenwerbung in Schaufenstern noch erlaubt.

Junge Menschen werden durch die Werbung auf Plakaten am meisten angesprochen, deshalb müssen wir gerade diese besser heute als morgen verbieten.

Sind beim Drogenkonsum Fixerstuben sinnvoll?

Das kann man nicht pauschal beantworten. Wir haben sie in sechs Bundesländern, in Europa aber kaum. Wir sehen, dass sie nicht die einzige Lösung sind, denn in Ländern wie etwa dem Saarland ist die Zahl der Drogentoten trotz der angebotenen Räume gestiegen.

Kinderärzte warnen, dass immer jüngere Kinder und Jugendliche süchtig werden. Stimmt das?

Das kommt ganz auf den Bereich an. Bei Internet- und Handy-Sucht sehen wir steigende Zahlen. Wir können aber weder Handys noch Computer wegwerfen, weil sie zu unserem Leben gehören. Hier ist die Herausforderung besonders groß. 500 000 Menschen in Deutschland gelten bereits als Onlinesüchtig, Tendenz steigend. Gerade Jugendliche sind besonders betroffen. Vier Prozent der 14-16-Jährigen gelten als internetabhängig, weitere 15 Prozent zeigen eine problematische Internetnutzung. Daher setze ich in diesem Bereich auf die richtige Medienkompetenz. Ich werde meine Jahrestagung 2016 auf dieses Thema konzentrieren. In anderen Bereichen funktionieren gesetzliche Regelungen besser: Seit 1. April dürfen E-Zigaretten nicht mehr an Jugendliche verkauft werden. Das war mir ein großes Anliegen, das wir erfolgreich und zügig umsetzen konnten. Hier wurden Kinder angefüttert, um ins Rauchen einzusteigen. Das war eine tickende Zeitbombe.


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