Tausende Demonstranten Nuit Debout: In Frankreich liegt Revolution in der Luft


Paris. Was als spontane Bürgeraktion begann, könnte sich zu einer umfassenden antikapitalistischen Protestbewegung auswachsen: Seit zwei Wochen versammeln sich jeden Abend tausende Menschen in ganz Frankreich, um gegen soziale Ungerechtigkeiten zu demonstrieren. Sie haben weder ein Programm, noch einen Anführer – aber viel Enthusiasmus.

Es ist nicht Juli 1789, auch nicht Mai 1968, aber ein Hauch von Revolution schwebt in der Luft von Paris. Oder zumindest der Wille zu einem radikalen Wandel. Hunderte Menschen versammeln sich auf dem Platz der Republik und bilden Kreise um wechselnde Redner. Jeder bekommt zwei Minuten, um seine Vorstellungen von einer gerechteren Gesellschaft zu präsentieren. „Zeigen wir, dass wir selbst handeln können“, ruft ein junger Mann. „Haben wir Mut zum Idealismus!“ Wohlwollend hört das Publikum zu, vor allem Schüler und Studenten, aber auch Rentner sind darunter.

Bürgerinitiative „Nuit debout“

Auf dem Platz im Osten der französischen Hauptstadt wurde im letzten Jahr den Opfern der Terror-Attentate gedacht, die sich in unmittelbarer Nähe abspielten; jetzt gerät er zum zentralen Treffpunkt für die Bürgerinitiative „Nuit debout“, also „Nacht im Stehen“. Noch scheint ungewiss, ob sie sich bald wieder zerstreut – oder ob Frankreich gerade den Beginn einer umfassenden antikapitalistischen Protestbewegung erlebt, wie sie die USA vor ein paar Jahren mit der „Occupy Wall Street“ gekannt hat, während in Spanien die „Indignados“ („Die Empörten“) gegen unfaire soziale und wirtschaftliche Verhältnisse ankämpften.

In Frankreich begann alles mit dem Widerstand gegen eine Arbeitsmarktreform, mit der die Regierung den Kündigungsschutz lockern und die 35-Stunden-Woche aufweichen will; während sie sich die Regierung durch die Flexibilisierung Stellenschaffungen erhofft, befürchten die Gegner den Ausverkauf sozialer Errungenschaften. „Kämpfen wir wie die Löwen, um nicht schuften zu müssen wie die Hunde“, fordern sie.

Schüler und Studenten mit Spruchbändern

Nach einem landesweit von Gewerkschaften, Schüler- und Studentenverbänden organisierten Protesttag am 31. März gingen viele von ihnen einfach nicht nach Hause. Mit ihren Spruchbändern verharrten sie auf dem Platz der Republik – um seither jeden Abend wiederzukommen. Am Wochenende waren es tausende, inzwischen gibt es Ableger von „Nuit debout“ in mehr als 100 französischen Städten. Neben einer täglichen Vollversammlung werden in Kommissionen praktische Fragen geklärt sowie Anliegen ausgearbeitet, die in einem Manifest stehen. Sie reichen von einer humaneren Aufnahme von Flüchtlingen über die Kritik an den jüngsten Anti-Terror-Gesetzen bis zur Forderung nach einem neuen Wahlsystem.

Gewaltsame Zusammenstöße

Da sich auch Krawallmacher unter die friedlich Debattierenden mischten, von denen sich ein Teil zur Privatwohnung von Premierminister Manuel Valls aufmachte, kam es am Wochenende zu gewaltsamen Zusammenstößen mit der Polizei und mehreren Festnahmen. „Wir müssen Ausschreitungen vermeiden, die uns unglaubwürdig machen würden“, sagt die 27-jährige Aktivistin Flore. Sind die Demonstrationen auch offiziell angemeldet, so werden sie nun von einer hohen Zahl an Einsatzkräften flankiert. Die Fronten verhärteten sich noch, seit die Polizei Küchen-Utensilien beschlagnahmte, mit denen die Aktivisten Essen verteilen wollten. Dass ein Stromausfall am Dienstagabend nur Zufall war, glauben sie ebenfalls nicht.

Politik scheint überfordert

Die Politik scheint überfordert und reagiert zurückhaltend. Während die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo erklärt, es sei „legitim, von einer besseren Welt zu träumen“, verspricht die Regierung, in ihrem Gesetzesentwurf speziell jungen Arbeitssuchenden entgegenzukommen. Am heutigen Donnerstag sucht Präsident Hollande in einer TV-Sendung den „Dialog mit den Bürgern“. Er fürchtet eine umfassende Jugendrevolte, die die Stimmung endgültig zum Kippen bringen könnte.

Schwierig sei es, bei Verhandlungen keinen Verantwortlichen als Ansprechpartner zu haben, sagt Flore. „Dabei ist das ja unser Prinzip: Wir haben keine vertikalen Hierarchien und entscheiden gleichberechtigt.“ Ob eine bunt zusammengewürfelte Bewegung ohne Anführer und politischem Programm dauerhaft überleben kann, wisse sie nicht. „Wir lernen jeden Tag dazu. Es gibt uns gerade mal zwei Wochen.“

Während bislang der rechtsextreme Front National den weit verbreiteten Verdruss über ein blockiertes System und eine bürgerferne politische Kaste monopolisiert hat, ist es nun die radikale Linke, die sich regt. Auch der Politikwissenschaftler Yves Sintomer nennt die aufkommende Bewegung beeindruckend: „In einem schwarzen Klima bedeutet das für viele frischen Wind.“ Ein Wind, der sich fast revolutionär anfühlt.

Weiterlesen: Wie Frankreich die Radikalisierung stoppen will


0 Kommentare