Anwalt von Terrorist Salah Abdeslam Sven Mary, Belgiens meistgehasster Verteidiger

Von Detlef Drewes

Anwalt Sven Mary verteidigt den Terroristen Salah Abdeslam. Foto: AFPAnwalt Sven Mary verteidigt den Terroristen Salah Abdeslam. Foto: AFP

Brüssel. Sven Mary verteidigt den Terroristen Salah Abdeslam. Damit hat er wohl den schwierigsten Fall seiner Karriere übernommen. Wie tickt der Anwalt?

Seine Kanzlei hat er schließen müssen. Das Telefon nimmt niemand mehr ab: Sven Mary, 43 Jahre alt und selbst nach Meinung von Kollegen einer der besten Strafverteidiger Belgiens, hat den wohl heftigsten Job seiner Karriere übernommen. Er verteidigt den 26-jährigen Salah Abdeslam, dem eine Beteiligung an den Pariser Anschlägen vorgeworfen wird. „Die Attentate von Paris haben mich angewidert und ich habe meine persönliche Meinung dazu“, sagte er noch am vergangenen Wochenende, unmittelbar nachdem er das Mandat übernommen hatte. Vor allem aber vor dem Angriff auf Brüssel.

Kampf gegen Willkür und Machtmissbrauch

„Aber mein Auftrag ist es, Menschen zu verteidigen, die mich darum bitten.“ Genau das hat Abdeslam getan (oder tun lassen) – offenbar schon vor einigen Wochen. Da waren nämlich in der Kanzlei Marys „Männer“ aufgetaucht, die ihn gefragt haben, ob er unter Umständen den Terroristen vertreten würde. Ihre Identität kenne er nicht. Die Frage, wer sein Honorar am Ende trägt, wurde offenbar auch nicht gestellt. „Mich motiviert der Kampf gegen Willkür und Machtmissbrauch“, erklärte er gegenüber einer belgischen Zeitung. „Und genau damit haben wir es derzeit zu tun.“ Die belgischen Ermittler, so sein Vorwurf, würden seit den Anschlägen vom 13. November in Paris „auf einer Welle der Angst reiten, um noch mehr Macht zu bekommen.“

Anwalt wird Mandat nicht niederlegen

Das war vor dem 22. März, als die Bomben am Brüsseler Flughafen und in der Metro explodierten und 21 Menschen in den Tod rissen sowie über 300 teilweise schwer verletzten. Seither gibt es nur noch eine Äußerung von Mary: Sein Mandant könne damit nichts zu tun haben. Er sitze im Gefängnis, sei „isoliert, kann weder Radio hören noch das Fernsehen verfolgen. Er hat über diese Anschläge nichts gesagt.“ Dass er vielleicht doch sein Mandat niederlegen könnte, ist nicht anzunehmen.

Die Klienten Marys

Mary setzt sich gerne in die Nesseln. Zu seinen Klienten gehörten unter anderem der Islamist Fouad Belkazem, der mit seiner Organisation „Sharia4Belgium“ hunderte junger Menschen für den Dschihad rekrutierte, der Schwerverbrecher und Ausbrecherkönig Nordin Benallal und Michel Lelièvre, der als rechte Hand des Sexualstraftäters und Kindermörders Marc Dutroux gilt. Aber auch Filmstar Jean-Paul Belmondo vertraute ihm, als die belgischen Behörden gegen seine Freundin wegen Geldwäsche ermittelten.

Großmaul, aber exzellenter Verteidiger

Aufbrausend, liebenswert, fesselnd, streitlustig, provokant, nervig – so beschreiben ihn seine Kollegen. Er sei ein Großmaul, ein Störenfried, aber eben auch ein exzellenter Strafverteidiger. Der allerdings mit seinem Mandanten Salah Abdeslam eine erste Niederlage hinnehmen musste. Mary wollte eine Auslieferung Abdeslams nach Paris verhindern. „Wir müssen vor unserer eigenen Haustüre kehren“, begründete er seine Strategie. Doch Abdeslam selbst willigte in die Auslieferung ein und stellte seinen Anwalt bloß. „Ich muss wissen, wie seine Verteidigung aussehen soll“, betonte Mary daraufhin. „Falls seine Linie sein sollte ‚Ich war nicht in Paris‘, würde mich das ärgern, in dem Fall könnte ich ihn nicht verteidigen.“

Jurastudium statt Fußballkarriere

Kämpfen hat der verheiratete Vater von zwei Kindern auf dem Fußballplatz gelernt. Er spielte jahrelang in der Jugendmannschaft des legendären RSC Anderlecht, bis ihn eine Verletzung aus der Bahn warf. Er entschied sich für das Jurastudium an der Freien Universität Brüssel und setzte seinen Schwerpunkt auf das Strafrecht. Dass er darin gut ist, bezweifelt niemand. Trotzdem sind seine Spitznamen wenig schmeichelhaft. „Anwalt der Schurken“ und „Pitbull“ wird er in Belgien genannt. Wie sehr er gehasst wird, bekommt er jeden Tag schriftlich. Dem Vernehmen nach erreichten ihn hunderte Mails, in denen er wüst beschimpft wird. Polizeischutz hat er abgelehnt. Aber das war alles vor den Bomben des 22. März.