Anschläge in Brüssel Terror: Warum immer wieder Molenbeek?

Wenn sich islamistische Terroristen in Europa verstecken wollten, dann war Molenbeek der ideale Ort. Im Brüsseler Vorort mit seinen 100.000 Einwohnern sind 40 Prozent der Einwohner Moslems. Die Gesetzlosigkeit hat hier tiefe Wurzeln. Foto: imago/BelgaWenn sich islamistische Terroristen in Europa verstecken wollten, dann war Molenbeek der ideale Ort. Im Brüsseler Vorort mit seinen 100.000 Einwohnern sind 40 Prozent der Einwohner Moslems. Die Gesetzlosigkeit hat hier tiefe Wurzeln. Foto: imago/Belga

Brüssel. Noch ist nicht bekannt, wer die Anschläge von Brüssel verübt hat. Aber schon wird wieder auf den Vorort Molenbeek gezeigt. Hier hat Salah Abdeslam gelebt, hierher wurden auch die Spuren anderer Attentäter von Paris verfolgt. Molenbeek ist seit Jahrzehnten arm, hier wohnen die Verlierer der Gesellschaft.

Wenn sich islamistische Terroristen in Europa verstecken wollten, dann war Molenbeek der ideale Ort. Im Brüsseler Vorort mit seinen 100.000 Einwohnern sind 40 Prozent der Einwohner Moslems. Die Gesetzlosigkeit hat hier tiefe Wurzeln. Schon ein Jahr vor den Anschlägen von Paris von November 2015 sagte der belgische Innenminister Jan Jambon in einer Fernsehsendung: „Wir haben derzeit keine Kontrolle über die Situation in Molenbeek.“ Nach den Anschlägen von Paris führten die Spuren sehr rasch nach Molenbeek. Hier verhaftete die belgische Polizei den 27-jährigen Mohammed Amru und den 21-jährigen Haza Attou. Salah Abdeslam dagegen wurde erst vergangene Woche verhaftet.

Radikale in Molenbeek konzentriert

Die Verbindungen zwischen den muslimischen Gemeinschaften in Frankreich und Belgien sind eng – sie haben ihre gemeinsamen Wurzeln im französischsprachigen Nordafrika. Aber die beiden Gemeinschaften sind unterschiedlich organisiert. „Frankreich hat eine bedeutende muslimische Bevölkerung, aber sie ist geographisch weit verteilt“, sagt Farid el Asri, Direktor des EMRID-Netzwerkes, einer Forschungsgruppe in Belgien. „In Belgien ist ein großer Teil von ihnen auf Brüssel konzentriert, und hier vor allem auf die alten Arbeiterviertel. Und gerade in der Gemeinde Molenbeek konzentrieren sich die Radikalen unter ihnen“, so el Asri.

Molenbeek bietet einen guten Nährboden für sie: Wie in Frankreich leiden gerade junge Moslems an der Diskriminierung durch die Mehrheitsgesellschaft. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, viele sehen keine Perspektiven. „Das schafft Misstrauen gegenüber der Gesellschaft“, sagt el Asri. „Die jungen Leute erwarten nichts mehr von der Gegenwart und erst recht nichts mehr von ihrer Zukunft. Alles, was sie suchen, ist Abenteuer und Adrenalin.“ Das ist auch schon immer so gewesen: Kriminalität hat hier stets zum Alltag gehört. Wer konnte, zog von Molenbeek weg.

Waffen für den Terror

Nun bietet der Terrorismus eine scheinbare Perspektive. Die Strukturen, die lange die „normale“ Kriminalität ermöglicht haben, werden nun für den Terror umgenutzt. So sollen die Terroristen, die während des Angriffs auf die französische Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ einen jüdischen Supermarkt angegriffen haben, ihre Waffen in Molenbeek gekauft haben. Auch die Waffe für den Angriff auf das jüdische Museum in Brüssel könnte aus diesem Stadtteil stammen.

Behörden reden nicht miteinander

Aus Belgien sind überdurchschnittlich viele Dschihadisten in den Syrienkrieg gezogen. Die Behörden gehen von mehr als 400 aus. Wenn sie zurückkommen, entgehen sie oft der Aufmerksamkeit der Behörden. Das hat auch mit der Struktur Belgiens zu tun: Brüssel liegt auf der Sprachgrenze zwischen dem flämischen und dem frankophonen Teil des Landes. Die Behörden der beiden Landesteile sprechen oft nicht miteinander. Und allein die Hauptstadtregion hat sechs verschiedene Polizeibehörden. „Die Herangehensweise der verschiedenen lokalen Behörden ist zu unterschiedlich“, musste Innenminister Jambon schon im Herbst eingestehen.


Bei zahlreichen Terroranschlägen sind in den vergangenen Monaten Hunderte Menschen ums Leben gekommen. Einige Fälle:

März 2016: Ein Selbstmordattentäter sprengt sich auf einer Einkaufsstraße in Istanbul in die Luft. Fünf Menschen sterben. – Einige Tage zuvor kommen bei Anschlägen auf drei Hotels in der Elfenbeinküste 22 Menschen ums Leben. – In der türkischen Hauptstadt Ankara werden 37 Menschen bei einem Autobombenanschlag getötet.

Februar 2016: Bei einem Anschlag in Ankara sterben 28 Menschen durch einen Sprengsatz nahe einem Militärstützpunkt. – Die Terrorgruppe Al-Shabaab überfällt im gleichen Monat ein Hotel und eine Parkanlage in Mogadischu. 22 Menschen werden getötet.

Januar 2016: Ein Selbstmordattentäter der Terrormiliz Islamischer Staat zündet im historischen Zentrum Istanbuls eine Bombe mitten in einer deutschen Reisegruppe nahe der Hagia Sophia und der Blauen Moschee und reißt zehn Menschen in den Tod, darunter acht Deutsche. – Terroristen der Al-Kaida im Islamischen Maghreb überfallen in Burkina Faso ein Restaurant und nehmen in einem Hotel Hunderte Geiseln. 29 Menschen werden getötet. – Bei einem Anschlag der Al-Shabaab auf ein Hotel und ein Restaurant in Mogadischu werden 20 Menschen ermordet. – Beim Angriff eines Extremisten mit Messern auf ein Touristenhotel im ägyptischen Badeort Hurghada werden drei Urlauber verletzt.

November 2015: In Paris werden bei mehreren Anschlägen 130 Menschen getötet und 350 verletzt. Kommandos der Terrormiliz Islamischer Staat richten ein Massaker im Musikclub „Bataclan“ an, beschießen Bars und Restaurants. – In Mali nehmen Islamisten mehr als 100 Hotelgäste als Geiseln und töten mindestens 20 von ihnen. – In Somalia richten Terroristen ein Blutbad in einem Hotel an und ermorden 17 Menschen. – Im Libanon sterben bei Sprengstoffanschlägen des IS in einem dicht besiedelten Stadtteil von Beirut insgesamt 43 Menschen; über 200 werden verletzt. (swi/dpa)

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