Neue NOZ-Serie „Lügenpresse“: Die Mutter aller Verschwörungstheorien

Von Maik Nolte

Karikatur: Klaus StuttmannKarikatur: Klaus Stuttmann

Osnabrück. Von der Kriegspropaganda des Ersten Weltkriegs über die Kampfrhetorik der NSDAP bis zu den Pegida-Demonstrationen der vergangenen Jahre: Das Wort „Lügenpresse“ legt eine erstaunliche Langlebigkeit an den Tag. Dahinter steckt eine Verschwörungstheorie, die nicht nur neue Popularität genießt, sondern zugleich den Boden für andere irrwitzige Überzeugungen bereitet.

Es steht, zumindest in den Köpfen einiger, schlimm um Deutschland. Die Regierung – ob nun die in Berlin oder die in Washington – will uns mit Chemtrails kontrollieren, vergiften oder gleich umbringen. Sie will das Land heimlich islamisieren, den Dritten Weltkrieg anzetteln und den Menschen per Impfungen heimlich Chips implantieren – und überhaupt ist Deutschland gar kein richtiger Staat, sondern bloß eine Firma, gelenkt von den USA oder einem Geheimbund nach Wahl. Warum die Medien, die doch dazu da sind, solch diabolische Machenschaften aufzudecken, darüber nicht berichten? Nun, weil sie lügen – entweder, weil sie von den Machthabern, wer immer das auch ist, dazu gezwungen werden oder sie ohnehin mit ihnen unter einer Decke stecken. Ist ja überall zu hören, muss ja etwas dran sein.

Willkommen in der Welt der Verschwörungstheorien.

Verschwörungen – richtige, echte Verschwörungen – sind vermutlich so alt wie die Zivilisation selbst. Die Ermordung Julius Caesars wäre als klassisches Beispiel zu nennen; im Prinzip beruht jeder Putschversuch, jede Terrorzelle und jede politische Intrige auf dem Fundament der Verschwörung. Aber Verschwörungstheoretiker? Waren das nicht eigentlich immer diese verschrobenen Einzelgänger, die von Außerirdischen Entführten oder von den Freimaurern Verfolgten in ihrem stillen Kämmerlein? Menschen, die – nach Ansicht der Mehrheit – öfters mal an die frische Luft gehen sollten, die man aber sonst nicht weiter ernst nehmen muss?

Keine harmlose Spinnerei

Spätestens die tätlichen Angriffe auf Journalisten auf Pegida-Demonstrationen zeigen: Harmlos ist Verschwörungsdenken beileibe nicht. Der Kölner Medienwissenschaftler John Seidler warnt daher: „Verschwörungstheorien dürfen nicht als Spinnerei abgetan, sondern müssen als zentrales Problem der modernen Mediengesellschaft ernstgenommen werden.“ Denn: „Der Anteil der Menschen, die an Verschwörungstheorien glauben, liegt seit einigen Jahren zwischen 20 und 40 Prozent der Bevölkerung.“

Das Spektrum an Verschwörungstheorien ist breit, es reicht von der Spaßtheorie der „Bielefeld-Verschwörung“, der zufolge die Stadt Bielefeld gar nicht existiert, bis hin zum mörderischen Wahn der Nationalsozialisten, die eine jüdisch-bolschewistische Weltverschwörung am Werke sahen. Ihre Marktschreier sind mal tatsächlich bloß unbekannte Kauze, mal aber auch Bewerber um die US-Präsidentschaft wie Ross Perot, der hinter der US-Regierung ein „Secret Team“ vermutete, das eigentlich das Sagen habe, und mal Diktatoren wie Josef Stalin, der überall Trotzkisten am Werk sah – die Grundlage für die blutigen Säuberungen der späten 30er-Jahre. Selten aber waren Verschwörungstheorien so allgegenwärtig wie derzeit.

Nichts ist vor den „Wahrheits“-Suchern sicher

Die rasante Entwicklung des Internets und Sozialer Medien hat ihre Verbreitungsgeschwindigkeit immens beschleunigt. Und nirgendwo hat das Sprichwort „Wer suchet, der findet“ mehr Berechtigung als im Netz, diesem gigantischen Wühltisch der Ideen, seien sie auch noch so albern, abstrus oder abwegig. Kaum ein Ereignis, ein Unfall oder eine Naturkatastrophe, in deren Kielwasser nicht die passende Verschwörungstheorie heranschwappt – oft noch am selben Tag. Nicht einmal das tragische Zugunglück von Bad Aibling blieb davor bewahrt, manchem als Kulisse für eine Verschwörungstheorie zu dienen (etwa: Der Unfall sei gezielt herbeigeführt worden, um eine Warnung an CSU-Chef Horst Seehofer zu richten, der sich zu sehr an den russischen Präsidenten Putin heranwanze). Und noch nie war es für ihre Erfinder so einfach, sich per Photoshop die nötigen „Bildbeweise“ selbst zurechtzuzimmern.

Wie schnell eine Verschwörungstheorie in kurzer Zeit den Weg vom Muff der Hinterzimmer und Kneipentresen in den breiten öffentlichen Diskurs zurücklegen kann, zeigt das Schlagwort der „Lügenpresse“. Regelmäßig skandieren Rechtsextremisten auf Kundgebungen den Kampfbegriff , der es nicht nur zum Unwort des Jahres 2014 gebracht hat, sondern sich, wie es der Zufall will, auch auf „Halt die Fresse“ reimt. In unzähligen Internetposts werden Medien pauschal der Manipulation bezichtigt und beinahe jeder zweite Deutsche (47 Prozent) versah in einer aktuellen Emnid-Umfrage die Medienberichterstattung mit dem Prädikat „unehrlich“. Den Medien, so scheint es, bricht das Vertrauen der Konsumenten massiv weg. Woher kommt das?

„Verhandelte Eisenhower mit Aliens?“

Der Leipziger Journalist und Medienwissenschaftler Uwe Krüger sieht in der teils tendenziösen Berichterstattung einer Reihe von Medien zur Ukraine-Krise ab dem Frühjahr 2014 eine Art Initialzündung dessen, was sich zu einer weit verbreiteten „Fundamentalkritik“ an der Medienlandschaft auswachsen sollte. Seidler wiederum möchte diesen Aspekt nicht überbewertet wissen: „Das pauschale Bild von der Lügenpresse kommt nicht von irgendwoher“, sagt der Forscher, die Berichterstattung etwa zur Ukraine-Krise habe „lediglich als Aufhänger fungiert“. Das Bild sei aber „über eine jahrelange Hochphase von Verschwörungstheorien in unserer Kultur bereits gut etabliert“ gewesen. Wie gut, zeigt derzeit bild.de, das mit einer „Mystery“-Seite auf Klickfang geht. Schlagzeile: „Verhandelte US-Präsident Eisenhower mit Aliens?“

Allerdings sind solche Geschichten eher nicht gemeint, wenn von „Lügenpresse“ die Rede ist. Das Misstrauen ist laut Seidler auch gar nicht neu, es lasse sich historisch bis zum Aufkommen der Massenmedien zurückverfolgen. Und die Zahl der Menschen, „die den Medien in großem Stil Lügen unterstellen oder zutrauen“, ist demnach „wahrscheinlich nicht wesentlich größer geworden“ – der Lügen-Vorwurf wird nur lauter als sonst geäußert.

Beweis? Gar nicht nötig

Zum Beispiel von Menschen wie dem Blogger Michael Mannheimer. Seine Aussage in einem beliebig herausgesuchten Blogpost: „Es ist nahezu alles gelogen, was uns von Regierung- und Medienseiten über die „Flüchtlinge“ […] anbetrifft (sic).“ Sein Beleg: ein in ein Bildchen gebasteltes angebliches Lügen-Geständnis des – namentlich nicht genannten – BBC-Nachrichtenchefs. Dass dieses „Geständnis“ nirgendwo anders thematisiert wird, macht die steile These in der Logik der Verschwörungstheoretiker nur noch stichhaltiger. Weil: Es lügen ja alle. Dass weder Mannheimer noch die frühere NPD-Funktionärin Sigrid Schüßler einem Team des TV-Magazins „Zapp“ erst kürzlich kein einziges konkretes Beispiel für mediale Lügen nennen konnten, tut ihrer Überzeugung oder der ihrer Anhänger ebenfalls keinen Abbruch. Denn: Hätten sie eines genannt, wäre es sowieso aus dem Beitrag geschnitten worden. Weil: Es lügen ja alle. Und so weiter.

Verschwörungsgläubigen geht es dabei nicht nur um – teils auch berechtigte – Kritik an der Berichterstattung zu bestimmten Themen, sondern weit mehr. Denn ohne „Lügenpresse“ gibt es überhaupt keine Verschwörungstheorie – sie alle basieren auf der Annahme, dass die „wahren“ Hintergründe über Jahrzehnte, teilweise gar Jahrhunderte erfolgreich geheimgehalten werden. Um also die Welt im Ungewissen über die „Wahrheit“ zu lassen, sind demnach monströse Lügengespinste nötig – und die können nur überdauern, weil die Medien sie nicht aufdecken. „Der Kern jeder Verschwörungstheorie ist die große Medienverschwörung“, resümiert Seidler, der zu diesem Thema seine Dissertation verfasst hat. Sprich: Ohne die Annahme einer Komplizenschaft zwischen Strippenziehern und Schmierfinken fällt jede Theorie über ruchlose Ränke diffuser Mächte lautlos in sich zusammen.

Gefahr für die demokratische Kultur

Das alles mag man als Tändelei sehen, die sich in der abgeschlossen und skurrilen Welt der Bescheidwisser abspielt. Wenn zwei von fünf Bürgern anfällig für Verschwörungsglauben sind, heißt das, dass sie sich auch von demokratischen Werten entfremden. „Verschwörungstheorien etablieren einen Wahrnehmungsstandard, der den Glauben an demokratische Systeme, und zwar mit Referenz auf die Medien, vollends unterläuft“, formuliert es Seidler.

Gerade von der Mär der orchestrierten Medien-Manipulationen gehe daher eine besondere Gefahr aus: „Es haben sich schon immer bestimmte Bewegungen des Bildes der ‚Lügenpresse‘ bedient, um Anhänger zu rekrutieren.“ Seidler verweist auf die Nationalsozialisten, die den Kampfbegriff der „Lügenpresse“ ebenfalls verwendeten, bevor sie diese Presse nach der Machtübernahme auf Linie trimmten. Davor allerdings „operierte die NS-Bewegung ja keinesfalls mit Gleichschaltung, sondern ganz wesentlich mit der Unterstellung einer Gleichschaltung seitens ihrer Gegner“ – ein Vorwurf, der im Jahr 2016 erstaunlich vertraut klingt. Die Nazis „inszenierten sich als Widerstandsbewegung gegen eine jüdische Verschwörung, die zuallererst eine liberale Medienverschwörung sein sollte“. Mit dem Anspruch, gegen eine solche Verschwörung vorzugehen, ließen sich dann weitere Anhänger sammeln: „Die effizienteste Propaganda ist immer die, die sich als Gegenpropaganda versteht.“

Wie effizient, stellen derzeit vor allem die Pegida-Bewegung und die AfD unter Beweis. Die Alternative für Deutschland setzt das Motiv, einsamer Kämpfer gegen die große Verschwörung von Eliten, Politik und Medien zu sein, so gezielt ein wie keine andere nennenswerte Partei. AfD-Chefin Frauke Petry bedient, wie auch andere Parteispitzen, den Lügen-Vorwurf regelmäßig, auch wenn sie lieber von „Pinocchio-Presse“ spricht. Die beinahe programmatische Paranoia schadet der AfD offensichtlich nicht, wie die jüngsten Wahlergebnisse zeigten.

Was tun?

„Lügenpresse“ ist ein Pauschalvorwurf, der sich aus Sicht Verschwörungsgläubiger leicht belegen, von Ungläubigen aufgrund der inneren Verschwörungslogik aber nur schwer widerlegen lässt. Was also tun? Eine Stärkung der Medienkompetenz wäre sicher auch hilfreich, meint Seidler. Allerdings dürfe sich diese dann auch nicht auf den Hinweis beschränken, Medien kritisch zu beäugen: „Das ist ja nur eine naseweise Gratis-Empfehlung, die niemand besser verinnerlicht hat als die sogenannten Verschwörungstheoretiker selbst.“


„Lügenpresse“

Der Begriff der „Lügenpresse“ ist keineswegs neu. Spätestens zur Zeit der Revolution von 1848 lässt er sich nachweisen: „Die jüdische Lügenpresse“, schrieb ein Abgeordneter der Frankfurter Nationalversammlung zur Hinrichtung eines Mitrevolutionärs, „strengte alle Kraft an, die Augen der Welt über den wahren Sachverhalt zu blenden (...).“

Später taucht er immer wieder in politischen Kampfschriften auf. Einen hohen Verbreitungsgrad hatte der Begriff während des Ersten Weltkriegs, als die deutsche Propaganda mit ihm auf Berichte alliierter Medien über deutsche Kriegsverbrechen reagierte. Später wurde der Begriff vor allem von politischen Extremisten verwendet: Kommunisten schmähten mit ihm etwa die bürgerlich-konservative Presse. Die Nationalsozialisten wiederum nutzten ihn von Anfang an für ihre Propaganda, Adolf Hitler sprach bereits 1922 von einer „marxistischen Lügenpresse“, das Bild wurde von der NS-Propaganda bis zum Zusammenbruch des Regimes durchweg ausgiebig gepflegt. Auch in der DDR-Rhetorik fand der Begriff in bezug auf die kapitalistische Presse bis in die 70er-Jahre hinein Anwendung. mno