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18.03.2016, 16:31 Uhr EX-FDP-CHEF UND AUßENMINISTER TOT

Nichts Schlechtes über Westerwelle

Kommentar von Burkhard Ewert

Guido Westerwelle und sein Lebensgefährte Michael Mronz. Ob auf Staatsbesuch, im Stadion oder hier bei den Bayreuther Festspielen trat das Paar ganz selbstverständlich gemeinsam auf. Gegen die Diskriminierung Homosexueller bewirkte der FDP-Politiker damit mehr als viele radikale Aktivisten. Foto: AFPGuido Westerwelle und sein Lebensgefährte Michael Mronz. Ob auf Staatsbesuch, im Stadion oder hier bei den Bayreuther Festspielen trat das Paar ganz selbstverständlich gemeinsam auf. Gegen die Diskriminierung Homosexueller bewirkte der FDP-Politiker damit mehr als viele radikale Aktivisten. Foto: AFP

Osnabrück. Über Tote soll man nichts Schlechtes sagen. Dass das an dieser Stelle nicht geschieht, liegt aber nicht an diesem Grundsatz allein. Denn über den früheren FDP-Vorsitzenden und Außenminister Guido Westerwelle ist bereits so viel Schlechtes gesagt worden, dass es für ein Leben reicht – für ein so traurig kurzes wie seines allemal.

Das Allermeiste davon war selbst- und ungerecht. Westerwelle war eine der ersten Personen des öffentlichen Lebens, die von kübelnden Breitseiten der sozialen Medien erwischt wurden. Zu einer Zeit, als das Phänomen Shitstorm noch keiner so recht einordnen konnte, schien der Hass und bösartige Spott, der ihm entgegenschlug, ernst gemeint und dauerhaft. Entsprechend verletzte und verunsicherte ihn die Ablehnung tief.

Egal, was er sagte, es war falsch

Wenig Anerkennung erfuhr Westerwelle hingegen dafür, wie er die FDP zu ungeahnten Erfolgen führte. Dass er einfühlsam und klug war und im liberalen Sinne aufrecht handelte. Dass er sich über den Sturz von Muammar al Gaddafi nicht freuen konnte, weil er wusste, dass dies in Zeiten eines um sich greifenden Islamismus ein Pyrrhussieg war. Was er sagte, fanden die Massen falsch, weil sie es und ihn wie durch einen Filter sahen.

Mehr erreicht als Aktivisten

Im Ausland erfuhr Westerwelle eine größere Wertschätzung. Auch dafür hat er sie verdient, dass er auf eine stille und sehr menschliche Weise mehr für Homosexuelle bewirkt hat als manch ein Politiker des linken Spektrums, der sich den Kampf gegen die Diskriminierung zum Hauptziel gesteckt hat. Die schwingen dann Plakate und urteilen scharf, Vizekanzler Westerwelle nahm seinen Partner geradezu beiläufig mit auf Staatsbesuch und brach so kurzerhand ein historisches Tabu.

Späte Scham

Ein wenig Versöhnung war ihm vergönnt. Als der Liberale, bereits todkrank, im vergangenen Herbst ein Buch über sein Leben und die Hoffnung veröffentlichte, den Krebs zu besiegen, da schämte sich jeder, der den Mut hatte es zu lesen und sich auf einen anderen Westerwelle einzulassen als den, der so sehr verurteilt und verhöhnt worden war.

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