„Putin ist politisch für den Mord verantwortlich“ Boris Nemzow 2015 getötet: Schanna Nemzowa kritisiert Ermittlungen


Bonn. Vor genau einem Jahr wurde der wohl bekannteste russische Oppositionspolitiker, Boris Nemzow, mitten in Moskau auf der Moskwa-Brücke direkt neben dem Kreml erschossen. Seine Tochter Schanna, die seit einigen Monaten in Bonn lebt, kritisiert die Ermittlungen – und auch die Regierung von Wladimir Putin.

Bonn. In der italienischen Pizzeria „Dante“ in Bonn-Beuel starren die Gäste an diesem Donnerstagabend im Februar gebannt auf die Fernseher an der Wand. Lukasz Piszczek hat gerade das 1:0 für Borussia Dortmund im Europa-League-Spiel gegen den FC Porto erzielt. Schanna Nemzowa lässt sich von dem Torjubel nicht ablenken: Die Tochter des vor einem Jahr in Moskau ermordeten Oppositionspolitikers Boris Nemzow ist fokussiert, schließlich berichtet sie im NOZ-Interview über den Stand der Ermittlungen, über Putins Regierungsstil und ihr gerade erschienenes Buch mit dem Titel „Russland wachrütteln“.

Zur Erinnerung: In der Nacht vom 27. Februar 2015 ist Boris Nemzow zusammen mit seiner ukrainischen Freundin Anna Durizkaja zu Fuß auf dem Weg vom Roten Platz nach Hause, als ihn auf der Moskwa-Brücke mehrere Schüsse in den Rücken treffen. Gerade in dem Moment, als eine Kehrmaschine an dem Paar vorbeifährt und es für eine der vielen Überwachungskameras verdeckt. Nemzow stirbt noch am Tatort. Das Attentat löst weltweit Entsetzen aus. Hunderttausende Russen reihen sich kurz darauf am 1. März in eine noch von Nemzow zuvor organisierte Demonstration gegen die Regierung ein und skandieren Parolen wie „Putin, Mörder“.

Schnell präsentierten die Behörden die angeblichen Täter: Fünf Verdächtige aus Tschetschenien, darunter der mutmaßliche Todesschütze Saur Dadajew – ein sechster soll sich bei seiner Festnahme in die Luft gesprengt haben. „Es wird noch nach einem weiteren Verdächtigen gesucht, der der Fahrer in jener Nacht und der Drahtzieher gewesen sein soll“, erklärt Schanna Nemzowa zum offiziellen Ermittlungsstand. „Diese Version soll meines Erachtens aber nur ablenken von Figuren mit wesentlich höherem Rang in Tschetschenien, wie zum Beispiel Ruslan Geremejew.“ Dieser sei Offizier des Bataillons „Sewer“, einer berüchtigten Spezialeinheit, die zwar dem russischen Innenministerium untersteht, aber in Tschetschenien stationiert ist und damit de facto unter Kontrolle des dortigen, kremltreuen Machthabers Ramsan Kadyrow stünde. Geremejew sei zudem der Cousin des „Sewer“-Kommandeurs Alibek Delimchanow, dessen Bruder Adam in der russischen Duma sitzt.

„Wir haben es hier mit sehr mächtigen Clans zu tun“, betont Schanna Nemzowa, die plötzlich ihr Handy aus der Tasche zieht und ein Video präsentiert, das Delimchanow zusammen mit anderen „Sewer“-Kämpfern zeigt. Die Gruppe steht – irgendwann in den Wochen nach dem Attentat – in Moskau auf der Parallel-Brücke zur Moskwa-Brücke und posiert in Siegermanier. Die Botschaft scheint klar: Seht her, hier stehen wir, und keiner kann uns was.

„Mann der Prinzipien“

„Ich fordere, dass Ramsan Kadyrow als Zeuge vor Gericht aussagen muss und dass es eine internationale Kontrolle der Ermittlungen gibt“, sagt Schanna Nemzowa. Kadyrow habe schließlich wiederholt Oppositionelle wie ihren Vater öffentlich als Volksverräter beschimpft. „Präsident Wladimir Putin mache ich politisch für das Attentat verantwortlich“, führt Nemzowa weiter aus. „Zum einen, weil der Mord überhaupt passieren konnte, noch dazu an einem der wohl am besten gesicherten Plätze der Welt. Zudem setzte Putin meinen Vater mit seiner Propaganda-Maschine öffentlich massiv unter Druck. Und drittens machte der Präsident die Ermittlungen zur Chefsache. So kann er höchstpersönlich Kadyrow und seine Schergen decken.“

Aber warum musste Boris Nemzow überhaupt sterben? Darauf hat auch Schanna Nemzowa keine eindeutige Antwort. Eine mögliche Erklärung: Wenige Stunden vor dem Attentat gab der unerschrockene Politiker dem regierungskritischen Radiosender Echo Moskwy ein Interview, in dem er behauptete, Beweise für eine russische Beteiligung am Separatistenkrieg in der Ostukraine gesammelt zu haben. „Mein Vater war ein Mann der Prinzipien, der stets für Gerechtigkeit und Wahrheit in Russland gekämpft hat. Damit unterschied er sich fundamental von Putin. Und so jemand eckt natürlich in einer Gesellschaft an, die ebenfalls weitgehend prinzipienlos ist.“

Als Wladimir Putin an die Macht kam, sei sie 16 Jahre alt gewesen, erzählt Schanna Nemzowa und zuckt dabei ein wenig zusammen. „Und jetzt ist er immer noch an der Macht. Aber wofür steht er? Keiner weiß es. Er hatte und hat bis jetzt kein politisches Programm und nimmt auch nicht an politischen Debatten teil.“ Stattdessen diktiere er den Russen und dem Rest der Welt seine Sicht auf die Dinge, eine Sicht, die aus vielen Lügen bestehe.

Ihre russischen Landsleute würden durch die massive Propaganda und weitgehende Gleichschaltung der Medien, vor allem des Fernsehens, entmutigt, aktiv zu sein. Die Folge sei Fatalismus. „Die meisten sagen, man könne ohnehin nichts ändern“, betont Nemzowa. „Sie werden nur dann aktiv, wenn es um ihr eigenes Portemonnaie geht. Die Mehrheit der Russen handelt nicht idealistisch, sondern pragmatisch. Wenn es wirtschaftlich schlecht läuft, bringen sie eher das Geld außer Landes, als dass sie demonstrieren.“

Nur sehr wenige bringen den Mut auf, sich öffentlich gegen das System Putin zu wenden, das Nemzowa keineswegs als Diktatur, wohl aber als eine hybride Regierung zwischen Demokratie und Autokratie bezeichnet. „Am besten gefällt mir aber die Bezeichnung ‚Sumpf‘ für die russische Regierung“, sagt die 31-jährige Journalistin. „Ein Sumpf ist ein sehr flexibles, dehnbares und beständiges Ökosystem. Putin setzt auf Loyalität. Das ist für ihn das Wichtigste – und nicht, ob jemand integer und intelligent ist. Die meisten schwimmen mit dem Mainstream, um nicht unterzugehen.“

Stiftung gegründet

Sie wolle das politische Erbe ihres Vaters fortsetzen, ohne dafür aber politisch aktiv zu werden, sagt Schanna Nemzowa, die viele Ansichten von Boris Nemzow in ihrem Buch „Russland wachrütteln“ (Ullstein-Verlag) verarbeitet hat. Das lesenswerte Werk hat sie in Deutschland geschrieben, wohin sie nach ihrer Kündigung als Moderatorin beim russischen Wirtschaftssender RBK und Drohungen in sozialen Netzwerken emigrierte. Nemzowa arbeitet derzeit in Bonn bei der Deutschen Welle.

Gerade hat die 31-Jährige die Boris-Nemzow-Stiftung gegründet, die zur Gesellschaft und Politik in Russland forschen und Stipendien an Studenten vergeben soll. Auch einen „Nemzow-Preis“ will sie jährlich am 12. Juni, dem russischen Unabhängigkeitstag, verleihen – „für den Mut, seine Meinung zu äußern“. Dass Nemzow auch in seiner Heimat nicht vergessen ist, will die russische Opposition bei einem Marsch an diesem Samstag zeigen.


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