Osten holt auf, Westen steigt ab Sozialverbände: Armutsrisiko weiter auf hohem Niveau

Von epd

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In Westdeutschland steigt das Armutsrisiko. Foto: epdIn Westdeutschland steigt das Armutsrisiko. Foto: epd

Berlin. Das Armutsrisiko in Deutschland bleibt für Arbeitslose, Rentner und Alleinerziehende weiterhin hoch, obwohl es der Wirtschaft gut geht. Wie sich die Ankunft von einer Million Flüchtlingen auswirkt, wird sich erst in einigen Jahren zeigen.

Die Armut wandert nach Westen und betrifft zunehmend die Alten in Deutschland. Trotz der guten Wirtschaftsentwicklung bleibt das Armutsrisiko weiterhin hoch, wie aus dem „Bericht zur Armutsentwicklung 2016“ hervorgeht, den der Paritätische und weitere Verbände am Dienstag in Berlin vorstellten. Danach gehören rund 12,5 Millionen Menschen zu den Risikogruppen. Erwerbslose, Alleinerziehende und Rentner sind besonders gefährdet. In der regionalen Verteilung entwickelt sich das Ruhrgebiet im Westen der Republik zur neuen Armutsregion.

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Bundesweit lag die Armutsrisikoquote im Jahr 2014 bei 15,4 Prozent und damit 0,1 Prozentpunkte unter dem Niveau von 2013. Ob der leichte Rückgang ein Indiz dafür ist, dass das Armutsrisiko insgesamt nicht weiter zunimmt, lasse sich anhand dieser Zahl noch nicht sagen, erklärten die Verbände. In den vergangenen zehn Jahren ist die Quote kontinuierlich gestiegen. Die Kinderarmutsquote liegt mit 19 Prozent weiterhin deutlich über dem Durchschnitt. Die Hälfte dieser Kinder lebt im Haushalt eines alleinerziehenden Elternteils. Erstmals liegt auch die Armutsrisikoquote von Rentnern mit 15,6 Prozent über dem Durchschnitt.

Der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen, Ulrich Schneider sagte, heute lebten 3,4 Millionen Rentner an der Armutsschwelle. Diese Zahlen seien aber nur „Vorboten einer Lawine der Altersarmut“. In den vergangenen zehn Jahren sei die Armut unter Rentnern zehnmal so stark gestiegen wie beim Rest der Bevölkerung. Basis der Berechnungen sind alle Einkünfte der Rentner, nicht nur die Renten selbst. Besitz geht aber in den Armutsbericht nicht ein.

Flüchtlinge wirken sich noch nicht auf die Statistik aus

Die Ankunft von mehr als einer Million Flüchtlinge wirkt sich Schneider zufolge auf die Armutsstatistik erst aus, wenn die Menschen in eigenen Haushalten leben. Der Geschäftsführer von Pro Asyl, Günter Burkhardt, warnte, politische Fehlentscheidungen bei der Integration der Flüchtlinge erhöhten das Armutsrisiko für diese Gruppe später drastisch.

Unter den Bundesländern verzeichnen Bremen, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern die am stärksten sinkenden Armutsquoten, während die Armutsrisikoquote im Ruhrgebiet auf den Höchststand von 20 Prozent geklettert ist. Insgesamt standen neun Länder 2014 besser da als im Vorjahr, am stärksten haben dem Bericht zufolge die Länder aufgeholt, die die höchsten Armutsrisikoquoten haben.

Ausnahme Nordrhein-Westfalen

Die Ausnahme bildet Nordrhein-Westfalen. In dem bevölkerungsreichsten Bundesland verzeichnet der Bericht seit Jahren eine Negativentwicklung. Die Armutsrisikoquote stieg allein von 2013 bis 2014 um 0,4 Prozentpunkte auf 17,5 Prozent und liegt damit deutlich über dem bundesdeutschen Durchschnitt.

Die Armutsschwelle ist von Land zu Land verschieden. EU-weit gilt, dass armutsgefährdet ist, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat. In Deutschland liegt die Schwelle für Alleinstehende bei 917 Euro im Monat, für einen alleinerziehenden Elternteil mit einem Kind unter sechs Jahren bei 1.192 Euro und für ein Paar mit einem kleinen Kind bei 1.651 Euro. Die Schwelle variiert nach dem Alter der Kinder und beträgt etwa für Paare mit zwei älteren Kindern rund 2.100 Euro.

Weitere Verbände beteiligt

Der Paritätische gibt den Armutsbericht regelmäßig heraus. Erstmals haben sich weitere Verbände beteiligt, darunter das Deutsche Kinderhilfswerk, die Volkssolidarität und Pro Asyl. Die Vorsitzende der Linkspartei, Katja Kipping, erklärte, es sei eine Schande, dass trotz Wirtschaftsboom rund 12,5 Millionen Menschen an der Armutsschwelle leben müssen. Der sozialpolitische Sprecher der Grünen im Bundestag, Wolfgang Strengmann-Kuhn, forderte höhere Hartz-IV-Regelsätze, eine Kindergrundsicherung und Garantierenten, um die Armut zu bekämpfen. Der Sozialverband VdK verlangte eine Anhebung des Mindestlohns von derzeit 8,50 Euro. Auch Niedrigverdiener müssten eine Rente oberhalb der Armutsschwelle erwirtschaften können.


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