Handelsblatt-Herausgeber im Interview Steingart: Wir leben in einer Welt der Unordnung

Leute wie Andrea Nahles wachen morgens auf und überlegen, wie sie Geld ausgeben: Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart. Foto: imago stock&peopleLeute wie Andrea Nahles wachen morgens auf und überlegen, wie sie Geld ausgeben: Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart. Foto: imago stock&people

Osnabrück. Im NOZ-Interview plädiert Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart für mehr Ethik in der Wirtschaft. Wer sich wie Deutsche Bank und VW nicht daran halte, spüre schmerzhaft die Folgen. Mit Russland sei der Ausgleich zu suchen.

Herr Steingart, das „Handelsblatt“ versteht sich als Gemeinschaft zur Verbreitung des wirtschaftlichen Sachverstands. Wie ist es um diesen Sachverstand in Deutschland gegenwärtig bestellt?

Ich glaube, der ökonomische und auch grundsätzliche Sachverstand ist ausgesprochen ausgeprägt – einerseits. Andererseits fällt es im Moment schwer, einen faktenbasierten ökonomischen Blick auf die Welt zu verknüpfen mit den kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Ereignissen. Das macht die Komplexität der ganzen Sache aus. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Bundeskanzlerin Angela Merkel macht ein Foto, ein Selfie. Damit sendet sie ein menschliches Signal aus, das sich digital verbreitet, verstärkt und enorme emotionale Schwingungen auslöst, die am Ende zu einer massiven Zuwanderung auch in unsere Sozialsysteme führen. Hier berühren sich verschiedene Systeme in einer Komplexität, die sowohl politisch wie auch ökonomisch keiner mehr beherrscht.

Das gilt für alle gesellschaftlichen Kräfte und Parteien in Deutschland?

Das gilt für alle gesellschaftlichen Kräfte und Parteien und ist darüber hinaus ein universales und nicht einmal deutsches Phänomen. Die Potenzierung der Komplexität durch das Zusammenwirken verschiedener Disziplinen in einer Weise, wie es in der vor-digitalen Zeit nicht möglich war, macht die Welt ein Stück weit anarchistisch.

Das heißt, Ordnungspolitik ist von gestern und ein staatlicher Rahmen auch für die Wirtschaft zunehmend wirkungslos?

Ordnungspolitik ist, wenn man so will, in der Tat ein Begriff aus der guten alten Zeit. Man wünschte sich mehr davon, muss aber wissen, dass wir in einer Welt der Unordnung leben.

Dann sind auch Ludwig Erhard Rezepte nicht mehr anwendbar?

Das würde ich nicht so apodiktisch sagen. Ludwig Erhard hat uns ja als Wirtschaftsminister und Kanzler der Nachkriegszeit beispielsweise dazu ermahnt, sparsam zu sein und nicht mehr Geld auszugeben, als man erwirtschaftet. Das ist ein Gravitätsgesetz der Ökonomie. Wer es verletzt, fällt auf die Nase, wenn nicht früher, dann später. Leider hat sich die deutsche Politik angewöhnt, via Staatsverschuldung Wählerstimmen zu kaufen. Dies führt am Ende nicht zu Wohlstand und festigt auch nicht die Machtposition eines Staates. Aber Ausgabepolitiker wie Arbeitsministerin Andrea Nahles von der SPD wachen morgens auf und machen sich Gedanken darüber, wie sie Geld, das sie nicht haben, am besten ausgeben können. Und wenn es sich über Steuern oder Schulden nicht finanzieren lässt, dann wird halt bei der EZB neues Geld gedruckt – brandgefährlich.

Wie steht es mit Erhard und der privaten Wirtschaft?

Auch Erhards Vorstellungen von Ethik und Moral im unternehmerischen Handeln sollten ihre Gültigkeit behalten. Haben sie das nicht, schlagen Gesellschaft und Justiz zurück. Volkswagen und die Deutsche Bank bekommen das gegenwärtig zu spüren. Am Ende werden sie als Folge der Affären alle Gewinne zurückgezahlt haben, die sie in den Zeiten ihrer Vorstandsvorsitzenden Josef Ackermann und Martin Winterkorn angehäuft haben. Deshalb: Man darf niemanden aus der Pflicht lassen, Solidität, Nachhaltigkeit und Verantwortung zu leben. Die Prinzipien des ehrbaren Kaufmanns und der Ordnungspolitik sind nicht falsch, nur weil sie gegenwärtig oftmals missachtet werden. Es lohnt sich, an dieser Stelle stur zu sein.

Sie haben auf dem Höhepunkt der Ukraine-Krise ein leidenschaftliches Plädoyer für die Verständigung mit Russland geschrieben. Würden Sie es wiederholen?

Unbedingt! Russlands Präsident Wladimir Putin ist kein Willkürherrscher, sondern vertritt die Interessen seines Landes. Zudem hat jeder Tag seit Beginn der Krise gezeigt, dass es zu Dialog und Interessenausgleich keine Alternative gibt. Angela Merkel hat das sofort und als erste auch berücksichtigt, indem sie das Sanktionsregime, das unter den G7-Staaten verabredet worden war, nämlich mit Putin nicht mehr zu reden, durchbrochen hat. Die Friedensabkommen Minsk 1 und 2 wären andernfalls nicht zustande gekommen.

Russlands Wirtschaft leidet, Rubel und Ölpreis sind im Keller – ist eine Staatspleite zu befürchten?

Das Land verfügt über riesige Anbauflächen, ist einer der größten Hersteller von Getreide und schafft es nahezu, sich selbst zu versorgen. Zudem verfügt Russland über riesige Rohstoffreserven und eine enorm arbeitswillige Bevölkerung. Auch hat Premierminister Dmitri Medwedew im Interview mit unserer Zeitung jüngst verneint, dass es einen Bedarf an Krediten des Internationalen Währungsfonds geben könnte. Wir sollten Russland beim Aufbau einer modernen Wirtschaft helfen und nicht über finanzielle Schwierigkeiten spekulieren.

Sie möchten mehr über die Wirtschaft wissen? Die NOZ bietet Ihren Digital- und/oder Print-Abonnenten exklusiv ein besonders Angebot an: Sichern Sie sich den Handelsblatt-Digitalpass zum Vorzugspreis von 9,99 statt 30,99 Euro im Monat. Er bietet den kompletten Zugang zu allen Inhalten der Kollegen in Apps, Internet und Archiv. Jetzt hier informieren!


NOZ Agenda: Mehrfach im Jahr befasst sich unsere Redaktion in Schwerpunktwochen mit Serien und Veranstaltungen vertieft mit Themen der Zeit. Bisher beispielsweise mit „Religion und Gewalt“, „Integration und Migration“, „25 Jahre Deutsche Einheit“ und „Fleisch und Ernährung“. Teilnehmer waren unter anderem SPD-Chef Sigmar Gabriel, Russland Botschafter Wladimir Grinin, Stahl-Präsident Hans-Jürgen Kerkhoff, Zeitzeuge und DRK-Präsident Rudolf Seiters, Autor Thilo Sarrazin, SPD-Innenpolitiker Boris Pistorius, Unternehmer Clemens Tönnies und Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime.

Diesmal geht es eine Woche lang um „Automobil, Industrie, Energie: der Standort Niedersachsen“. Finden Sie einen regionalen Stärken-Schwächen-Check des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) oder Beiträge über unsere Podiumsdiskussion zu VW mit u.a. Ministerpräsident und Aufsichtsrat Stephan Weil und Auto-Professor Ferdinand Dudenhöffer auf unserer Themenseite zur NOZ-Agenda.

0 Kommentare