Migrationsforscher mahnt zu Vorsicht Wie viele Flüchtlinge werden dieses Jahr kommen?

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Der Forscher Jochen Oltmer vom Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien an der Universität Osnabrück. Foto: dpaDer Forscher Jochen Oltmer vom Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien an der Universität Osnabrück. Foto: dpa

Osnabrück. Wie viele Flüchtlinge werden im laufenden Jahr nach Deutschland kommen? 500000? Oder mehr? Oder weniger? Darüber wird munter spekuliert, auch wenn die Bundesregierung sich nicht festlegen will. Migrationsforscher Jochen Oltmer mahnt zu Vorsicht und Ehrlichkeit.

Der Osnabrücker Wissenschaftler warnt davor, konkrete Flüchtlingszahlen für das laufende Jahr zu nennen und so „Beruhigungspillen“ verteilen zu wollen. „Letztlich bedeuten solche Zahlen nicht viel, wie wir aus dem vergangenen Jahr wissen“, sagte Oltmer unserer Redaktion.

Der Experte betonte: „Wir wissen bis heute nicht einmal, wie viele Menschen 2015 in die Bundesrepublik gekommen sind.“ Es gebe eine riesige Anzahl nicht bearbeiteter Asylanträge. Zudem seien viele Menschen noch gar nicht registriert. „Das Verkünden einer neuen Zahl bringt uns da nicht weiter. Sie ist maximal ein Anhaltspunkt für die Verwaltung.“

„Seriöse Prognose nicht möglich“

Die „Rheinische Post“ hatte zuvor berichtet, die Bundesregierung rechne 2016 mit etwa 500.000 Flüchtlingen. Innenminister Thomas de Maizière habe Behördenleiter Frank-Jürgen Weise die Vorgabe gemacht, das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) auf diese Flüchtlingszahl auszurichten.

Das Bundesinnenministerium erwiderte allerdings, es gebe keine entsprechende Vorgabe des Ministeriums an das BAMF. „Zum derzeitigen Zeitpunkt ist es nicht möglich und hilfreich, eine seriöse Prognose für das Jahr 2016 zu erstellen“, sagte ein Sprecher. Das BAMF selber erklärte, es rechne damit, „dass mit den zur Verfügung gestellten Ressourcen im laufenden Jahr Anträge von rund 500 000 neu ankommenden Asylsuchenden bearbeitet werden können“- zusätzlich zu den 600.000 bis 700.000 Asylanträgen, die derzeit offen sind oder noch nicht gestellt werden konnten“.

Wie sich die Flüchtlingszahlen in Zukunft entwickeln werden, hängt auch von den Ergebnissen des EU-Gipfels am Donnerstag ab . Ein Scheitern des Treffens erwartet Oltmer nicht. „Es werden Perspektiven präsentiert werden, die als machbar erscheinen, die aber am Ende nicht mehr sein werden als kleine Bausteine für eine Gesamtlösung.“ Der Wissenschaftler mahnte: „Lösungen kann es angesichts der hochkomplexen Probleme nicht binnen Wochen oder Monaten geben. Sie werden Jahre in Anspruch nehmen.“

„Probleme nicht nur verlagern“

Oltmer warnte, Grenzschließungen würden nicht nur sehr hohen Kosten verursachen. „Es wird dadurch am Ende auch kein Problem gelöst. Die Probleme werden dadurch nur verlagert. So könnten die Flüchtlinge ihre Routen ändern.“

Der Forscher bezeichnet es aber als wichtig, den Grenzschutz zu verbessern und den Zuzug von Flüchtlingen besser zu koordinieren. Zugleich müsse die Lage der Flüchtlinge in den Erstaufnahmeländern wie Jordanien, Libanon und Türkei verbessert werden. Und schließlich müssten auch globale Perspektiven entwickelt und Umsiedlungsprogramme ins Auge gefasst werden. „Es geht darum , früher auf Konflikte zu reagieren - durch Hilfe vor Ort, aber notfalls auch durch Resettlement-Programme.“


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