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03.02.2016, 16:18 Uhr FORDERUNG NACH KURDISCHEM STAAT

Unabhängiges Kurdistan: Krisenherd statt Stabilisierungsfaktor

Ein Kommentar von Christian Lang


Streben nach Unabhängigkeit: Eine Flagge gibt es für Kurdistan bereits, einen eigenen Staat haben die Kurden aber noch nicht. Foto: AFPStreben nach Unabhängigkeit: Eine Flagge gibt es für Kurdistan bereits, einen eigenen Staat haben die Kurden aber noch nicht. Foto: AFP

Osnabrück. Der Präsident der kurdischen Autonomieregion im Norden des Iraks, Massud Barsani, hat ein Referendum über die Unabhängigkeit Kurdistans gefordert. Doch wie soll das gelingen? Ein Kommentar.

Die Forderung nach einem unabhängigen kurdischen Staat ist nicht neu. Seit rund hundert Jahren träumen die Kurden von einer gemeinsamen Heimat, in der sie Schutz vor Verfolgung finden. Die bewaffneten Konflikte im Irak und in Syrien, bei denen sie sich als wertvoller Partner des Westens im Kampf gegen den IS zeigen, haben ihrem Anliegen weiteren Auftrieb gegeben. Aus einer Position der Stärke wollen sie nun Tatsachen schaffen.

Und gewiss: Viele Gründe sprechen für einen eigenen Staat. Die Kurden waren und sind noch immer der Hauptleidtragende der eher willkürlichen Grenzziehung nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches. Als vermeintlich „größtes Volk ohne Land“ bildeten die Kurden in den neu entstandenen Staaten die Minderheit – und mussten jahrzehntelange Diskriminierung und Verfolgung über sich ergehen lassen. Viel hat sich bis heute nicht geändert. Doch nicht nur die Größe des Volkes und ihr Sicherheitsbedürfnis sprechen für eine Unabhängigkeit. Auch für den Westen könnte ein neuer Staat Vorteile haben: Seit längerem gelten die kurdischen Peschmerga als diejenigen Kämpfer ,die sich dem IS im Nordirak am effektivsten in den Weg stellen. Ein autonomes Kurdistan könnte eine Schlüsselrolle im Kampf gegen die Terrormiliz einnehmen.

So viel zur Theorie. In der Praxis dürfte das Vorhaben mit zahlreichen Fragezeichen behaftet sein. In fünf Ländern, drei Sprachen und mehrere Religionsgemeinschaften unterteilt, sind die Kurden untereinander höchst zerstritten. Dass mit der äußeren Einheit auch die innere einhergeht, darf stark bezweifelt werden. Vor allem, weil die Kurden auch nicht überall im geplanten Gebiet die Mehrheit stellen. Auch könnte der mögliche Staat unter anderem wegen der sprudelnden Ölquellen im Nordirak schnell zu einem Spielball der Mächte werden. Russland und China werden sich darum reißen, Kurdistan als Partner zu gewinnen.

Zudem wird die Türkei einen kurdischen Staat niemals akzeptieren. Auch der Irak wird ein Kurdistan auf seinem Gebiet kaum hinnehmen – allein schon wegen der Ölvorkommen im Norden – und ihn stattdessen mit allen Mitteln bekämpfen. Der neue Staat wäre dann schon mit seiner Gründung in seiner Existenz bedroht.

Der erhoffte Stabilisierungsfaktor wird sich dann rasch als neuer Krisenherd entpuppen.


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