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17 Anträge Missbrauch im Bistum Osnabrück: Opfer erhalten 66.000 Euro


Osnabrück. Die Bistümer in Deutschland haben in den vergangenen fünf Jahren mehr als 6,4 Millionen Euro an Opfer sexuellen Missbrauchs gezahlt. Das ergab eine Umfrage unserer Redaktion unter den 27 Diözesen. Die Summe wurde an mehr als 1000 Antragssteller ausgezahlt, die sich zwecks Anerkennung des erlittenen Leides an die katholische Kirche gewandt hatten.

  • Seit 2011 können Opfer sexuellen Missbrauchs bei der katholischen Kirche einen Antrag auf Anerkennung des Leides stellen. Mehr als 1000 Anträge sind seitdem bei den Bistümern eingegangen.
  • Die Bistümer haben in den vergangenen Jahren 6,4 Millionen Euro an Betroffene ausgeschüttet. Die Summe beinhaltet auch Kosten für psychologische Betreuung.
  • Die Zahl der Beschuldigten Geistlichen oder Laien liegt bei weit mehr als 800. Nicht alle Bistümer machen dazu Angaben. Die Taten sind in aller Regel verjährt.

Es ist mittlerweile sechs Jahre her, als eine große Debatte in Deutschland über sexuellen Missbrauch Schutzbefohlener in staatlichen Einrichtungen wie Heimen und Internaten, in Sportvereinen aber auch in der Kirche losbrach. Überall dort, wo Kinder in der Obhut Erwachsener waren. In vielen Fällen entwickelte sich diese Obhut zu einem Ausgeliefertsein.

In ungeahnter Dimension meldeten sich Opfer zu Wort, deren Missbrauchserfahrungen zum Teil Jahrzehnte zurücklagen. Besonders im Fokus stand damals die katholische Kirche.

„Unauslöschlicher Schaden“

„Bei den Opfern ist ein unauslöschlicher Schaden entstanden“, sagt Heinrich Silies. Als Missbrauchsbeauftragter im Bistum Osnabrück ist der Domdechant erster Ansprechpartner für Betroffene. Die Verbrechen lägen zwar zum Teil Jahrzehnte zurück, die Traumata säßen aber tief, so Silies. Nichts sei vergessen, höchstens verdrängt. Das bestätigt auch Bianca Biewer, Bundesgeschäftsführerin beim Weißen Ring: Die Folgen von Missbrauch bestimmten „nicht selten den gesamten Lebensverlauf“. (Weiterlesen: Missbrauch: Schreie verhallten an den Klostermauern)

14-seitiger Antrag

Im März 2011 verständigten sich die Bistümer in Deutschland für ihren Zuständigkeitsbereich auf ein einheitliches Vorgehen: Anerkennung des Leids, das Opfern sexuellen Missbrauchs durch Angehörige der katholischen Kirche zugefügt wurde, lautete das Ziel.

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Fortan sollten sich Betroffene an Beauftragte wie Silies wenden können und hier einen Antrag auf eben diese Anerkennung stellen. 14 Seiten umfasst so ein Antrag, der an die Deutsche Bischofskonferenz nach Bonn geschickt wird. Von hier kommt eine Empfehlung zurück.

17 Anträge im Bistum Osnabrück

17 solcher Anträge sind seitdem im Bistum Osnabrück gestellt und 14 anerkannt worden. Die Opfer erhielten insgesamt 66.000 Euro. Im benachbarten aber deutlich größeren Bistum Münster sind 129 Anträge gestellt worden - so viel wie nirgends sonst. 122 wurden auch anerkannt und 862.000 Euro ausgezahlt. Zum Bistum Münster gehört das Offizialat Vechta in Niedersachsen. Bundesweit waren es mehr als 1000 Anträge, und knapp 6,4 Millionen Euro inklusive Therapiekosten wurden gezahlt. Fast jeder Antrag wird auch anerkannt.

„Es geht um die Geste“

Es sei keine Entschädigung im juristischen Sinne, betont Silies. In den allermeisten Fällen seien die Vorfälle verjährt und die Beschuldigten verstorben. Gerechtigkeit im juristischen Sinne kann den Opfern also nie zu Teil werden. Ebenso wenig wie die Schuldfrage geklärt werden wird. Bei den Geldzahlungen – in der Regel 5000 Euro – gehe es „mehr um die Geste als die Summe“, sagt der Missbrauchsbeauftragte. Leid lasse sich nicht entschädigen, argumentiert die katholische Kirche.

Nicht jede Kontaktaufnahme endet mit einem Antrag. Manche Opfer scheuen die Mühe oder können nach wie vor kaum über das Erlebte sprechen. Andere sehen nach Aussage von Silies die Möglichkeit, an Geld zu kommen. „Zur Wahrheit gehört auch: Das Angebot der Kirche lockt auch Menschen an, die es ausnutzen wollen.“ Alle Angaben würden daher auf ihre Plausibilität hin überprüft.

Zahl der Anträge rückläufig

Die Zahl der Anträge sei zuletzt rückläufig gewesen, sagt Silies. Für große Aufmerksamkeit sorgten Ende 2015 Fälle aus dem Bistum Hildesheim. Zum einen wurde bekannt, dass der ehemalige Bischof Heinrich Maria Janssen Ende der 50er und Anfang der 60er einen Jungen regelmäßig sexuell missbraucht haben soll. Das Opfer stellte einen Antrag auf Anerkennung. Zum anderen brachte ein Fall aus dem Jahr 2010 um einen Priester den amtierenden Bischof Norbert Trelle in Erklärungsnot. (Weiterlesen: Kirche weist Vertuschungsvorwurf im Missbrauchsskandal zurück)

Bundesweit mehr als 860 Beschuldigte

Bundesweit richten sich die Vorwürfe gegen mehr als 860 Amtsträger der Kirche. Mal waren es Priester, mal Laien im Dienst der Bistümer. Nicht alle Diözesen machen auf Nachfrage Angaben zur Anzahl der Beschuldigten. Nicht enthalten sind zudem Orden, die ebenfalls Anerkennung leisten und eigene Missbrauchsbeauftragte ernannt haben. (Weiterlesen: Sexueller Missbrauch: Osnabrücker verklagt Orden)

„Eine heile Welt zerstört worden“

Osnabrücks Missbrauchsbeauftragter Silies sagt, er habe sich nie vorstellen können, dass so etwas unter dem Dach der Kirche passieren könne. „In gewisser Weise ist für mich eine heile Welt zerstört worden.“ Auch wenn er sich seit mehreren Jahren mit dem Thema befasst, kann sich der Domdechant bis heute nur schwer erklären, wie der sexuelle Missbrauch durch Amtsträger der Kirche so lange geheim bleiben konnte. „Es galt in der Kirche, aber auch in der Gesellschaft die Maßgabe: Was nicht sein darf, ist auch nicht.“ Silies berichtet von Betroffenen, die von ihren Eltern mit Schlägen zum Schweigen gebracht worden seien, als sie sich mit ihren Erlebnissen anvertrauen wollten.

Für ihn selbst, aber auch für die Kirche seien die Erkenntnisse schmerzhaft gewesen, sagt Silies. „In gewisser Weise hatten sie aber auch eine heilsame Wirkung.“ Viele Bistümer verweisen beispielsweise auf umfangreiche Präventionsprogramme, fordern mittlerweile polizeiliche Führungszeugnisse von Zeltlager-Begleitern. Man sei wachsamer geworden, sagt Missbrauchsbeauftragter Silies. Weil das, was nicht sein kann, eben doch hundertfach passiert ist. Dafür, dass es nicht mehr vorkomme, wolle er seine Hand aber nicht ins Feuer legen.


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