Stationäre Pflege Experten mahnen: Pflegeheime sind nicht nur Sterbeorte


Osnabrück. Die meisten Menschen wollen auch als Pflegefall im häuslichen Umfeld bleiben. Die Stärkung der häuslichen Pflege ist deshalb ein Schwerpunkt der letzten Reformen. Zugleich besteht aber auch Handlungsbedarf bei den Pflegeheimen.

Patientenschützer Eugen Brysch fordert Nachbesserungen. Sozialverbände mahnen, Pflegeheime seien nicht nur Sterbeorte. Wirtschaftsforscher rechnen vor, es müssten Milliarden von Euro investiert und Hunderttausende von Pflegekräften zusätzlich eingestellt werden.

Brysch spricht Klartext: „ Diese Bundesregierung hat überhaupt kein Interesse , die Frage der stationären Versorgung in den Blick zu nehmen.“ Dabei werde die Zahl derer immer größer, die vereinsamt lebten und über kurz oder lang in ein Pflegeheim müssten, so Brysch gegenüber dem Evangelischen Pressedienst.

Patientenschützer entwirft düsteres Bild

Der Patientenschützer entwirft ein düsteres Zukunftsbild. Er beklagt, in stationären Einrichtungen müssten Patienten künftig einen einheitlichen Eigenanteil unabhängig vom Grad ihrer Pflegebedürftigkeit zahlen. „Bei niedrigem Pflegegrad bringt das Mehrkosten. In die Heime gehen dann nur noch Schwerstpflegebedürftige.“

Auch Ulrike Mascher, Präsidentin des Sozialverbandes VdK, verweist auf steigende Eigenanteile für Menschen mit geringem Pflegebedarf. Sie rechnet deshalb mit erheblichen Auswirkungen des zum Jahreswechsel wirksam gewordenen Zweiten Pflegestärkungsgesetzes . Mascher: „Nach Auffassung des VdK sind Pflegeheime aber nicht nur Sterbeorte, sondern auch Lebensorte und sollten sich auch als solche verstehen.“ Das sei auch der Wunsch pflegebedürftiger Menschen in diesen Einrichtungen, so Mascher im Gespräch mit unserer Redaktion.

Hier einige zentrale Fragen und Antworten:

Um wie viele Menschen geht es?

Im Jahr 2013 gab es insgesamt 2,6 Millionen Pflegebedürftige. Ihre Zahl werde bis zum Jahr 2030 voraussichtlich um ein Drittel auf 3,5 Millionen ansteigen, heißt es im „Pflegeheim Rating Report 2015“, für den unter anderem das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) verantwortlich zeichnet.

Wie groß ist der Investitionsbedarf?

Die Experten des RWI und andere Institute rechnen mit einem zusätzlichen Bedarf von 131000 bis 321000 stationären Pflegeplätzen. „Die dafür erforderlichen Neu- und Re-Investitionen belaufen sich auf 58 bis 80 Milliarden Euro.“

Wie stark muss das Personal aufgestockt werden?

Bis 2030 sei mit einem Bedarf von 128000 bis 245000 zusätzlichen Stellen (Vollkräfte) in der stationären Pflege zu rechnen, heißt es im Pflegeheim-Report. In der ambulanten Pflege seien es 63000 bis 124000 Stellen.

Wie viele Jobs gibt es zur Zeit?

Im Jahr 2013 gab es bundesweit 13000 Pflegeheime. In der ambulanten und stationären Pflege waren insgesamt 1005000 Personen beschäftigt. Das entsprach 704000 Vollkräften. Von 1999 bis zum Jahr 2013 wurden fast 239000 Arbeitsplätze geschaffen. Gleichzeitig nimmt der Mangel an Pflegefachkräften zu: „Im März 2015 lag die Zahl der gemeldeten offenen Stellen bei Heimen mehr als dreimal so hoch wie im März 2007“, rechnet das RWI vor.

Was sagen Sozialverbände?

Auch der VdK beklagt einen akuten Mangel an Fachkräften. „Dieser wird sich weiter verstärken“, sagt Präsidentin Mascher. Sie fordert, es müsse dafür gesorgt werden, dass Jugendliche nach der Schule wieder gerne einen Pflegeberuf ergriffen. „Dafür benötigen wir gute Rahmenbedingungen und eine angemessene Bezahlung.“

Was macht die Regierung?

Erste Veränderungen sind auf dem Weg. Das Bundeskabinett hat gerade die Reform der Pflegeausbildung verabschiedet. Danach werden die bisher getrennten Ausbildungen in der Alten-, Kranken- und Kinderkrankenpflege zusammengeführt. Zudem sollen das Schulgeld abgeschafft und ein Pflegestudium etabliert werden.

„Wir wissen, das ist kein kleiner Schritt“, räumt Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) ein. Er verwahrt sich aber gegen Kritik, die Reform führe zu einer zu unspezifischen Ausbildung etwa im Bereich Alten- oder Kinderkrankenpflege. Im Rahmen der generalistischen Ausbildung sei eine Vertiefung weiterhin möglich.

Die Kritik reißt aber nicht ab. Die Regierung setze auf „eine generalistische Schmalspurausbildung“, moniert Pflegeexpertin Pia Zimmermann (Die Linke). Auch die Stiftung Patientenschutz ist unzufrieden. Vorstand Brysch meint, das Ausbildungskonzept „eine für alle“ gehe in die falsche Richtung. „Die Stärke des deutschen Ausbildungssystems ist seine Spezialisierung.“


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