ZDF-Talkshow „Maybrit Illner“ TV-Tribunal gegen die Verdächtigen von Köln


Osnabrück. Unter dem Eindruck der Anschläge von Istanbul und der Übergriffe auf Frauen in Köln stiegen die Diskutanten der ZDF-Talkshow „Maybrit Illner“ in den Ring: „Deutschland 2016: Leben mit Gewalt und Terror?“ Mit dabei: Bundesinnenminister Thomas de Maizière und der Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir. Die angeblichen Übeltäter waren schnell benannt.

Mehrere Diskutanten machten einmütig vor allem Tätergruppen aus Marokko und Tunesien für die sexuellen Übergriffe gegen Frauen in der Silvesternacht in Köln verantwortlich.

Bei nordafrikanischen Männern in Deutschland gebe es eine „überdurchschnittliche Beteiligung an Kriminalität“, sagte Bundesinnenminister Thomas de Maizière – ganz anders als etwa bei Syrern. Guido Steinberg, Terrorismusexperte der Stiftung Wissenschaft und Politik, schlug in dieselbe Kerbe. „In Deutschland sind Marokkaner bei der Kriminalität enorm überrepräsentiert.“ Nordafrikanische Tätergruppen mit Raub und Diebstahldelikten kenne man aus vielen deutschen Städten, legte Sebastian Fiedler nach, der stellvertretende Bundesvorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter. Neu sei die Art von Taten, wie sie vor dem Hauptbahnhof in Köln gegen Frauen begangen worden seien.

Zweifel gehen unter

Steinberg verfolgte den Weg nordafrikanischer Zuwanderer zurück ihre Herkunftsländer und sagte, in Marokko, Tunesien und Algerien gebe es Übergriffe wie in Köln nicht, weil dort weder die Gesellschaft noch der Staat Derartiges duldeten.

In dem Teil der Diskussion, die sich auf die mutmaßlichen Tätergruppen konzentrierte, gingen Zweifel an deren Hauptverantwortlichkeit beinah unter. Die Anwältin und Menschenrechtlerin Seyran Ates wandte sich dagegen, ein Verhalten wie in Köln allein aus Marokko oder Tunesien stammenden Männern zuzutrauen. Während Massenprotesten auf dem Tahrir-Platz in Kairo sei Ähnliches passiert. Sie nannte auch den Karneval von Rio und das Münchner Oktoberfest, wo es zu Vergewaltigungen und anderen sexuellen Übergriffen komme und forderte, kulturübergreifend viel mehr über die Verbindung von Alkoholkonsum und Gewalt gegen Frauen zu sprechen.

Özdemir fordert schärferes Sexualstrafrecht

Weder Moderatorin Illner noch die männlichen Diskutanten gingen ernsthaft auf diesen Einwurf ein. Der Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir machte zumindest den Vorstoß, eine Verschärfung des deutschen Sexualstrafrechts zu fordern, das Frauen bei Sexualdelikten wesentlich schwächer stelle als Gesetze in anderen europäischen Ländern.

Und der „Zeit“-Journalist Bernd Ulrich machte sich immerhin die Mühe, Voraussetzungen zu erläutern: „Es sind Hunderttausende junge Männer in Nordafrika, die dort keine Perspektive haben.“ Kämen sie dann nach Deutschland, rutschten sie auch hier in die Perspektivlosigkeit und oft direkt in die Kriminalität.

„Konsens, dass man die Dinge klar benennt“

De Maizière freute sich darüber, dass es in Deutschland jetzt einen allgemeinen Konsens darüber gebe, „dass man die Dinge klar benennt“ und bezog dies auf die Nennung von Herkunftsländern von Tatverdächtigen der Kölner Silvesternacht. Er sagte, bisher würden zu wenige Täter verurteilt und sprach sich für Schnellverfahren aus, wie sie bereits im Falle straffälliger Hooligans angewendet würden.

Terrorismusexperte Steinberg lieferte das Scharnier zum anderen Teil des Abends, in dem sich die Diskussion um islamistischen Terrorismus drehte: Auch unter denen, die sich der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) in Syrien anschlössen, seien auffällig viele Marokkaner und Tunesier. Das gelte auch für Männer, die von Deutschland aus nach Syrien reisten.

Kritik an türkischer „Doppelstrategie“

Begonnen hatte die Diskussion ursprünglich unter der Fragestellung: „Deutschland 2016: Leben mit Gewalt und Terror?“, die sich zugleich auf den Terroranschlag von Istanbul mit zehn deutschen Todesopfern und auf die Übergriffe von Köln an Silvester beziehen sollte.

Kritik bekam im Terror-Teil der Debatte die türkische Regierung ab, die Özdemirs Worten nach einen „kuriosen Umgang mit dem IS“ gepflegt und diesen lange gegen den syrischen Machthaber Baschar al-Assad unterstützt habe. Der Grünen-Politiker ging hart mit der Türkei-Politik der Bundesregierung ins Gericht. Sie habe auf Milde gegenüber der Türkei gesetzt, während diese eine „Doppelstrategie“ zugunsten des IS verfolgt habe.


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