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Debatte über die Pflegereform NOZ-Podiumsdiskussion: Werden Pfleger zu sehr gegängelt?

Von Christian Lang


Osnabrück.  Im NOZ-Medienzentrum hat die Podiumsdiskussion zur Pflegereform begonnen. Zu Beginn der Veranstaltung sprach Bettina Michel über die Pflege ihres Vaters, Rudi Assauer. Karl Josef Laumann zeigte sich überzeugt vom Nutzen der Pflegereform. Eugen Brysch äußerte jedoch Bedenken.

Rund 160 Gäste hatten sich für die Podiumsdiskussion angemeldet. Das Thema ist aktueller denn je, am Mittwoch wurde das neue Pflegeberufegesetz vom Bundeskabinett beschlossen. Schätzungen gehen davon aus, dass es im Jahr 2030 rund 3,5 Millionen Pflegebedürftige in Deutschland geben wird.

Der  Beginn der Veranstaltung stand ganz im Zeichen von Bettina Michel. Nach einer kurzen Begrüßung durch Ralf Geisenhanslüke, Chefredakteur der Neuen Osnabrücker Zeitung, befragte NOZ-Redakteur Stefan Alberti die Tochter vom Ex-Schalke Manager Rudi Assauer zur Pflege ihres an Demenz erkrankten Vaters.

„Ich habe ein sehr gutes Netzwerk aus Freunden“, berichtete Michel. Dadurch werde ihr die Pflege ihres Vaters auch erleichtert. Wenn sie andere Termine habe oder einfach nur mal einkaufen möchte, seien diese Personen für sie da. Auch  von der Krankenversicherung fühle sie sich gut unterstützt.

Wie geht es ihrem Vater?

Ihrem Vater gehe es mittlerweile besser als vor einigen Jahren, so Michel. Rudi Assauer sei ein Kämpfer, das würde man jeden Tag merken. Um ihren Vater zu pflegen, seien manchmal Kommandos aus der Fußballersprache nötig. Den Begriff „Stutzen“ verwende sie beispielsweise, wenn es um das Anziehen der Kniestrümpfe bei ihrem dementen Vater gehe. Auch zu Fußballspielen könnten die beiden noch regelmäßig gehen.

Aber wie sieht die Prognose aus? „Es gibt keine Prognose“, so Michel.

Auch sie könnte später einmal an Demenz erkranken, die Veranlagung dazu habe sie. Doch einschüchtern möchte sie sich nicht. Man dürfe nicht ständig daran denken, sagte Michel.

Laumann lobt Gesetz

Anschließend folgte die Diskussion über das Zweite Pflegestärkungsgesetz. Karl Josef Laumann, Bevollmächtigter der Bundesregierung für Patienten und Pflege, betonte, dass eine Generalüberholung der Pfleversicherung nötig war, da diese in ihren Strukturen 20 Jahre alt war.

„Es war wichtig, die Pflegeversicherung mit neuem Wissen zu überholen“, sagte Laumann. Vor allem die an Demenz erkrankten Personen werden dadurch bessergestellt.

Viele Menschen sind mittlerweile berufstätig, dadurch sei die Situation der alten Leute in den Familien deutlich anders als vor 20 Jahren. Tagsüber sei kaum einer mehr zu Hause. Deshalb wurden die Leistungen für die Tagespflege erhöht, berichtete Laumann.

Eine geeignete Pflege in Heimen werde es nur bei einem unbelasteten Verhältnis zwischen den Pflegekräften und den Familienangehörigen geben. „Heim bedeutet nicht gleich Abschiebung“, so Laumann. Deshalb sei es gut, dass es in einem Heim bald nur noch eine Zuzahlung gebe. „Wir haben ein ganz gutes Gesetz gemacht“, lobte er die Reform.

Da das Gesetz erst in einem Jahr in Kraft trete, hätten die Beteiligten noch ein paar Monate Zeit, den Sinn des Gesetzes zu verstehen. Heime müssten beispielsweise neue Pflegekonzepte ausarbeiten.

Andreas Büscher, wissenschaftlicher Leiter des Deutschen Netzwerks für Qualitätsentwicklung in der Pflege, erklärte, Pflege sei 20 Jahre als bloße Verrichtung verstanden worden. Sie sei aber deutlich mehr. Nun werde damit begonnen, Pflege anders zu verstehen.

Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, bemängelte, dass die Eingangsstufen in Heimen höher ausfallen werden. Unklar sei es, wie sich das in der Praxis auswirke. Vor allem kleine Einrichtungen werden es schwer haben, befürchtet Brysch.

Die Versorgung der Menschen in den Heimen sei heute deutlich anders als vor 20 Jahren, viele Personen in Pflegeheimen sterben in dem ersten Jahr in der Einrichtung. Für die Begleitung Sterbender in Heimen werde zu wenig investiert, kritisierte Brysch.

„Wir sind nicht am Ende der Diskussion“, so Brysch. Die Bürger müssten dazu bereit sein, dafür auch mehr zu bezahlen.

Laumann verteidigte das Gesetz anschließend, die Menschen in einem Heim hätten nun Anspruch auf die gleichen Leistungen, wie die Personen, die zu Hause gepfelgt werden. Es gebe beim Gesetz aber Punkte, bei denen man noch arbeiten müsse. „In der Politik bekommt man nicht immer alles auf einmal hin.“

Laut Andreas Büscher bringe der Pflegebedürftigkeitsbegriff einige Vorteile, vor allem kognitiv beeinträchtige Menschen werden profitieren. Außerdem werde eine neue Vorstellung von Pflege vermittelt, die dann nicht mehr nur als Verrichtung begriffen werde, sondern als Unterstützung von nicht-selbstständigen Personen.

Brysch erneuerte dagegen seine Kritik. „Wir reden hier über relativ wenig Geld“, betonte er zum neuen Gesetz. Es werde viel zu wenig für die Pflege ausgegeben. Die höchsten Kosten im Gesundheitswesen entstehen in den letzten zwei Lebensjahren. „Pflege muss so organisiert werden, dass wir keine Angst mehr vor der Pflege haben“, so der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz.

Was kann die Wissenschaft leisten, wird Andreas Büscher gefragt. Jedes Jahr werden 800000 Leuten pflegebedürftig. Die wollen informiert werden, dafür müsse man vorbereitet seiten. Dafür brauche man Menschen, Infrastrukturen und auch die Mitwirkung der lokalen Politik, so Büscher. „Wir brauchen Forschungsprojekte“, so der Professor an der Hochschule Osnabrück. Viele Fragen seien noch offen, dennoch sei man auf einem guten Weg. „Man muss mit der Hysterie aufhören“, sagte Büscher. Er forderte eine sachlichere Diskussion in der Öffentlichkeit, keine Panikmache.

Nach diesem Abschnitt der Diskussion wurden Fragen unserer Leser durch NOZ-Redakteur Christof Haverkamp beantwortet.

Im zweiten Teil der Podiumsdiskussion wurde das umstrittene Pflegeberufegesetz thematisiert. Die einheitliche Berufsausbildung, die nun geplant ist, wurde im Verlaufe des Gesprächs von Andreas Büscher gelobt. Es sei gut, allen die gleichen Ansätze bei der Pflege beizubringen, so Büscher. „Es macht Sinn, die Ausbildung zusammenzuführen“, lautete sein Resümee.

Anschließend sprach Laumann über die Gründe für das Pflegeberufegsetz. „Es spricht einiges für das alte System, aber auch einiges für das neue“, sagte er. In ganz Deutschland sei die Ausbildung vernünftig geregelt. Doch schon heute seien viele Ausbildungsinhalte identisch.

„Ich möchte, dass sich die Pflege organisiert“, so Laumann zu einem weiteren Vorzug des Gesetzes. Es müsse sein, dass sich die Pflege zusammentut, um mehr Macht im Gesundheitssystem einzunehmen. Es sei wichtig, junge Leute sehr breit auszubilden, damit sie sich hinterher besser aussuchen können, was sie machen wollen. Dadurch werden die Pflegeberufe attraktiver. Die Löhne müssten dazu aber noch höher werden.

Im Bundestag gebe es aber viele Abgeordnete, die sehr skeptisch hinsichtlich des Pflegeberufegesetzes seien. Deshalb könne es sein, dass das Gesetz nicht verabschiedet werde.

Eugen Brysch forderte, dass man mehr Mut haben müsse, Patienten stärker wahrzunehmen. Es sei ein zu sehr paternalistisches System, so der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz. Auch die Pfleger werden zu sehr degradiert im Vergleich zu Ärzten. Ausbildung reiche nicht aus, man müsse den Pflegern später auch zutrauen, die richtigen Entscheidungen treffen zu können. „Wir werden zu sehr gegängelt“, betonte Brysch.

Das Schlusswort hatte Bettina Michel. „Wer in die Pflege geht, der braucht dafür eine Idee“, sagte sie. Man braucht Enthusiamus: „Das kann man nicht lernen, entweder man hat ihn oder nicht“. Den Leuten, die diese Begeisterung aufbrächten, müsse man besser unterstützen.