Debatte nach Übergriffen von Köln Kriminologin warnt vor Falschanschuldigungen

Meine Nachrichten

Um das Thema Politik Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Fremdenfeindliche Pegida-Kundgebung in Köln. Foto: imago/epdFremdenfeindliche Pegida-Kundgebung in Köln. Foto: imago/epd

Osnabrück. Der Schreck über Übergriffe auf Frauen in Köln hat eine Debatte über sexualisierte Gewalt ausgelöst. Der Bundestag widmet sich dem Thema. Politiker fordern rasche Abschiebungen von Tätern, die als Flüchtlinge kamen. Im Internet verbreiten Radikale rassistische Schmähungen. Die Kriminologin Rita Steffes-enn warnt vor einem Abrutschen der Debatte.

Eigentlich sei jetzt eine glänzende Gelegenheit, lange Versäumtes nachzuholen, findet Steffes-enn: Die hohe Aufmerksamkeit nach den Übergriffen von Köln biete „die Chance, sexualisierte Gewalt in Deutschland endlich konsequent anzugehen“, sagt die Gründerin des Zentrums für Kriminologie und Polizeiforschung (ZKPF) im rheinland-pfälzischen Kaisersesch. Doch rechte Politiker und Interessengruppen versuchten, die Diskussion auf das Thema Zuwanderung zu verengen: „In den politischen Diskussionen schwingt viel Populismus und Wahlkampf mit.“

Die Kriminologin bezieht sich unter anderem auf den jüngsten Auftritt der früheren Bundesfamilienministerin Kristina Schröder in der Talkshow „Hart aber fair“. Die CDU-Politikerin hatte die Ereignisse von Köln mit der Zuwanderung von Muslimen in Verbindung gebracht: Gerade bei Migranten mit muslimischem Hintergrund gebe es Vorstellungen von Männlichkeit, die oft mit Gewalt verknüpft seien, so Schröder. In Bezug auf die Übergriffe sprach sie von „blanker Frauenverachtung“.

Die frühere Polizistin Steffes-enn warnt vor gezielten falschen Anschuldigungen gegen Migranten. „Bevor keine Ermittlungsergebnisse vorliegen, ist alles spekulativ, und die Aufklärungswahrscheinlichkeit ist gering.“ Das biete Raum für bewusste Falschbezichtigungen: „Interessierte Gruppen könnten das tun, um Stimmung gegen Zuwanderung zu machen“, so Steffes-enn.

„Es wird mit zweierlei Maß gemessen“

Nach Ansicht von Silvia Zenzen vom Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe Frauen gegen Gewalt (bff) wird die Debatte über die Vorfälle von Köln für rassistische Stereotype vereinnahmt. Es sei zwar erfreulich, dass seit dem Schock an Silvester die Bereitschaft steige, sexuelle Übergriffe anzuzeigen: „Die Frauen erleben jetzt, dass ihnen geglaubt wird und erfahren breite Solidarität.“

Doch es werde mit zweierlei Maß gemessen: „Wenn die Tatverdächtigen Migranten sind, sind, ist die Bereitschaft in der Bevölkerung, sich zu solidarisieren nach unserer Beobachtung höher, als wenn die Täter deutschstämmig sind.“ Seit Jahren gebe es sexuelle Übergriffe etwa auf dem Münchner Oktoberfest. „Dort sehen wir diese Solidarität nicht“. Auch die Polizei sei weniger bereit, solche Übergriffe ernst zu nehmen.

Lesen Sie auch: CDU ist für Untersuchungsausschuss zu den Übergriffen von Köln

Besorgnis über fremdenfeindliche Tendenzen in der Köln-Debatte breitet sich auch im Internet aus. Eine Frauenrechte-Initiative wendet sich im Kurznachrichtendienst Twitter unter dem Hashtag #ausnahmslos zugleich gegen Sexismus und selbst ernannte Frauenbeschützer mit fremdenfeindlicher Einstellung. Der Initiative haben sich Familienministerin Manuela Schwesig (SPD), die Grünen-Politikerin Claudia Roth und Linken-Chefin Katja Kipping angeschlossen.

Forderung nach mehr Prävention im Karneval

bff-Expertin Zenzen fordert, aus den Vorfällen von Köln nun die richtigen Lehren zu ziehen. Präventionsprojekte wie „Sichere Wies für Mädchen und Frauen“ in München müssten ausgeweitet werden. Dort gibt es unter anderem einen Schutzbereich für Frauen, die sich sexuellen Angriffen ausgesetzt fühlen. Zenzen empfiehlt, ähnliche Aufklärungs- und Hilfsangebote auch auf den kommenden Karnevalsveranstaltungen im Rheinland zu machen, die viele Tausend Menschen anziehen.

„Für eine Situation wie in Köln gab es keine Einsatzstrategie“

Die Kriminologin Rita Steffes-enn traut der Polizei in Deutschland zu, massenhafte sexuelle Übergriffe wie in Köln künftig zu verhindern: „Für eine Situation wie in Köln gab es bei der Polizei keine Einsatzstrategie wie etwa für Fußballspiele. Aber in Zukunft wird die Polizei besser vorbereitet sein.“

Ebenso wichtig sei aber die Aufmerksamkeit jedes Einzelnen: „Nach Köln besteht die Chance, dass nicht mehr weggesehen wird, wenn Männer egal welcher Herkunft Frauen umzingeln. Die Bürger müssen als friedfertige Masse dagegen halten.“

Lesen Sie auch: Verein „Volkshilfe“ verteilt Pfefferspray an Frauen


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN