Muslimische Altenpflege Islamexperte fordert muslimische Stationen in Altenheimen

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Osnabrück. Rund eine halbe Million muslimische Altenheimbewohner erwarten Islamverbände wie Schura bis zum Jahr 2024 in Deutschland. Der Osnabrücker Islamwissenschaftler Michael Kiefer sieht einen großen „Zukunftsmarkt“ und wünscht sich muslimische Stationen in christlichen Altenheimen. Wohlfahrtsverbände wie die Caritas bereiten sich mit „kultursensibler Pflege“ auf die Aufgabe vor.

Die Mitarbeiterinnen der St. Elisabeth Pflege in Osnabrück, Marion Plegge und Gisela Eiken-Fabian, schulen ihre Kollegen ab März daher, wie Muslime kultursensibel zu pflegen sind. „Der Pflegebedarf für muslimische Bewohner von Altenheimen wird kommen“, ist Plegge überzeugt. „Deshalb hat unser Geschäftsführer Franz Paul uns auch auf das Seminar ,Kippa, Kreuz, Kopftuch‘ geschickt. Wir wollen vertiefen, wie wir uns respektvoll gegenüber anderen Kulturen verhalten. “Im Prinzip geht es in den drei Altenpflegeeinrichtungen der St. Elisabeth Pflege in katholischer Trägerschaft bei Muslimen um das Gleiche wie bislang auch schon bei Christen: um Wertschätzung, Toleranz und Respekt.

Mourad schaut ihm in die Augen und fragt ihn, wie es ihm geht und gibt ihm dabei das Gefühl, dass sie für ihn da ist

In der Pflegepraxis wird Muslimen diese nur etwas anders entgegengebracht als Christen. Abir Mourad etwa ist selbst Muslima und Altenpflegehelferin im St. Franziskus-Heim als einer der drei Altenpflegeeinrichtungen von St. Elisabeth. Sie ist gerade in der Einzelbetreuung des Bewohners Heinz Glasmeyer, der vor ihr in einem Stuhl sitzt. Sie kniet sich vor ihn, nimmt seine Hand, schaut ihm in die Augen und fragt ihn, wie es ihm geht und gibt ihm dabei das Gefühl, dass sie für ihn da ist. Mourad ist vor 25 Jahren aus dem Krieg im Libanon geflüchtet und hat danach einen Muslim in Deutschland geheiratet.

Wenn nicht Heinz, sondern Hassan in der Einzelbetreuung wäre

Sie weiß, was sie anders machen würde, wenn nicht etwa Heinz, sondern Hassan bei ihr in der Einzelbetreuung wäre. In der Einzelbetreuung eines gläubigen Muslims „würde ich den Augenkontakt vermeiden, ihm nicht die Hand geben, aber dafür vielleicht Koranverse vorlesen und mit ihm zusammen die Gebetsschnur beten, die jeder Muslim immer bei sich trägt. Wenn es ein streng gläubiger Muslim wäre, würde ich auch ein Kopftuch tragen, wenn er es sich bei der Pflege wünscht.“

„Wenn ich einen Muslim wasche, dann würde ich den Blick senken, um Blickkontakt zu vermeiden“

Sie erklärt, dass eine Frau die Hand aufs Herz legt, wenn sie einem muslimischen Mann begegnet: „Hand geben wäre zu aufdringlich.“ Ein anderer Unterschied: „Wenn ich einen Muslim wasche, dann würde ich den Blick senken, um Blickkontakt zu vermeiden.“

Islamwissenschaftler: Pflege wird in muslimischen Familien immer schwieriger

Islamwissenschaftler Kiefer, der zusammen mit dem Osnabrücker Islamexperten Rauf Ceylan das neue Buch „Muslimische Wohlfahrtspflege in Deutschland“ geschrieben hat, sieht aber einen großen Bedarf in der Altenpflege, weil „auch die muslimischen Familien immer mehr auseinandergerissen werden und die Kinder zunehmend den Jobs hinterherreisen müssen.“ Daher werde die Pflege in den Familien immer schwieriger. „Die Invidualisierung läuft verstärkt auch in den Zuwandererfamilien. Kinder können diese Leistung oft nicht mehr erbringen.“ Früher seien viele für die Altenpflege in Ursprungsländer wie die Türkei zurückgekehrt. „Aber auch das ist heutzutage oft nicht mehr gewünscht, weil sie den Anschluss an die Ursprungsländer verloren haben“, erklärt Kiefer. Immer mehr Muslime würden sich aus diesem Grund wünschen, hier und nicht etwa in der Türkei zu sterben. Das lasse sich auch an den zunehmend für Muslime ausgewiesenen Feldern auf den Friehöfen erkennen, deren Gräber gen Mekka orientiert seien.

Muslimische Stationen in christlichen Altenheimen

Kiefer sieht, dass christliche Wohlfahrtsverbände mit der kultursensiblen Pflege beginnen und würde sich eine gute Kooperation mit den muslimischen Verbänden etwa in Form von muslimischen Stationen in christlichen Altenheimen wünschen: „In solchen Stationen würde dann ein Vertrauensverhältnis bestehen und Muslime würden davon ausgehen, dass selbst in Zeiten der Verwirrung oder Altersdemenz immer noch alles gemäß seiner Vorstellungen vorgenommen wird.“ Natürlich könne man Muslime bei geschultem Personal auch ohne solche muslimische Stationen in ein katholisches Heim zur Pflege geben, aber Kiefer vermutet, dass Muslime diese meiden werden, weil die Angst zu groß sei, dass sie zum Beispiel kein Halal-Fleisch - also geschächtetes Fleisch - bekommen. „Es ist einfach dieses Gefühl, Vater und Mutter seinen eigenen Leuten zu geben“, erklärt Kiefer. Deshalb würden katholische Senioren ja auch lieber in katholischen Altenheimen untergebracht.


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