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Nach den Übergriffen an Silvester Köln: Zwei Tatverdächtige in Untersuchungshaft


dpa/AFP Köln. Was ist geschehen in der Nacht der massenweisen Übergriffe von Köln? Nur langsam kommt Licht ins Dunkel der Vorfälle. Vier Tatverdächtige sind identifiziert. Bundesjustizminister Maas hält einen Zusammenhang mit den Hamburger Attacken für möglich. In Köln ermitteln Spezialisten für Organisierte Kriminalität.

Fast eine Woche nach den massiven Übergriffen auf Dutzende Frauen in Köln und Hamburg wird das ganze Ausmaß der dramatischen Silvesternacht bekannt. Inzwischen wurden in Köln mehr als 100 Anzeigen erstattet, in Hamburg über 50. Dutzende Frauen sollen ausgeraubt oder belästigt, zwei vergewaltigt worden sein. Die Kölner Polizei hat eine erste Spur.

Es gebe „konkrete Hinweise auf vier männliche Tatverdächtige“, teilte die Polizei mit. Noch in der Silvesternacht seien zwei aus Nordafrika stammende Taschendiebe auf frischer Tat ertappt worden. Nach der Identifizierung der beiden Männer seien sie wieder aus der Obhut der Polizei entlassen worden. Zwei weitere Verdächtige befinden sich nach Polizeiangaben bereits seit Sonntag in Untersuchungshaft.

Ein Interview mit einem Osnabrücker Opfer der Übergriffe in Köln finden Sie hier.

Kritik an Polizei

Vor allem die Polizei sieht sich heftiger Kritik ausgesetzt, weil sie zu spät auf die aggressive Menschenmenge vor dem Kölner Hauptbahnhof reagiert haben soll und erst zwei Tagen nach den Übergriffen über die Vorfälle informierte. Dabei waren nach ihren Angaben am Silvesterabend auf dem Platz vor dem Bahnhof in Köln zahlreiche Frauen im Getümmel sexuell bedrängt und beklaut worden. Zuvor hatten sich etwa 1000 Männer auf dem Bahnhofsvorplatz versammelt und mit Feuerwerkskörpern um sich geworfen.

(Unser Kommentar: Das Schönreden muss enden)

Besteht ein Zusammenhang?

In Köln ermittelt jetzt die Abteilung für die Bekämpfung der Organisierten Kriminalität der Staatsanwaltschaft. „Tat- und Täterbeschreibungen lassen es derzeit zumindest nicht als ausgeschlossen erscheinen, dass das Geschehen organisierten Täterstrukturen zuzurechnen ist“, teilte die Behörde mit.

Wegen des Ausmaßes lässt Justizminister Heiko Maas (SPD) prüfen, ob es einen Zusammenhang gibt zwischen den Taten in Köln und ähnlichen Attacken in Hamburg. „Das Ganze scheint abgesprochen gewesen zu sein“, sagte Bundesjustizminister Heiko Maas im ZDF-“Morgenmagazin“. „Es wäre schön, wenn das keine Organisierte Kriminalität wäre, aber ich würde das gerne mal überprüfen, ob es im Hintergrund Leute gibt, die so etwas organisieren.“ So etwas geschehe nicht aus dem Nichts, es müsse jemand dahinterstecken. (Lesen sie hier: Was wir über die Vorfälle in Köln wissen)

„Kriminell, böse und feige“

Hamburger Ermittler gehen bislang nicht von Verbindungen aus. In der Hansestadt wurden Frauen nahe der Reeperbahn in der Silvesternacht von mehreren Männern umringt und an der Brust oder im Intimbereich begrapscht. Die Opfer seien zwischen 18 und 25 Jahren alt. Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) bezeichnete die Übergriffe als Schande. «Wer sich in Gruppen zusammenrottet, um sich an Frauen zu vergehen, hat keine Ehre. Er handelt kriminell, böse und feige», schrieb Scholz auf seiner Facebook-Seite und seiner Homepage.

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Drei Viertel der insgesamt mehr als 150 Anzeigen in Köln und Hamburg haben nach Polizeiangaben einen sexuellen Hintergrund. „Viele Frauen geben in den Gesprächen an, dass sie auch angefasst wurden“, sagte eine Kölner Polizeisprecherin.

Schwierige Beweisführung

Augenzeugen und Opfer hatten nach den Übergriffen am Dom ausgesagt, die Täter seien dem Aussehen nach größtenteils nordafrikanischer oder arabischer Herkunft. Die Polizei spricht trotz der ermittelten Verdächtigen von einer sehr schwierigen Beweisführung. Das liege vor allem an der «Gemengelage» in der Silvesternacht. „Manchmal braucht der Rechtsstaat Zeit. Diese Zeit müssen wir ihm geben“, sagte Innenminister Jäger dazu.

Vor allem Polizei und Kölner Stadtspitze standen auch in der Kritik. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) bemängelte in den ARD-“Tagesthemen“ den Einsatz der Kölner Beamten: „Da wird der Platz geräumt – und später finden diese Ereignisse statt, und man wartet auf Anzeigen.

(Weiterlesen: So kommentieren Zeitungen die Übergriffe in Köln)

Regierungssprecher Steffen Seibert sagte, es müsse „nun alles getan werden, damit die Wahrheit herauskommt“. Gebraucht werde dann eine „klare und harte Antwort des Rechtsstaats“. Übergriffe wie diese seien „nicht kleinzureden und durch nichts zu entschuldigen“, sagte Seibert.

Bosbach: Nicht pauschalisieren, aber auch nicht bagatellisieren

Der CDU-Innenpolitiker Wolfgang Bosbach sagte mit Blick auf die Flüchtlinge in Deutschland, diese dürften „nicht pauschal als Sicherheitsrisiko“ gesehen werden. Es wäre aber auch „ebenso falsch“, die Gefahren zu bagatellisieren, die sich aus der „nur lückenhaft kontrollierten und kontrollierbaren Zuwanderung ergeben“, sagte Bosbach dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

SPD-Vize Ralf Stegner sagte , der Staat müsse unabhängig von der Herkunft der Täter Härte zeigen gegen organisierte Gewalt und Kriminalität. FDP-Chef Christian Lindner verlangte personelle Konsequenzen an der Spitze der Polizei.

(Weiterlesen: Lindner: Merkels Flüchtlingspolitik führte Europa ins Chaos)

Auch Oberbürgermeisterin Henriette Reker (parteilos) muss sich gegen Vorwürfe wehren. Sie zog mit einer Verhaltensempfehlung an Frauen Spott im Internet auf sich. „Es ist immer eine Möglichkeit, eine gewisse Distanz zu halten, die weiter als eine Armlänge betrifft“, hatte sie vor Journalisten auf die Frage geantwortet, wie man sich als Frau besser schützen könne.


Die Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof - eine Chronologie

21.00 Uhr: Auf dem Bahnhofsvorplatz und der Domtreppe kommen nach Polizeiabgaben 400 bis 500 augenscheinlich betrunkene Menschen zusammen, sie sind teilweise aggressiv. Unkontrolliert werden Böller und Raketen abgebrannt.

23.00 Uhr: Gedränge vor dem Hauptbahnhof, mittlerweile sind mehr als 1000 Menschen zusammengekommen. Es handelt sich „ausschließlich um junge Männer“, wie die Polizei später berichtet. Nach wie vor werden Raketen abgeschossen, einige davon absichtlich in die Menge. Polizeidirektor Michael Temme beschreibt die Stimmung im Nachhinein als „aggressiv“.

23.15 Uhr: Teile der Menge werden von einigen Menschen eingekreist. Mehrere Handys sollen dabei gestohlen worden sein. Weiterhin werden Raketen und Böller gezündet.

23.30 Uhr: Die Polizei räumt die Domtreppe und den Bahnhofsvorplatz, aus Sicherheitsgründen und um eine Panik zu vermeiden, wie es heißt. Nach ihren Angaben beruhigt sich die Situation.

00.30 Uhr: Nach Angaben des „Kölner Stadt-Anzeigers“ herrscht am Hauptbahnhof eine aggressive Stimmung: Mindestens 200 angetrunkene junge Männer mit ausländischem Hintergrund pöbeln in der überfüllten Bahnhofshalle Passanten an und belästigen zahlreiche Frauen.

00.45 Uhr: Die Lage beruhigt sich laut Polizei zunächst. Der Zugang zum Hauptbahnhof wird wieder freigegeben, der Platz füllt sich erneut.

00.45 Uhr: Erste Strafanzeigen von betroffenen Frauen wegen Diebstahls, einige von ihnen berichten laut Polizei von sexuellen Übergriffen aus den Gruppen heraus auf Passanten. Es werden alle Beamten vor dem Hauptbahnhof zusammengezogen, knapp 150 Polizisten sollen im Einsatz sein. Frauen ohne Begleitung werden angesprochen und zum Bahnhofseingang begleitet. Es soll aber auch im Bahnhof Übergriffe geben. Dort ist allerdings nicht die Kölner Polizei zuständig, sondern die Bundespolizei.

04.00 Uhr: Nach Einschätzung der Polizei beruhigt sich die Lage wieder.

08.57 Uhr: In einer Pressemitteilung schreibt die Polizei, die Silvesterfeier „auf den Rheinbrücken, in der Kölner Innenstadt und in Leverkusen [sei] friedlich“ verlaufen. Die Vorgänge am Dom werden nicht erwähnt.

2. Januar, 17.00 Uhr: Kölns Polizei informiert jetzt auch über die Übergriffe. Es seien Anzeigen von 30 Betroffenen erstattet worden, eine Ermittlungsgruppe wird eingerichtet.