Kulturhauptstadt Breslau Woidke: Warum Breslau eine Reise wert ist

Dietmar Woidke
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mey Osnabrück . Die Machterweiterung der neuen nationalkonservativen Regierung Polens trübt die Vorfreude auf das Kulturhauptstadtjahr 2016 in Breslau. Deutsche sollten sich trotzdem auf den Weg dorthin machen, sagt Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD), Koordinator für die deutsch-polnischen Beziehungen, im Gespräch mit unserer Redaktion.

Herr Ministerpräsident, Breslau, bis 1945 eine der bedeutendsten deutschen Städte, wird 2016 neben San Sebastian Europas Kulturhauptstadt sein. Was bedeutet dies aus deutscher Sicht?

Nicht nur die deutsche, sondern die europäische Sicht ist hier entscheidend. Denn über die Jahrhunderte betrachtet, steht Breslau geradezu für den europäischen Gedanken. Die Stadt liegt im Herzen Mitteleuropas an einer Schnittstelle vieler unterschiedlicher Einflüsse. Natürlich gehört zu dieser jahrhundertealten Geschichte der deutsche Aspekt, der heute in Breslau auch sehr gepflegt wird. Denken Sie nur an das Dietrich-Bonhoeffer-Denkmal mitten in der Stadt.

Welche Rolle spielt die jahrhundertelange deutsche Geschichte Breslaus im dortigen Kulturhauptstadt-Programm – und gibt es Einladungen an die Bundesregierung?

Breslaus Bürgermeister Rafal Dutkiewicz hat sein Kulturprogramm in der Landesvertretung Brandenburgs der deutschen Öffentlichkeit vorgestellt. Einige Programmpunkte setzten sich mit der Geschichte der Deutschen auseinander, auch mit dem Thema „Flucht und Vertreibung“. Die Bevölkerung Breslaus wurde ja ab 1945 komplett ausgetauscht, die neu angesiedelten Einwohner Breslaus waren selber auch Vertriebene. Hier gibt es viele verbindende Elemente, die sich künstlerisch gut darstellen lassen. Ein Kunstprojekt an einem der Breslauer Bahnhöfe wird das aufarbeiten. Die Bundesregierung wird sich über das Generalkonsulat in Breslau mit eigenen Veranstaltungen am Programm beteiligen, das Auswärtige Amt stellt hierfür Sondermittel zur Verfügung.

Welche Beziehung haben Sie persönlich zu Breslau – und haben Sie sich vor Ort einen Eindruck von den Vorbereitungen auf das Jahr 2016 verschaffen können?

Über den Stand der Vorbereitungen hat mich Bürgermeister Dutkiewicz im September persönlich unterrichtet. Ich war sehr beeindruckt von der Vielfalt des Programms. Ich werde gleich im Januar zu Beginn des Kulturhauptstadtjahres nach Breslau reisen, übrigens gemeinsam mit den Regierungschefs von Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin.

Wie können interessierte Besucher aus Norddeutschland am bequemsten in die Kulturhauptstadt Breslau gelangen, nachdem die Fernzugverbindung Hamburg–Krakau über Berlin und Breslau vor einem Jahr eingestellt wurde?

Die Einstellung dieser direkten Fernverkehrsverbindung ist bedauerlich. Breslau bleibt natürlich weiter per Fernzug erreichbar, auch wenn man von Berlin kommend in Posen umsteigen muss. Die direkte Linie Dresden–Breslau ist übrigens vor wenigen Tagen wieder in Betrieb genommen worden. Wir haben uns gerade auf dem deutsch-polnischen Bahngipfel in Potsdam geeinigt, dass im kommenden Jahr die Länder Berlin und Brandenburg einen sogenannten „Kulturzug“ von der Bundeshauptstadt Berlin in die Kulturhauptstadt Breslau schicken. Natürlich ist Breslau auch per Flugzeug und über die Autobahn erreichbar.

Für die Einstellung der erwähnten Zugverbindung hat die Deutsche Bahn wirtschaftliche Gründe geltend gemacht. Sehen Sie in Richtung Polen trotzdem eine Chance für schnelle und wirtschaftliche Bahnverbindungen, wie es sie schon lange in Richtung Frankreich gibt?

Letztendlich sind tatsächlich zu wenige Fahrgäste mit diesem Zug gefahren. Der Grund ist klar: Die Züge sind noch zu langsam, weil auf beiden Seiten noch die Schieneninfrastruktur ausgebaut wird. Man kann nicht eine Seite allein dafür verantwortlich machen. Der Bahngipfel hat aber auch gezeigt, dass wir nach einigen Rückschlägen in den deutsch-polnischen Bahnverbindungen nun wieder auf einem guten Weg sind. Guter Wille ist bei allen Beteiligten vorhanden.


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