Salafismus-Experte Osnabrücker Experte: „Mehr Präventionsstellen gegen den Terror“

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Osnabrück. Der Osnabrücker Salafismus-Experte Rauf Ceylan sieht als größte terroristische Gefahr in Deutschland, dass „bislang so gut wie nichts“ über Jugendliche bekannt sei, die sich zu IS-Terroristen radikalisieren.

„Das ist ein Armutszeugnis“, sagte der Wissenschaftler des Osnabrücker Islam-Instituts im Interview mit unserer Redaktion und forderte mehr Präventionsstellen gegen den Terror des Islamischen Staates (IS).

Die Terroristen von Paris gingen mit einer unfassbaren menschenverachtenden Skrupellosigkeit vor. Was hat der Salafismus als ideologischer Nährboden damit zu tun?

Wir haben es mit der gewalttägigen dschihadistischen Form des Salafismus zu tun. Diese Ideologie entspricht genau dem, was wir in Paris erlebt haben: Wir gegen alle. Der ideologische und theologische Nährboden ist: Der Zweck heiligt die Mittel. Das schließt Gewalt, Krieg, Selbstmord ausdrücklich ein. Insofern hat das sehr stark mit der dschihadistischen Orientierung des Salafismus zu tun.

Der Salafismus gilt als ultrakonservative Strömung innerhalb des Islams. Heißt das also, dass die IS-Terroristen die Extremisten unter den Ultrakonservativen sind?

Das ist richtig, denn wir haben drei Strömungen innerhalb des Salafismus. Es gibt die puristischen, die politischen Salafisten und die dschihadistischen Salafisten. Der Islamische Staat ist eindeutig der dschihadistisch-gewalttätigen Szene des Salafismus zuzuordnen.

Warum haben diese Terroristen keine Angst vor dem Tod?

Das ist das Konzept. Es wird ihnen versprochen, dass der Tod nichts anderes als die Reise ins Jenseits ist und dort wird ihnen das Paradies versprochen, indem Milch und Honig fließt, das ewige Leben und Belohnungen auf sie warten. Durch die radikale Interpretation der Quellen wird der Selbstmord geheiligt, obwohl der Selbstmord der islamischen Lehre widerspricht. Man muss sich anschauen, welche Identifikationsangebote diesen Menschen gemacht werden. Die Biografien sind sehr wichtig. Sie weisen oft sehr viele Brüche auf. Es sind Menschen, die ihre Position in der Gesellschaft nicht gefunden haben. Jetzt kriegen Sie ein Identifikationsangebot, in dem sie plötzlich erhöht werden. Jetzt macht für sie auf einmal alles einen Sinn: warum sie selbst ausgegrenzt sind, warum sie ihre Position in der Gesellschaft nicht gefunden haben und bei diesem Angebot geht es darum, auch wenn du Selbstmord begehst, hast du im Jenseits etwas zu erwarten. Diese jungen Menschen haben nur ein Ziel, sich in die Luft zu jagen, zu sterben und im Jenseits etwas zu bekommen. Das irdische Leben spielt gar keine Rolle mehr. Daher passt es auch, dass die meisten noch nichts in ihrem Leben erreicht haben. Ähnlich wie bei den Attentätern von Freitag in Paris war es auch bei den Attentätern von Charlie Hebdo im Januar. Sie hatten viele Brüche in der Biografie, Gefängnisaufenthalte, hatten keinen Sinn im Leben gefunden. Und dann trafen sie auf Menschen, die ihnen das Gefühl gaben, dass sie jemand sind. Allerdings vermittelten sie ihnen, dass der einzige Sinn des Lebens ist, für Gott zu leben und zu sterben. Das ist das eindeutige Handzeichen der dschihadistischen Salafisten.

Dieses Mal waren es mindestens acht Selbstmordattentäter. Bei dem Attentat auf die Pariser Satirezeitschrift Charlie Hebdo am 7. Januar waren es nur zwei Attentäter. Wenn man das Attentat auf den jüdischen Supermarkt Hyper Cacher am 8. Januar hinzunimmt, dann waren es drei Attentäter. Kann man bei den Attentaten von Freitag daher von einer neuen Qualität des Terrors sprechen?

Die Dimension, die Kaltblütigkeit, die sehr professionelle Vorbereitung, das spricht schon für eine neue Qualität. Auch die mentalen Hürden müssen sehr niedrig sein, wenn sie ins Stadion vordringen wollen, weil sich der französische Staatspräsident Hollande dort befindet. Das ist eine neue Dimension des Terrors. Dafür sprechen neben der professionellen Organisation auch die finanziellen Quellen und die sehr gute militärische Ausbildung, zum Teil mit Kriegserfahrung.

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Wie lassen sich dschihadistische Salafisten wie die IS-Terroristen überhaupt einschüchtern?

Wir haben es mit einem Problem mit sehr vielen Facetten zu tun. Einerseits muss es international bekämpft werden und die internationale Gemeinschaft müsste gemeinsam vorgehen, insbesondere müssen politische Lösungen für Syrien gefunden werden . Andererseits muss man aber auch Prävention betreiben. Daher reicht es auch nicht, den Islamischen Staat zu zerschlagen, denn danach könnte wieder eine andere Terrormiliz entstehen. Wir müssen in Europa mehr Geld in die Präventionsarbeit stecken. Die Frage ist, warum so junge Menschen wie etwa die Attentäter von Paris, die zwischen 15 und 25 Jahre alt sind, für sich beschließen, nach Syrien zu gehen. Ich glaube, das haben wir lange Zeit nicht verstanden, dass wir Präventionsarbeit betreiben müssen, sondern abgewartet bis das Kind in den Brunnen gefallen ist. Dann kommt immer wieder die Frage: Wie können wir das wieder herausholen? Frankreich ist in dieser Hinsicht besonders problematisch, weil in diesem Bereich fast gar nichts gemacht wurde. Es gibt dort bereits Radikalisierungsprozesse in Gefängnissen, was mit Deutschland gar nicht zu vergleichen ist. Außerdem stellt sich dort die Frage, wie es sein konnte, dass einer der Attentäter bereits polizeilich bekannt war und trotzdem zur weiteren Radikalisierung nach Syrien gehen und zurückkehren konnte. Diese Kritik müssen sich französische Sicherheitsbehörden gefallen lassen: Warum sind diese Menschen durchs Netz gefallen?

Frankreich hat bereits mit Vergeltungsschlägen gegen die syrische Hochburg des Islamischen Staats, Rakka, begonnen. Dabei haben zehn Kampfflugzeuge 20 Bomben abgeworfen. Ist das die richtige Reaktion oder wird das auch zu entsprechender Gegengewalt führen?

Selbst wenn es gelänge, den IS zu zerstören, wäre das Problem noch nicht gelöst. Solange im Nahen Osten keine stabilen politischen Systeme entstehen, werden irgendwelche Terrormilizen immer in dieses politische Vakuum eindringen.

Die Sicherheitsmaßnahmen am Stade de France haben gegriffen und die Terroristen konnten nicht eindringen. Ist es daher auch richtig, die EM 2016 in Frankreich auszutragen?

Die Strategie der Terroristen ist, Chaos, Schrecken und Angst zu verbreiten. Bei dem dschihadistischen Salafismus ist Gewalt selbst das Ziel. Man sieht das auch daran, dass keine Forderungen seitens der Terroristen gestellt wurden. Es soll ein Keil zwischen die muslimische Minderheit und die nicht-muslimische Mehrheitsgesellschaft in Europa geschoben werden. Die EM 2016 muss daher dem Terrorismus zum Trotz ausgetragen werden. Man darf da natürlich keine Angst und Schwäche zeigen.

Wie viele Salafisten gibt es in Frankreich, wie viele in Deutschland?

Es gibt für Deutschland Schätzungen zwischen 4000 und 6000. In Frankreich sollen es bedeutend mehr sein, aber genau kann man es nicht sagen. Uns interessieren davon die gewaltorientierten Dschihadisten. Davon gibt es einige Hundert in Deutschland. Eine besondere Gefahr davon stellen die in Syrien radikalisierten und kriegserprobten Rückkehrer aus Syrien dar. Der Anschlag von Paris zeigt, dass schon acht Dschihadisten ausreichen, um großen Schaden anzurichten.

Wie groß ist die Gefahr von Anschlägen des IS in Deutschland?

In Deutschland gibt es Konzentrationen von salafistischen Gruppen in Braunschweig, Berlin-Neukölln oder Bonn. Diese Gruppe haben sich dort durch gewisse salafistische Prediger gebildet. Man kann aber nicht vorhersagen, wo es einen Anschlag geben könnte. Die Gefahr lauert natürlich immer da, wo viele Menschen sind, ob es Bahnhöfe sind oder andere öffentliche Plätze.

Was ist die größte terroristische Gefahr in Deutschland?

Wir brauchen in Deutschland Biografie-Forschung. Bislang ist dort so gut wie nichts passiert. Das ist ein Armutszeugnis. Wir haben zu wenige empirische Erkenntnisse über die Biografien dieser Menschen. Ein Anfang in dieser Hinsicht ist ein größeres Projekt auch mit der Universität Osnabrück, das im Oktober begonnen hat. Wir arbeiten mit radikalisierten Jugendlichen und Aussteigern und forschen, wie es zur Radikalisierung gekommen ist. Welche Maßnahmen haben dazu geführt, dass diese Leute in diese Kreise gekommen sind? Meistens sind es natürlich labile Biografien. Es geht immer darum: Wann, wo und in welcher Krise treffe ich wen? Die Struktur ist da ähnlich wie bei anderen Extremisten wie etwa bei Menschen, die sich zu Rechtsextremisten entwickelten. Eine Frage ist auch, wie es sein kann, dass sich gerade mehrere Jugendliche aus Dinslaken dem IS anschließen und nach Syrien reisen, wie es vor Kurzem passiert ist. Man muss dort, wo die Probleme am stärksten sind, Präventionsstellen aufbauen, die vernetzt sind mit Schulen, Gemeinden, Jugendeinrichtungen, Vereinen und Kirchen. Ein Radikalisierungsprozess beginnt nicht von heute auf morgen. Wenn sich jemand auffällig durch eine extremistische Rhetorik ändert, dann muss man sich an jemanden wenden können. Lehrer oder Eltern können da oft sehr wenig mit anfangen. In Hannover und Braunschweig bauen wir gerade solche Präventionsstellen mit Experten auf, an die sich Lehrer, Eltern oder Trainer richten können.


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