Mauerfall vor 26 Jahren Viele Karrierechancen in den neuen Bundesländern


Osnabrück. Beruflich erfolgreich in den neuen Bundesländern: Für viele Deutsche ist das auch 26 Jahre nach dem Mauerfall schwer vorstellbar. Doch es gibt Beispiele dafür.

Der Osten blutet aus – und es gibt dort für viele Menschen keine berufliche Perspektive. So lautet ein nach wie vor gängiges Klischee. Gegenbeispiele finden kaum Beachtung. Dabei hat der Mauerfall vor 26 Jahren auch Chancen auf Karrieren und privates Glück in den neuen Bundesländern eröffnet. Hier drei Beispiele:

Sabine Schultze (55, lebt in Ebendorf bei Magdeburg). Ostdeutsch, weiblich und als eigener Chef erfolgreich – Frau Schultze hat ein besonderes Gespür für Rost. Sie drückt es lieber so aus: für Korrosion an metallischen Werkstoffen. Die Basis für ihre heutige selbstständige Tätigkeit als Rost-Expertin hat die 55-jährige Magdeburgerin zu DDR-Zeiten mit einer Maschinenbaulehre beim Schwermaschinenkombinat Ernst Thälmann (SKET) gelegt. Gleichzeitig mit dem Facharbeiterbrief hatte sie auch das Abi in der Tasche – eine Besonderheit im Osten Deutschlands. Es folgten ein Ingenieurstudium, der Mauerfall, Forschungsjahre an der Uni und 1999 die Promotion. Einen „Job fürs Leben“ im Landesdienst gab die heutige Unternehmerin mit 45 auf und ist nun Chefin eines Ingenieurbüros mit mehreren Angestellten. Vom Wasserrohrbruch im Privathaushalt bis zu Großschäden an Autobahnbrücken reicht das Spektrum der Prüf- und Gutachtertätigkeiten, bei der die Expertin und ihr Team gefragt sind.

Axel Becher (60): Von „blühenden Landschaften“ wie einst Helmut Kohl redet er nicht, obwohl er sie tatsächlich vor der Haustür hat. Seit 1993 lebt der gebürtige Osnabrücker in Erfurt und hat als Referatsleiter im Thüringer Wirtschaftsministerium das Aufblühen des Landes und seiner Wirtschaft miterlebt und mitgestaltet. Bechers Sohn Till macht 2016 Abitur – Deutschlands Teilung kennt er nur aus Erzählungen und Büchern. Für seinen Vater, der als Diplom-Volkswirt berufliche Erfahrungen in der Wirtschaftsförderung des Kreises Gütersloh gesammelt hatte, bot der Aufbau Ost die Chance auf eine Karriere im höheren Staatsdienst. Wirtschaftsförderung in Thüringen hat nicht nur zum Entstehen einer leistungsfähigen Industrie beigetragen, sondern mitunter auch Skurriles hervorgebracht: „Mitte der 90er-Jahre waren die Toiletten in thüringischen Gaststätten oft luxuriöser ausgestattet als der Gastraum“, erinnert sich Axel Becher schmunzelnd. „Da hatte das sogenannte Nasszellenprogramm ganze Arbeit geleistet“.

Kerstin Fischer (43, lebt in Berlin): Als angehende Ost-Abiturientin erlebte Kerstin Fischer den Mauerfall. Es dauerte nur wenige Monate – und ihre Welt war eine völlig andere als die ihrer Kindheit. In der DDR war der Berufsweg der einstigen Jung-Pionierin und FDJlerin aus der Nähe von Torgau vorgezeichnet: Journalismus sollte sie studieren und danach für Staatsmedien arbeiten. Journalistin wurde Kerstin Fischer tatsächlich, aber die Zeit nach 1990 lief – jedenfalls im Sinn der DDR – unplanmäßig ab: Nach Volontariat und Anfangsjahren bei einer Lokalzeitung, Studium und in London erworbenem Mastertitel kam sie zur BBC, für die sie von Berlin aus über Deutschland und Zentraleuropa berichtete. „Das Jubiläum des Mauerfalls hat mir erneut gezeigt, dass mein Leben total anders verlaufen ist als das meiner Eltern. In Freiheit und ohne Zwang einer Partei“, sagt die 43-Jährige heute. Freiheit bedeutet ihr viel – das erkennt man unter anderem an ihren Freundschaften, die sie über Grenzen hinweg pflegt, ihrer Reiselust, ihrer Liebe zur Musik und vielen Dingen, die sie neu ausprobiert – wie etwa ihrem Studium der Psychologie.


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