Waffenerprobung in Meppen WTD 91 berät Bundeswehr bei G 36-Nachfolger

Von Christian Schaudwet


Meppen. Den Waffentestern der Wehrtechnischen Dienststelle 91 (WTD 91) in Meppen dürfte es an Arbeit so bald nicht mangeln. Die internationale Sicherheitslage hat sich drastisch verschlechtert, und die Bundeswehr bereitet die Anschaffung eines neuen Standardgewehrs vor.

„Etwas Großvolumiges – könnte ein Leopard sein“, sagt Christoph Lammers, der Leiter der Abteilung für Insassenschutz der Wehrtechnischen Dienststelle 91 für Waffen und Munition (WTD 91). Das Motor-Röhren, das über das Gelände der Bundeswehr-Erprobungsstelle im Emsland hallt, erkennen Soldaten vieler Armeen auf der Welt im Schlaf – der Leopard 2 ist der Exportschlager der deutschen Rüstungsindustrie. Fast jede Spezifikation seiner Waffen und Panzerungen, jede Modernisierung testet die WTD 91 in Meppen.

Seit dem Jahre 1877 wird nördlich der Stadt Kriegsgerät deutscher Rüstungsschmieden erprobt. Der Unternehmer Alfried Krupp war auf der Suche nach einem Schießplatz für seine Artilleriegeschütze auf das Ödland bei Meppen gestoßen. Heute testen rund 800 Mitarbeiter der Bundeswehr dort, was schießt und tötet – aber auch alles, was Soldaten im Einsatz schützt.

Nachfolger für Kampfpanzer Leopard 2?

Dazu könnten mittelfristig die Waffen und die Panzerung eines Nachfolgers des Leopard 2 zählen, über den seit Monaten in der deutschen Verteidigungspolitik und Rüstungswirtschaft gemunkelt wird. Die Szene ist aufgeschreckt: Das bei Panzern vermeintlich rückständige Russland hat im Mai mit dem T14 „Armata“ eine hochmoderne Kampfmaschine vorgestellt. Der T14 könnte den jüngsten Versionen des Leopard2 ebenbürtig sein – nach Ansicht mancher Experten gar überlegen.

Tag der offenen Tür bei der WTD 91 – Sehen Sie den Videobericht

Deutlicher schon als ein neuer „Leo“ zeichnen sich für die Meppener Waffentester nach Auskunft ihrer übergeordneten Behörde Arbeiten mit dem künftigen Standardgewehr der Bundeswehr ab. Mit diesem will Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) das für unzulänglich befundene G36 ersetzen. Zunächst geht es um Soll-Kriterien: „Die WTD91 wird bei der Definition der Anforderungen eine beratende Rolle spielen“, sagt Andreas Nett, der Sprecher des Bundesamts für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw).

Arbeit der WTD 91 wird zum Politikum

Bereits im Geschäft ist die Dienststelle bei der Auswahl des als Übergangslösung angekündigten Sturmgewehrs HK 417 von Heckler & Koch. Jener schwäbischen Waffenschmiede, aus der auch das G36 stammt. Auch dieses Gewehr wurde in Meppen erprobt, bevor es im Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr Schwächen offenbarte. Das Beispiel zeigt, wie schnell die Arbeit der Waffenprüfer zum Politikum werden kann. Medienberichten zufolge hat das Verteidigungsministerium versucht, beschönigend auf die Berichterstattung der WTD91 einzuwirken. Die deutsche Rüstungslobby dringt bei der Politik stets darauf, dass Bestellungen der Bundeswehr in den Auftragsbüchern deutscher Hersteller landen –Gewehre, die im erhitzten Zustand nicht treffen, machen sich da nicht gut.

Insassenschutz immer wichtiger

Christoph Lammers hat ganz andere Sorgen: Seine Abteilung ist zuständig dafür, dass Soldaten im Innenraum von Gefechtsfahrzeugen möglichst sicher sind. „Das Thema Schutz ist für die Industrie und uns hier in der WTD in den letzten Jahren immer wichtiger geworden“, sagt der Leiter der sechsköpfigen Abteilung für Insassenschutz. Begonnen habe dieser Wandel mit den ersten Auslandseinsatzerfahrungen der Bundeswehr im früheren Jugoslawien.

Lammers und seine Kollegen simulieren mit weiterentwickelten Dummy-Puppen aus der Autoindustrie, wie Minenexplosionen und andere Angriffe sich auf Menschen im Inneren von Fahrzeugen auswirken. Die drastisch verschlechterte internationale Sicherheitslage und die Beschaffungspläne der Bundeswehr lassen ahnen, dass es Lammers und der WTD 91 an Arbeit so bald nicht mangeln wird.


Schießen und Sprengen seit 1877 – Die Geschichte der WTD91

Von Manfred Fickers

1871: Der Stahlunternehmer Alfried Krupp plant die Einrichtung eines Testgeländes für schwere Geschütze.

1877: Vertragsunterzeichnung mit der Stadt Meppen, erster Schuss aus einer 12-Zentimeter-Belagerungskanone.

1892: Erster Besuch von Kaiser Wilhelm II., Vorführung eines Zwillingsgeschützturms für Schiffe der Brandenburg-Klasse.

1909: Versuche mit überhöht aufgestellten Geschütztürmen führen zu einer grundlegenden Änderung in der Kriegsschiff-Konstruktion. Fertigstellung des 24 Meter hohen Wasserturms.

1914: Bei einem Versuch mit einer 35,5-cm-Kanone fliegt ein Geschoss weiter als die errechneten 38 Kilometer und schlägt im Westermoor, Saterland, ein.

1919: Der Platz wird unter die Kontrolle der Interalliierten Kontrollkommission gestellt. Die für den Schießbetrieb notwendigen Anlagen werden abgebaut, die Flächen teils zu Acker umgewandelt.

1937: Das Gelände wird auf 50 mal 6 Kilometer erweitert. 307 Höfe werden bis 1942 umgesiedelt, auch das komplette Dorf Wahn.

1938: Adolf Hitler besucht den Meppener Schießplatz.

1945: Besetzung des Platzes durch kanadische Soldaten. Später wird unter polnischer Leitung ein Sammellager für verhaftete Nationalsozialisten eingerichtet. Bis 1950 Demontage der Schießplatzanlagen.

1949: Jansen & Co. beginnt in einem Schießplatzgebäude mit der Fabrikation von Regenmänteln.

1955: Teile des Geländes werden als Flugzeugschießplatz von der Royal Air Force genutzt.

1957: Übernahme durch die Bundesrepublik Deutschland und Einrichtung der „Erprobungsstelle für Waffen und Munition“.

1965: Fertigstellung der ersten neuen Hochbauten: Wasserwerk, Heizungsbau und Wirtschaftsgebäude. 1463 Mitarbeiter.

1987: Nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl werden Waggons mit radioaktiv belastetem Molkepulver auf Gleisen auf dem WTD-Gelände zwischengelagert.

1991: Ein Umweltsimulationszentrum, in dem Einsatzbedingungen unter Hitze und Kälte geschaffen werden können, geht vollständig in Betrieb.

2012: Reduzierung auf 980 Dienstposten.