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Fragen und Antworten Welche Ziele verfolgt Russland in Syrien?

Sichtbare Verzweiflung: Diese Frau hat Angehörige bei einem mutmaßlich russischen Luftangriff nahe der syrischen Stadt Idlib verloren. Foto: ReutersSichtbare Verzweiflung: Diese Frau hat Angehörige bei einem mutmaßlich russischen Luftangriff nahe der syrischen Stadt Idlib verloren. Foto: Reuters

Osnabrück. Russland unterstützt die Truppen von Präsident Baschar al-Assad in Syrien mit Luftangriffen. Was bezweckt Moskau damit? Und wie verändert dieses Eingreifen den Krieg?

Wie unterstützt Russland den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad?

Moskau und Damaskus sind langjährige Verbündete, unter anderem, weil Syrien ein wichtiger Rüstungskunde Russlands ist. Seit Jahren beliefert Moskau die Regierung mit Waffen. Viermal hat Russland außerdem UN-Resolutionen gegen Assad im Weltsicherheitsrat mit einem Veto blockiert. Seit dem 30. September ist die Unterstützung handfester: Russische Jets fliegen seitdem Luftangriffe in Syrien. Den Einsatz von Bodentruppen hat der Kreml bislang ausgeschlossen. Eigenen Angaben zufolge hat Russland inzwischen mehr als 50 Kampfjets und Hubschrauber in Syrien stationiert.

Wer kämpft im syrischen Bürgerkrieg?

Die Situation der Konfliktparteien ist unübersichtlich. Der Einfachheit halber wird inzwischen häufig in drei Gruppen unterteilt: die syrische Armee, die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) und die sogenannten Rebellen. Unter „Rebellen“ werden dann all jene Akteure zusammengefasst, die nicht dem IS angehören – doch das ist eine sehr heterogene Ansammlung von Gruppierungen und Milizen mit unterschiedlichen ideologischen Hintergründen. Etwa die Al-Nusra-Front, ein Ableger der Terrorgruppe Al-Kaida, die ihrer Ideologie dem IS ähnelt, aber mit ihm verfeindet ist. Andere islamistische Milizen gehören ebenso dazu wie gemäßigte Gruppen, die vom Westen unterstützt werden.

Wen bekämpft Russland in Syrien?

Offiziell richtet sich der Einsatz gegen „Terroristen“ in dem Bürgerkriegsland. Moskau hatte die US-geführte Anti-IS-Koalition bereits im Vorfeld dazu aufgefordert, sich im Vorgehen gegen die Extremistenmiliz gemeinsam zu koordinieren. Allerdings beschießen die russischen Kampfflugzeuge in der Realität vor allem Stützpunkte und Städte in den Gebieten Syriens, die von anderen Rebellengruppen als dem IS kontrolliert werden, wie die obige Übersicht zeigt.

Was bezweckt Moskau mit diesem Einsatz?

Russland stärkt seinem Verbündeten Assad durch die Luftangriffe den Rücken. Dank dieser Unterstützung sieht sich die Regierung in Damaskus stark genug, selbst eine Bodenoffensive zu starten – nicht gegen den IS, sondern gegen die Rebellenhochburgen im Westen des Landes. Dazu soll Assad neben eigenen Truppen auch Kämpfer aus dem Iran und von der libanesischen Schiiten-Miliz Hisbollah rekrutiert haben. Beobachter schätzen, dass Moskau die Position Assads zunächst festigen und den Widerstand der übrigen Rebellen niederschlagen will, bevor der Kreml gemeinsam mit der erstarkten syrischen Regierung gegen den IS vorgeht. Dann könnte Moskau den Westen erneut dazu einladen, sich diesem Kampf anzuschließen.

Wie verändert das russische Eingreifen den Krieg?

Dadurch, dass Assad dank der russischen Unterstützung wieder Oberwasser bekommt, verschieben sich die Kräfteverhältnisse in dem verworrenen Konflikt. Sollte die gemeinsame Offensive des Präsidenten und der russischen Luftwaffe Erfolg haben, würde dies eine große Schwächung jener Rebellen bedeuten, die nicht zum IS gehören. Unter ihnen sind islamistische Milizen wie die berüchtigte Al-Nusra-Front, aber auch Gruppen, die als gemäßigt gelten und in den von ihnen kontrollierten Gebieten Strukturen der Selbstverwaltung aufgebaut haben. Gut möglich ist auch, dass sich Rebellen radikalisieren, die sich vom Westen im Stich gelassen und dem syrisch-russischen Vorrücken ausgeliefert fühlen.

Stärkt Russland den IS, wie die USA es dem Kreml vorwerfen?

In gewisser Weise schon: In der Vergangenheit haben sich die IS-Terroristen in Syrien jene Gebiete einverleibt, in denen die syrische Armee den Widerstand anderer Rebellen niedergeschlagen hat, ohne diese Regionen anschließend unter Kontrolle halten zu können. Wenn dies ähnlich in jenen Rebellenhochburgen im Westen des Landes geschieht, die nun von Assads Offensive mit russischer Unterstützung betroffen sind, könnte der IS seinen Einfluss hier zunächst ausweiten.

Warum unterstützt Russland den syrischen Präsidenten?

Lukrative Waffengeschäfte spielen einerseits eine große Rolle. Andererseits gilt das Regime in Damaskus als langer Arm Teherans – und Russland und den Iran verbindet spätestens seit den frühen 1990er-Jahren eine pragmatische Partnerschaft, die auf ähnlichen Interessen im Kaspischen Meer, aber auch auf lukrativen Handelsbeziehungen beruht. Moskaus gutes Verhältnis zum Iran und zu Syrien hat auch geostrategische Gründe: Ihren Anspruch auf eine Führungsposition in der Weltpolitik können die Russen nur in Opposition zu den USA geltend machen. Andernfalls müssten sie sich US-amerikanischen Interessen unterordnen – eine abwegige Vorstellung, gerade in diesen Zeiten, in denen die Ost-West-Beziehungen stark angespannt sind.


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