Nobelpreise 2015 Friedensnobelpreis für Angela Merkel?


Osnabrück. Wenn am Montag die Nobelpreis-Saison 2015 beginnt, haben auch die Deutschen Grund zum Daumendrücken. Denn mögliche Anwärter auf die Nobelpreise 2015 sind auch drei Wissenschaftler, die in Deutschland forschen oder Wurzeln haben. Und Bundeskanzlerin Angela Merkel könnte für ihre „Wir schaffen das“-Politik sogar den Friedensnobelpreis bekommen.

Auch der letztjährige Nobelpreisträger Stefan Hell, Physiker vom Göttinger Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie, räumt deutschen Wissenschaftlern gute Chancen auf die begehrten Auszeichnungen ein. „Ich sehe mehrere Forscher in Deutschland, die nobelpreiswürdige Leistungen erbracht haben“, sagte der 52-Jährige der Deutschen Presseagentur. Über seine Favoriten will Hell aber nicht öffentlich debattieren. „Ich weiß, dass es nicht immer angenehm ist, öffentlich damit in Verbindung gebracht zu werden, und ziehe es daher vor, keine Namen zu nennen“, sagte Hell. Er war selbst schon Jahre, bevor ihm der Nobelpreis zuerkannt wurde, immer wieder als Kandidat genannt worden.

Es gibt keine Garantie

Eine wichtige Rolle spielt dabei die Vorhersage-Liste für potenzielle Nobelpreisträger, die alljährlich von der US-Medienagentur Thomson Reuters auf der Basis von Zitierungen aus der wissenschaftlichen Forschung im Web of Science (TM) veröffentlicht wird. Eine Garantie ist auch sie aber nicht. Seit Beginn der Prognosen im Jahr 2002 wurden aber immerhin 37 Preisträger richtig vorhergesagt – wenn auch nicht immer im richtigen Jahr. Pro Fachgebiet gibt Thomson Reuters drei Tipps ab – dies können Forschergruppen sein, aber auch Einzelpersonen. So hat Hell im vergangenen Jahr den Nobelpreis zusammen mit den US-Amerikanern Eric Betzig und William Moerner für die Entwicklung superauflösender Mikroskope erhalten.

Auf der Thomson -Liste für den Medizinnobelpreis, der am Montag um 11.30 Uhr vergeben wird, ist der deutsch-amerikanische Biochemiker und Molekularbiologe Peter Walter, der 1954 in Berlin geboren wurde, einer der drei aussichtsreichsten Kandidaten. Einen Spitzenplatz im Ranking für den Nobelpreis für Physik, der am Dienstag verkündet wird, hat der österreichisch-ungarische Physiker Ferenc Krausz, der in München forscht und lehrt. Bis nach Niedersachsen führen die Spuren der als heiße Favoritin für den Nobelpreis für Chemie gehandelten Mikrobiologin: Die 48-jährige Französin Emmanuelle Charpentier hat unter anderem eine Alexander-von-Humboldt-Professur an der Medizinischen Hochschule in Hannover inne. Die Entscheidung über den Chemie-Nobelpreis wird am Mittwoch verkündet. All diesen Kandidaten ist gemeinsam, dass ihre Entdeckungen unter anderem einen großen Beitrag zur Bekämpfung schwerster Erkrankungen leisten können.

Fehlgefaltete Eiweiße

So würde der deutsch-amerikanische Biochemiker und Molekularbiologe Peter Walter den Medizin-Nobelpreis für die Entdeckung des als Unfolded Protein Response (UPR) bezeichneten Regulationsmechanismus der Zellen erhalten. Der URP-Mechanismus schützt die Zelle gegen fehlgefaltete Eiweiße (Proteine). Denn mit seiner Hilfe kann die Zelle feststellen, ob genug Proteinfaltungskapazität da ist. Ist das nicht der Fall, sorgt das sogenannte endoplasmatische Retikulum (ER) dafür, dass die Eiweißketten richtig gefaltet sind. Erst dann können sie ihre Funktion erfüllen. Läuft die Kontrolle schief, häufen sich fehlgefaltete Eiweiße in der Zelle. Ist der Defekt dann nicht reparabel, stirbt sie ab.

Ein Fehler bei der Entscheidung zwischen Reparatur- oder Selbstmordprogramm kann im Mittelpunkt vieler Erkrankungen stehen. Bei zahlreichen Krebsarten zum Beispiel funktioniert die Entscheidung fürs Absterben nicht, und die Zelle wächst unkontrolliert weiter. Bei Krankheiten wie Diabetes, Alzheimer und Parkinson dagegen sterben Zellen ab, bei denen es besser wäre, sie blieben am Leben. Peter Walter hält es durchaus für möglich, dass auf der Basis der Erkenntnisse über falsch gefaltete Eiweiße eine ganz neue Generation von Arzneimitteln geschaffen wird. „Die Proteinfaltung hat ein unheimlich großes Potenzial für therapeutische Ansätze“, betont er in einem Interview. „Es wäre wunderbar, wenn aus meiner anfangs reinen Grundlagenforschung etwas klinisch Relevantes entstünde.“

Attosekunden-Physik

Es ist wohl kein Zufall, dass der deutsche Hoffnungsträger für den Physiknobelpreis 2015, Ferenc Krausz, die Fotografie zum Hobby hat: Als Hobbyfotograf hat Krausz sich immer wieder über die Schwierigkeit geärgert, sich schnell bewegende Objekte zu fotografieren, ohne dass sie verschwimmen. Noch viel komplizierter ist es, die Bewegungen von Elektronen in Atomen, Molekülen und Festkörpern im Bild festzuhalten. Mit der Entwicklung einer raffinierten Experimentiertechnik, des sogenannten Attosekunden-Lasers, ist genau das dem ungarisch-österreichischen Physiker und seinem Team am Labor für Attosekundenphysik (LAP) am Max-Planck-Institut für Quantenoptik in Garching und der Ludwig-Maximilians-Universität aber gelungen. Eine Attosekunde ist der millionste Teil eines millionsten Teils einer Millionstelsekunde. Sie verhält sich zu einer Sekunde wie diese zum Alter des Universums. In Garching hat Krausz eine der weltweit leistungsfähigsten Anlagen für Attosekunden-Physik aufgebaut.

Noch ist die Attosekunden-Physik vor allem Grundlagenforschung. Experten gehen aber davon aus, dass sie in der Zukunft dazu beitragen könnte, zum Beispiel den Wirkungsgrad von Solarzellen zu steigern. Auch biologische Systeme, in denen Elektronen mit Licht wechselwirken, könnten mit ihrer Hilfe entschlüsselt werden. Eine wichtige Rolle könnte sie auch spielen, wenn es darum geht, die molekulare Entstehung von Krankheiten oder die Wirkung von Medikamenten nachzuvollziehen.

Heiße Kandidatin

Die französische Mikrobiologin Emmanuelle Charpentier, die eine heiße Kandidatin für den Chemienobelpreis ist, der am Mittwoch verkündet wird, ist in der Gentech-Branche schon lange ein Star. Seit dem 1. Oktober ist sie Direktorin am Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie in Berlin und hat gleichzeitig eine Professur an der Medizinischen Hochschule Hannover. Zuvor forschte sie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig. Das „Time Magazine“ setzte die 48Jährige in diesem Jahr auf die Liste der weltweit einflussreichsten Persönlichkeiten.

Gemeinsam mit ihrem Team hat die gebürtige Französin einen bakteriellen Mechanismus entdeckt, der als CRISPR-Cas9 bezeichnet wird. Das renommierte Magazin „Science“ zählte die Entdeckung im Jahr 2013 zu den Top Ten der wichtigsten wissenschaftlichen Leistungen. Das CRISPR-Cas9 ist – vereinfacht gesagt – ein genetisches Schneidewerkzeug, mit dem Genveränderungen, die für schwere Erbkrankheiten oder Krebs verantwortlich sind, in menschlichen Zellen korrigiert und im besten Fall sogar ganz ausgeschaltet werden können. Es wird bereits weltweit als Verfahren der Gentechnik benutzt und sorgt dafür, dass auch schwer kranke Menschen wieder hoffen dürfen.

Gegen einen Chemie-Nobelpreis an Charpentier spricht allerdings, dass ihre Entdeckung erst wenige Jahre zurückliegt. In der Regel vergehen mehr als 20 Jahre zwischen dem wissenschaftlichen Durchbruch und der Nobelpreisvergabe.

Auch die Tatsache, dass Charpentier eine Frau ist, macht es nicht leichter: An der Medizinischen Hochschule Hannover hat Charpentier als dritte Frau neben 37 Männern eine der 40 hoch dotierten Alexander-von-Humboldt-Professuren inne . Als Nobelpreisträgerin in einer der fünf klassischen Kategorien würde sie bis 2014 die 47. Frau unter 743 Männern sein. Hinzu kommen noch 74 männliche Preisträger und eine weibliche Preisträgerin des Wirtschaftspreises. Der Frauenanteil inklusive Wirtschaftspreis unter den Nobelpreisträgern beträgt insgesamt nur 5,2 Prozent.

Literaturnobelpreis

Da macht es Mut, dass das achtzehnköpfige Auswahlgremium für die Vergabe des Literatur-Nobelpreises seit Juni 2015 von einer Frau geführt wird. Mit der Literaturwissenschaftlerin Sara Danius wird so voraussichtlich am Donnerstag zum ersten Mal eine Frau den Literaturnobelpreisträger des Jahres 2015 verkünden. Große Chancen auf den Preis werden in der Stockholmer Literaturszene der 67-jährigen weißrussischen Autorin Swetlana Alexandrowna Alexijewitsch eingeräumt. Auch bei den Nutzern des Wettportals Ladbrokes steht sie hoch in Kurs.

Sollte die Weißrussin scheitern, ist noch nicht alles vorbei. Denn Experten räumen auch noch einer anderen Frau große Chancen ein: Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel gilt als Favoritin für den Friedensnobelpreis. Während es in Deutschland mehr und mehr kritische Stimmen gibt, wird Merkels Entscheidung, Zehntausende Flüchtlinge aus Ungarn aufzunehmen, international als moralisch vorbildliche Geste gefeiert.

Allerdings muss sich die Kanzlerin gegen weitere 276 Nominierungen behaupten. Darunter die kolumbianische Regierung und die linken Farc-Rebellen, die nach jahrzehntelangen Kämpfen Friedensverhandlungen führen, und die russische Oppositionszeitung „Nowaja Gaseta“. „Wir schaffen das“, möchte man mit der Kanzlerin rufen.


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