Middelberg-Buch in Berlin Freundin von Anne Frank: Calmeyer hat uns gerettet

Jaqueline van Maarsen 1942, Freundin von Anne Frank Foto: privatJaqueline van Maarsen 1942, Freundin von Anne Frank Foto: privat

Berlin/Osnabrück. Zwei Mädchen, im Sommer 1941: Anne Frank und Jacqueline van Maarsen radeln in Amsterdam vom Unterricht im Jüdischen Lyzeum nach Hause. Die 13-jährige Anne ist ein bisschen kecker. Sie spricht die gleichaltrige Schulkameradin an. Die zwei sind bald unzertrennlich – bis das abrupte Ende kommt. Die Familie Frank taucht im Juli 1942 unter, aus Angst vor den Nazis und um der Deportation in ein Vernichtungslager zu entgehen. Anne stirbt 1945 im KZ Bergen-Belsen. Jacqueline überlebt. Inzwischen 87 Jahre alt, ist sie gestern Abend in Berlin bei der Vorstellung des Buchs über ihren Retter, den Osnabrücker Rechtsanwalt Hans Calmeyer (1903–1972), dabei. Das Buch hat der CDU-Bundestagsabgeordnete Mathias Middelberg geschrieben.

„Hans Calmeyer hat uns gerettet“, davon ist Jacqueline („Jopie“) van Maarsen überzeugt. Hellwach, sehr agil sitzt die betagte Zeugin mit Middelberg auf einem Podium in Berlin. In dieser Stadt hatten die Nationalsozialisten im Januar 1942 bei der „Wannseekonferenz“ die „Endlösung der Judenfrage“ beschlossen. Die Vernichtung von Millionen von Menschen wurde seither in grausamer Perfektion und systematisch vorangetrieben.

Calmeyer entschied als Beamter der Besatzungsverwaltung in den Niederlanden täglich über Leben und Tod. Nach der NS-Rassenpolitik sollte er „rassische Zweifelsfälle“ klären. Arier oder Jude? „Jopie“ schaffte es in die erste Kategorie – dank einer List ihrer couragierten nicht- jüdischen Mutter. Diese gab im November 1942 an, ihr jüdischer Mann habe sie hintergangen und die Tochter in der jüdischen Gemeinde angemeldet. Tatsächlich seien „Jopie“ und ihre Schwester katholisch erzogen. Calmeyer schaltete niederländische Richter ein, die - wie er wusste - grundsätzlich zugunsten von Juden entschieden.

Die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, die dem 1972 verstorbenen Juristen posthum den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ verliehen hat, geht von mindestens 3000 Geretteten aus. Buchautor Middelberg spricht von „vielleicht 4000“. Der inzwischen verstorbene Calmeyer-Biograf Peter Niebaum hat nach einem Bericht unserer Zeitung Dokumente zitiert, in denen noch größere Zahlen genannt werden.

Mathias Middelberg überbrachte van Maarsen die Botschaft, dass sie auf der Calmeyer-Liste stand. „Calmeyer war es, der die Dinge so einrichtete, dass Menschen gerettet werden konnten“, erklärt der Osnabrücker Autor Middelberg nach umfangreichen Recherchen. Der Jurist und CDU-Politiker schrieb über den „Rassereferenten“ seine Doktorarbeit – und jetzt das Buch, das mittlerweile im Wallstein-Verlag in zweiter Auflage erscheint.

Middelberg zieht das Fazit, dass Calmeyer ein verzweifelter Retter gewesen sei, weil er Teil der Vernichtungsmaschinerie war. „Das war ihm bewusst und dies hat ihn bis zu seinem Tod nicht losgelassen.“ Middelberg und Van Maarsen verteidigen den umstrittenen Helfer. „Wäre er nicht Teil des Systems geblieben, hätte er niemandem helfen können. Er tat mit, um zu retten“, sagt die 87-Jährige Niederländerin in gutem Deutsch.

Retter wie Calmeyer verdienten Erinnerung, erklärt Middelberg, „nicht weil sie Übermenschen gewesen wären, sondern weil sie Menschen geblieben sind in einer Zeit, in der schon das eine Leistung war“. Der Autor hat Lesungen gehalten in Heidelberg, Erfurt, Naumburg, Münster und Lingen, zuerst in Osnabrück, wo Calmeyer als Spross einer Bildungsbürger-Familie aufwuchs. Gestern in Berlin erfährt Middelbergs Buch Wertschätzung auf höchster Ebene. Kanzleramtsminister Peter Altmaier (CDU) führt in das Zeitzeugengespräch zwischen Middelberg und van Maarsen ein – in fließendem Niederländisch grüßt er von Kanzlerin Angela Merkel.

„Ich hoffe, dass wir einander bald wiedersehen ...und immer beste Freundinnen bleiben“ – so heißt es in einem Abschiedsbrief, den Anne Frank im September 1942 im Versteck in einem Amsterdamer Hinterhaus schreibt. Sie schickt ihn aber nicht ab, um sich nicht zu verraten. Er ist in ihrem Tagebuch enthalten. Mit diesen Aufzeichnungen schreibt Anne Weltgeschichte. Und „Jopie“, die zarte , kleine Dame aus den Niederlanden, ist ein Teil davon.


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