Interview mit Hans-Joachim Kümpel „Fracking ist weniger gefährlich als Gülle“

Von Christof Haverkamp

Hält Fracking für sicher: Professor Hans-Joachim Kümpel, Präsident der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe. Foto: Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe.Hält Fracking für sicher: Professor Hans-Joachim Kümpel, Präsident der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe. Foto: Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe.

Osnabrück. Wie sicher ist Fracking? Dazu äußert sich der Präsident des Bundesamtes für Geowissenschaften und Rohstoffe, Professor Hans-Joachim Kümpel, im Interview.

Herr Prof. Kümpel, die Koalition überlegt ein Gesetz zu Fracking. Viele Menschen befürchten, dass diese Methode zur Förderung von Schiefergas Grundwasser verseuchen kann. Eine berechtigte Angst?

Die Sorgen rühren von Beispielen, bei denen durch Fracking Umweltschäden entstanden sind. Viele Darstellungen sind aber stark überzogen. Die Schäden sind kleiner, als viele denken. Übertreibungen sind vor allem 2010 durch den Film „Gasland“ hochgekommen. Bilder eines brennenden Wasserhahns haben die Vorstellung erzeugt, Fracking müsse eine gefährliche Technologie sein.

Ein Film aus den USA.

Ja. Die wenigsten wissen, dass der brennende Wasserhahn nur aus dramaturgischen Gründen inszeniert wurde, aber nichts mit Fracking zu tun hat. Alle Schadensfälle in den USA sind aus Situationen entstanden, die in Deutschland nicht genehmigungsfähig wären. Wir wenden Fracking seit den 60er Jahren an und haben sehr strenge Auflagen für Unternehmen, die Erdgas und Erdöl fördern. Aber die Befürchtungen hängen auch damit zusammen, dass viele Menschen nicht genau einordnen können, was Grundwasser ist.

Warum?

Grundwasser wird vielfach gleichgesetzt mit Trinkwasser. Wir kennen das: In den Bergen kommt frisches Wasser aus einer Quelle, das trinkbar ist. Der geologische Untergrund, in dem Fracking stattfindet, ist ganz anders: Trinkbares, nutzbares Grundwasser haben wir in Norddeutschland nur bis in wenige hundert Meter Tiefe. Darunter haben wir versalzenes Tiefenwasser. Fracking findet in Tiefen von mehr als 1000 Metern statt, nicht im oberflächennahen Bereich, wo nutzbares Grundwasser belastet werden könnte.

Beim Fracken wird mit Chemikalien versetztes Wasser verwendet. Kann es in die Trinkwasser führende Schicht aufsteigen?

Das wird oft als Besorgnis gesehen. Aber selbst wenn Teile der Frack-Fluide die Schiefergas-Lagerstätten verlassen sollten, lösen sie sich sofort in den versalzenen Tiefenwassern auf und werden Teil dieser Brühe da unten. Diese Flüssigkeit hat wegen ihres starken Gehaltes an Salzen und anderen Stoffen eine hohe Dichte. Rein physikalisch kann sie daher gar nicht aufsteigen. Selbst bei Überdruck bleibt sie in großen Tiefen, weil sie viel schwerer ist als das leichte, nutzbare Trinkwasser weiter oben.

Ist Fracking für die Umwelt weniger gefährlich als Gülle?

Das kann man durchaus so sagen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Gülle von der Erdoberfläche in das Grundwasser gelangt, zum Teil auch in Vorräte mit Trinkwasserqualität. Wir haben beim Fracking tiefliegende Barrieren, die das verhindern. Ein Eindringen dieser dichten Tiefenwasser ins Grundwasser findet nicht statt.

Wie ist das bei heißen Quellen?

Regionen mit heißen Quellen bleiben von Fracking ausgeschlossen, denn hier strömt nutzbares Grundwasser nach oben. Da will man jede Gefährdung ausschließen. Aber das ist eine Ausnahme.

Was geschieht, wenn ein Bohrloch undicht ist?

Das darf nicht passieren. Es existieren entsprechende Auflagen. Wo Rohre durch nutzbares Grundwasser verlaufen, müssen sie als Mehrfachverrohrung ausgeführt, druckdicht und mit einem Zementmantel umgeben sein. Durch wiederholte Kontrollen ist garantiert, dass sich Flüssigkeiten im Bohrloch nicht mit Grundwasser vermischen. Auch in der Tiefe müssen die Außenrohre zementiert sein. Es darf keine Verbindung entstehen zwischen Tiefenwassern und oberem Grundwasser.

Muss man nicht befürchten, dass bei der Förderung Lagerstättenwasser an die Erdoberfläche gespült wird?

Bohrunternehmen, die seit gut 50 Jahren Erdgas und Erdöl fördern, kennen das: Wo heute in Deutschland noch Erdöl gefördert wird, liegt der Erdölanteil bei weit unter 50 Prozent, das meiste ist natürlich vorkommendes Lagerstättenwasser, das mit an die Erdoberfläche gefördert wird. Es ist geübte Praxis, Bohrungen so auszuführen, dass keine Verbindung entsteht zwischen Flüssigkeiten, die man durch das Bohrloch hochholt oder wieder verpresst, und nutzbarem Grundwasser.

Gibt es für Geowissenschaftler einen Grund, Fracking zu verbieten?

Nein, wenn die gängigen Vorschriften eingehalten werden. Wichtig ist, dass für jeden Standort eine geophysikalisch-geologische Tiefenerkundung durchgeführt wird. Dann ist Fracking eine sichere Technologie. Die Sicherheitsvorkehrungen und -auflagen in Deutschland sind so hoch, dass nach menschlichem Ermessen keine Kontamination des Grundwassers stattfinden kann.

Finden Experten bei Anhörungen in Berlin zum Fracking in der Politik ausreichend Gehör?

Ich bin bei einer Anhörung selber befragt worden. Beim Thema Fracking kommt Fachwissen verschiedener Disziplinen zusammen wie Mineralogie, Geologie, Geophysik, Lagerstättenkunde, Bohrlochingenieurwesen, Seismologie und Gesteinsmechanik. Die Experten, die viele Jahre Berufserfahrung haben, können die sehr emotionale Diskussion in der Öffentlichkeit kaum nachvollziehen. Das Wissen über die Technologie fehlt bei vielen, die sich in die Debatte einbringen. Hier besteht enormer Aufklärungsbedarf, zum Beispiel: Wie bricht Gestein? Wie holt man flüssige Bodenschätze aus der Erde? Vieles macht man seit Jahrzehnten, aber es ist nicht so bekannt. Bei Pilotvorhaben sollte man nicht nur Erkenntnisse über den Untergrund gewinnen, sondern auch der Bevölkerung zeigen, was dort genau geschieht.

Nochmal nachgefragt: Finden Sie ausreichend Gehör in Berlin?

Politiker können die Skepsis in der Bevölkerung nicht außer Acht lassen. Das führt verständlicherweise dazu, dass man die strengen Vorschriften weiter verschärft – etwa im Hinblick auf eine Prüfung der Umweltverträglichkeit, auf Schadensregulierung und Beteiligung der Öffentlichkeit. Das stärkt das Sicherheitsbewusstsein. Aber Politiker sind oft ebenso verunsichert wie die breite Bevölkerung. Notwendig wäre mehr Fachwissen bei allen Akteuren, um Fracking umfassend bewerten zu können.


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