Kaum Perspektiven Flüchtlinge in Polen: Sehnsucht nach „Germania“

Von dpa

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Alltag im Zentrum für Flüchtlinge im polnischen Gora Kalwaria in der zentralpolnischen Region Masowien auf dem Gelände eines ehemaligen Erholungsheims der Armee. In Gora Kalwaria leben allem Flüchtlingsfamilien aus Tschetschenien. Foto: dpaAlltag im Zentrum für Flüchtlinge im polnischen Gora Kalwaria in der zentralpolnischen Region Masowien auf dem Gelände eines ehemaligen Erholungsheims der Armee. In Gora Kalwaria leben allem Flüchtlingsfamilien aus Tschetschenien. Foto: dpa

Warschau/Gora Kalwaria. Sie leben hinter Mauern, außerhalb der Kleinstand Gora Kalwaria in der zentralpolnischen Region Masowien. Doch die etwa 80 Flüchtlingsfamilien haben ihrer Flüchtlingsunterkunft Zustände, von denen die Bewohner der zunehmend überfüllten Einrichtungen in Deutschland, Italien oder Griechenland nur träumen können.

Von den Lebensverhältnissen in den Lagern zwischen Südsudan, Ostkongo, Jordanien oder Libanon einmal ganz zu schweigen: Zwei mehrgeschossige Wohnblöcke, umgeben von einem Kieferwäldchen auf einem drei Hektar großen Gelände. Die Männer, die vor dem Büro von Mariusz Stanczyk warten, haben dennoch andere Träume für ihre Zukunft: „Germania, Deutschland“, ruft einer von ihnen mit hartem russischen Akzent. Stanczyk, der Leiter der Flüchtlingsunterkunft auf dem Gelände eines ehemaligen Erholungsheims der Armee, weiß, dass die meisten der Menschen, die in Gora Kalwaria auf die Entscheidung über ihren Asylantrag warten, am liebsten weiter ziehen würden in den vermeintlich goldenen Westen. (Weiterlesen: Australien stoppt Flüchtlingsboote um jeden Preis)

Auf dem Weg zur Familie in Deutschland

Manche haben schon Familie dort, wie Luisa aus Tschetschenien, die ihren Nachnamen nicht sagen und nicht einmal von hinten fotografiert werden will. „Meine Schwester und ihre Familie leben in Hamburg“, erzählt sie. Luisa ist seit mehr als zwei Jahren in Gora Kalwaria, zusammen mit ihrem Mann und ihren beiden Töchtern. „Das ist eine lange Zeit. Es ist sehr hart“, sagt die dunkelhaarige Frau in dem lila geblümten Kleid über das lange Warten auf den Asylbescheid. Eigentlich dauert das Verfahren sechs Monate, aber es gebe Probleme mit den Dokumenten, sagt sie und blickt müde zu dem kleinen Kinderspielplatz des Flüchtlingszentrums hinüber. (Weiterlesen: Vorzeige-Flüchtlingsheim in Osterode: Gegenwind für Til Schweiger)

Integration gibt es in Polen nicht

Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR sieht bei der Aufnahme von Flüchtlingen in Polen noch ganz andere Probleme. „Was nötig ist, ist eine gute Integration, und die gibt es in Polen bisher nicht“, sagt der Warschauer UNHCR-Sprecher Rafal Kostrzynski. Denn wenn anerkannte Flüchtlinge nach dem einjährigen Integrationsprogramm die Sammelunterkünfte verlassen, würden sie meist nur schlecht Polnisch sprechen. Auf dem Arbeitsmarkt seien sie benachteiligt, auf dem Wohnungsmarkt würden sie diskriminiert. „Für die Mehrheit der Flüchtlinge ist das Ende des Integrationsprogramms eine Katastrophe. Es gibt keinerlei Perspektive und sie sind nicht in der Lage, selbstständig zu wohnen“, betont Kostrzynski.

18 Euro Taschengeld im Monat

Schon während des Asylverfahrens fehle für traumatisierte Flüchtlinge aus Kriegsgebieten zudem der Zugang zu psychologischer Hilfe. In Gora Kalwaria, wo vor allem Flüchtlingsfamilien aus Tschetschenien leben, kommt einmal in der Woche ein Psychologe, sagt Pawel Proszewski, einer der Flüchtlingsbetreuer. Während des Aufenthalts in dem Zentrum erhält jeder Flüchtling ein Taschengeld von 70 Zloty im Monat - das sind etwa 18 Euro. Unterkunft und Verpflegung sind kostenlos. Dennoch, für die Zeit danach kann bei diesen Summen nichts angespart werden.

Offiziell dürfen nur anerkannte Flüchtlinge arbeiten, die Menschen in Gora Kalwaria aber warten noch auf eine Entscheidung der Ausländerbehörde. „Viele versuchen, als Schwarzarbeiter etwas dazu zu verdienen“, sagt Stanczyk. In der Umgebung gibt es zahlreiche Obstplantagen, da werden gerade zur Erntezeit Tagelöhner gebraucht.

Für Ausbildung fehlt das Geld

Proszewski führt durch das Zentrum, das nahezu menschenleer scheint - ein paar Kinder schaukeln auf dem Spielplatz, Wäsche flattert von Leinen, die zwischen Kiefern gespannt wurden, eine Gruppe Frauen und Mädchen schrubbt einen Teppich mit Seifenlauge. In den Korridoren stehen Schuhe und Pantoffeln nebeneinander gereiht vor den Zimmertüren. „Wenn sie nicht außerhalb des Zentrums unterwegs sind, bleiben viele auf ihren Zimmern“, sagt er. Dabei ist die Unterkunft theoretisch durchaus für Gemeinschaftsaktivitäten ausgerichtet - es gibt einen Raum mit Nähmaschinen und Schneidetisch, einen Frisiersalon. „Hier haben wir früher Frauen ausgebildet, einigen hat das nach ihrem Asylentscheid zu regulärer Arbeit geholfen“, erzählt Proszewski stolz. „Aber derzeit gibt es keine Kurse“, fügt er hinzu. „Wir führen Gespräche über neue Gelder.“ Wann es zu einer Entscheidung kommt, ist noch unklar. (Weiterlesen: NRW-CDU schlägt vor: Flüchtlinge in Lagerhallen)

Kindergarten an zwei Vormittagen

Und auch der Kindergarten bietet nur an zwei Vormittagen Betreuungsmöglichkeiten - zu wenig für Frauen wie Luisa, um an Sprachkursen teilzunehmen oder sich eine inoffizielle Arbeit zu suchen. Das Warten auf die Entscheidung, ob sie und ihre Familie bleiben können oder abgeschoben werden, hat sie mürbe gemacht. „Ich dachte, dass ich meinen Kindern etwas gebe, denn unser Leben ist schon zerstört“, klagt sie und wischt sich Tränen aus den Augen. „Aber in diesem Moment sehe ich, dass ich ihnen nichts geben kann.“

Besser zu Hause geblieben?

Die Flucht aus Tschetschenien sieht sie heute mit gemischten Gefühlen. Einerseits betont sie, sie könnten nicht zurück, hätten Verfolgung und Schikanen erlitten. Doch andererseits: „Jetzt, nach zwei Jahren und zwei Monaten denke ich, dass es besser wäre, wenn ich zu Hause geblieben wäre.“ Mit Blick auf die Flüchtlinge aus Afrika oder den Ländern des Nahen Ostens meint sie angesichts ihrer eigenen Erfahrungen: Wer seine Heimat wegen der Hoffnung auf eine bessere wirtschaftliche Zukunft verlassen wolle, bleibe besser zu Hause. „Da, wo du geboren bist, da bist du von Nutzen“, sagt sie. „Aber natürlich, in einer Situation mit richtigen Problemen, da haben sie keine Wahl für sich und ihre Kinder.“

4200 Flüchtlinge in sechs Monaten

Bis Ende Juni haben nach Angaben der Ausländerbehörde fast 4200 Menschen in Polen einen Asylantrag gestellt, elf Prozent mehr als im vergleichbaren Zeitraum des Vorjahres. Die meisten von ihnen waren Tschetschenen und Ukrainer. Die Aussichten auf Anerkennung sind für diese Gruppe eher gering. Bei der Mehrheit der 273 Flüchtlinge, denen in diesem Jahr Asyl gewährt wurde, handelte es sich um Syrer, Ägypter und Iraker. Angesichts der 2000 Flüchtlinge, zu deren Aufnahme sich die Warschauer Regierung bereit erklärt hat, ist in Polen eine heftige Kontroverse ausgebrochen. Den Fremden schlägt Ablehnung entgegen. Rechtsradikale demonstrierten in den vergangenen Wochen in Warschau und anderen Städten und skandierten: „Wir sagen Nein zu Immigranten.“ (Weiterlesen: Ausländerbehörden sollen Willkommenskultur lernen)

Vorbehalte gegenüber Dunkelhäutigen

Doch nicht nur Extremisten sind gegen die Aufnahme von Fremden, in Umfragen stören sich bis zu 70 Prozent der Befragten an den Neuankömmlingen, wenn sie dunkelhäutig oder Muslime sind. Ausländeramt und die Internationale Organisation für Migration haben im Juni eine Umfrage beim Meinungsforschungsinstitut Ipsos in Auftrag gegeben, um mehr über das Verhältnis zwischen Polen und Ausländern zu erfahren. Danach sind nur 38 Prozent der Meinung, dass Ausländer den gleichen Zugang zum Arbeitsmarkt erhalten sollten wie Polen, und 43 Prozent sagen, dass Ausländer andere Jobs erhalten sollten. Mehr als zwei Drittel der tausend Befragten betrachteten Araber mit Misstrauen, 55 Prozent hielten sie für ein Sicherheitsrisiko.

Ausländeranteil unter einem Prozent

UNHCR-Sprecher Kostrzynski beobachtet die Diskussion mit Sorge. „Die Aufnahme von 2000 Menschen in einem Land von fast 40 Millionen Einwohnern sollte kein Problem sein“, sagt er - zumal der Anteil der Ausländer in Polen nicht einmal ein Prozent beträgt. „Diese ganze aufgeregte Reaktion ist unnötig.“ Auch Äußerungen, dass wegen der „besseren Integrationsmöglichkeiten“ nur christliche Flüchtlinge aufgenommen werden sollen, weist er zurück: „Solchen Kriterien stimmt der UNHCR nicht zu.“

Hintergründe zum Thema Flüchtlinge und Asyl auf unserer Themenseite: www.noz.de/fluechtlinge


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