Handwerk im Interview „Bei uns zählt der Einsatz, nicht die Herkunft“

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Holger Schwannecke
            

            

              Foto: Imagaostock&peopleHolger Schwannecke Foto: Imagaostock&people

Osnabrück. Welche Chancen haben Migranten? Lehre und Abitur – funktioniert das? Neiddebatten über die Erbschaftsteuer? Holger Schwannecke, Generalsekretär des Deutschen Handwerks, im Interview.

Die Flüchtlingswelle wirkt im öffentlichen Dienst wie ein Jobmotor. Könnte auch der Mittelstand profitieren, schließlich werden Unterkünfte eingerichtet?

Mit dem Begriff Jobmotor wäre ich vorsichtig an dieser Stelle. Die Vielzahl von Flüchtlingen, verfolgt und vertrieben, stellt uns vor riesige Herausforderungen, auf die wir nicht vorbereitet waren. Das betrifft die Verwaltung, die zusätzliche Stellen braucht. Vor allem aber geht es die Gesellschaft an. Ich möchte jeden ermuntern, im Rahmen seiner Möglichkeiten gesellschaftliche Hilfe zu leisten. Wir schaffen es nur mit der Unterstützung vieler ehrenamtlicher Helfer, vor denen ich hohen Respekt habe. Ich danke hier auch ausdrücklich allen Handwerkerinnen und Handwerkern, die sich ehrenamtlich in Hilfsorganisationen für die Flüchtlinge einsetzen. Natürlich führt der Flüchtlingszustrom auch dazu, dass Unterkünfte renoviert oder auch gebaut werden. Es geht hier aber nicht um ökonomische Aspekte, sondern einzig um Hilfe für Menschen, die uns dringend brauchen.

Sie wollen besseren Zugang ausländischer Fachkräfte – wie steht es denn um die Akzeptanz eines farbigen Heizungsbauers?

Das Handwerk hat den Leitsatz: Bei uns zählt nicht, wo man herkommt, sondern, wo man hin will. In unseren Betrieben sind Leistungsbereitschaft und Teamgeist, nicht Hautfarbe oder Herkunft wichtig. Auch unsere Kunden sehen das so. Ich kenne beispielsweise einen erfolgreichen Handwerksbetrieb in Stuttgart, der Mitarbeiter aus acht verschiedenen Ländern beschäftigt.

Wie viele Asylanten und wie viele Zuwanderer sind im Handwerk tätig?

Am Anteil der Auszubildenden kann man dies gut festmachen: 25 Prozent von ihnen haben einen Migrationshintergrund – Tendenz steigend. Wir kümmern uns in den Kammern und Verbänden sehr intensiv um diese Jugendlichen, die oft die Möglichkeiten im deutschen Handwerk gar nicht kennen.

Sie fordern drei Jahre Bleiberecht für Auszubildende, die in Deutschland nur geduldet sind…

Ja, genau. Viele Unternehmen möchten gern ausbilden, wünschen sich aber mehr Rechtssicherheit. Hier muss die Formel 3+2 gelten – Bleiberecht für Ausbildung plus zwei Jahre Beschäftigung. Das lohnt sich für beide Seiten, und die jungen Asylbewerber können sich im Beruf bewähren. Wir hoffen sehr, dass die Bundesregierung hier nachbessert. Bisher wird über das Bleiberecht dieser Flüchtlinge in Ausbildung jedes Jahr neu befunden – das ist ein hoher Druck für einen jungen Menschen, der vor allem Unterstützung braucht.

Deutschland ist zur Sicherung seines Wohlstands auf Zuwanderung angewiesen, argumentieren Forscher. Richtig?

Ja, unsere Gesellschaft ist überaltert. Wir brauchen Zuwanderung, um die Fachkräftelücke zu schließen. Und für den Erhalt der Sozialversicherungen. Schon jetzt treiben die Zuwanderer die Beitragseinnahmen der Rentenversicherung entscheidend in die Höhe. Von fremdenfeindlichen Protesten dürfen wir uns nicht beeindrucken lassen. Ein Fremder ist nur ein Fremder, solange er anonym ist. Wir sollten auf Zuwanderer positiv zugehen. Deutschland ist ein offenes Land, aber es muss an einer besseren Willkommenskultur arbeiten.

Themenwechsel: Wie groß ist die Lehrlingslücke?

Aktuell stehen noch 27000 freie Lehrstellen in den Börsen der Kammern. Auch wenn im August und September noch viele Neuverträge abgeschlossen werden – ich fürchte, 2015 werden im dritten Jahr in Folge über 20000 Lehrstellen unbesetzt bleiben. Dennoch zeigt sich die Situation zum Stichtag 31. Juli etwas entspannter: Gegenüber dem Vorjahresmonat liegt die Zahl der Neuverträge mit 2,2 Prozent im Plus. Wir hoffen sehr, dass sich unser Nachwuchswerben mittelfristig auszahlt. Zum einen kümmern wir uns mit der „assistierten Ausbildung“ verstärkt um junge Menschen mit Schwierigkeiten. Zum anderen machen die Betriebe Abiturienten mehr maßgeschneiderte Angebote.

Was heißt das genau?

Mit der Politik verhandeln wir über das Projekt „Ausbildung mit Abitur“. In Ostdeutschland kennt man das noch, erfolgreiche Vorbilder haben wir in Österreich und der Schweiz. Wir reagieren so auf die Tatsache, dass mehr als die Hälfte eines Jahrgangs zu Abitur und Hochschule strebt. Wir wollen jene erreichen, die bei allem Interesse an einer handwerklichen Ausbildung nicht auf das Abitur verzichten wollen. Diese Generation will sich alle Chancen offenhalten, das Handwerk steht für sie bereit. Wir haben überzeugende Fakten: Wer den Meisterbrief hat, verdient im Schnitt mindestens so viel wie ein Bachelor-Absolvent und ist nur mit zwei Prozent von Arbeitslosigkeit betroffen.

Stichwort Erbschaftsteuer: Wo wollen Sie Änderungen des Gesetzentwurfs?

Die Hürden bei der Übergabe von Familienbetrieben sind noch zu hoch. Nach dem Regierungsentwurf soll lediglich bei Kleinstunternehmen mit bis zu drei Mitarbeitern auf die Erbschaftsteuer verzichtet werden. Hier muss die Grenze auf bis zu sieben Mitarbeiter erhöht werden. Auch für Unternehmen mit bis zu 20 Mitarbeitern sollten die Hürden geringer ausfallen. Deutschland braucht die kleinen regionalen Betriebe, die auf Nachhaltigkeit ausgerichtet sind. Ich sehe mit Bestürzung, dass deren Einsatz für Innovationen und den Fortbestand von Ausbildungs- und Arbeitsplätzen nicht hinreichend gewürdigt wird. Stattdessen wird über die Erbschaftsteuer eine ideologisch aufgeladene Neiddebatte geführt. Wir dürfen nicht ausblenden, welch hohes Maß an Verantwortung zur Übernahme und Führung eines Unternehmens mit bis zu 20 Mitarbeitern und deren Familien gehört. Das verdient Förderung und Unterstützung, statt Abschreckung und Drangsalierung.


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