Sechs Monate nach Anschlag „Charlie Hebdo“: Frankreich kämpft noch immer mit den Folgen

Von Birgit Holzer

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Eine Stadt in Aufruhr: Im „Hyper Casher“ nahm der Attentäter Geiseln. Foto: dpaEine Stadt in Aufruhr: Im „Hyper Casher“ nahm der Attentäter Geiseln. Foto: dpa

Paris. Ein halbes Jahr nach dem Anschlag auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ und einen jüdischen Supermarkt kämpft Frankreich mit den Folgen.

Es ist eine unförmige Kugel, die Luz aus dem Bauch wächst und beunruhigend schnell größer wird. „Hey, Junge!“, ruft sie. „Darf ich mich vorstellen: Ich bin dein Kloß im Magen!“ Von nun an, erklärt die Kugel, würden sie länger miteinander zu tun haben: „Ich bin da, um dich am Vergessen zu hindern.“ Vergessen? Wie könnte Luz diesen 7. Januar 2015 vergessen, an dem er so viel verloren hat: seine Kollegen und besten Freunde, die Leichtigkeit und die Fähigkeit zu zeichnen. Sie zumindest ist zurückgekommen.

Das beweist der französische Karikaturist Renald Luzier, genannt Luz, mit seinem Comic-Band „Katharsis“, in dem er auf sehr persönliche Weise das Attentat der Terror-Brüder Saïd und Chérif Kouachi auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ aufarbeitet. Er hat es überlebt, anders als zwölf andere Menschen – Polizisten, Gäste und Mitarbeiter der Redaktion, darunter der einstige Chefredakteur Charb. Auch von ihm erschien posthum ein Buch, in dem er erklärt hatte, sich über alle Autoritäten und Religionen lustig zu machen, aber nicht über den Islam hieße ja gerade, die Muslime zu diskriminieren.

„Französischer 11. September“

Viele weitere Werke sind seit den Anschlägen dreier Islamisten auf „Charlie Hebdo“, auf eine Polizistin und den jüdischen Supermarkt „Hyper Casher“ vor sechs Monaten erschienen. Viele sprachen vom „französischen 11. September“: Es gebe ein „Davor“ und ein „Danach“. Doch was macht dieses „Frankreich danach“ mit seinem Trauma?

Zunächst fällt das verstärkte Sicherheitsaufgebot auf. Dauerhaft herrscht die höchste Terror-Warnstufe, und erstmals werden mehr Soldaten im Land eingesetzt als außerhalb. Alarmiert reagierte man Ende Juni auf die Explosion in einer Gasfabrik bei Lyon durch einen Mann mit Verbindungen zur Salafisten-Szene, der zudem seinen Chef enthauptete und dessen Kopf neben islamistische Fahnen an einen Zaun hängte. Andere Attentate konnten verhindert werden. So störte es nur eine wenige, dass das Parlament nun die Kompetenzen des Geheimdienstes beim Abhören der Bürger und Datensammeln gesetzlich massiv ausweitete.

Permanent bewacht werden vor allem jüdische, aber auch einige muslimische Schulen und Einrichtungen. Schon länger wandern immer mehr französische Juden nach Israel aus, weil sie sich bedroht fühlen. Jetzt erst recht: Vier Menschen tötete der Terrorist Amédy Coulibaly im „Hyper Casher“, nur weil sie jüdisch waren.

„Leben muss weitergehen“

Heute wirkt der Leiter des Supermarktes nicht bedrückt, aber nachdenklich. „Was passiert ist, war sehr schlimm, aber wir haben keine Angst, und das Leben muss weitergehen“, versichert er. Die Kunden kamen sofort wieder, sogar mehr als vorher. Polizisten mit Maschinengewehren vor dem Gebäude schützen sie.

Weitergehen muss es auch bei „Charlie Hebdo“, wo die meisten verbliebenen Mitarbeiter weiterhin arbeiten, während Luz das Magazin verlassen hat. Die erste „Ausgabe der Überlebenden“ war trotz einer Rekord-Auflage wochenlang ausverkauft. Doch der Ansturm ist längst vorbei, wenn auch die Abonnenten-Zahlen stiegen.

Zunächst erschien die Reaktion auf den Terror überraschend geeint in einem Land, das sonst so ausgiebig über seine Spaltungen diskutiert: Tausende versammelten sich abends auf dem Platz der Republik. Bis heute liegen dort Blumen, Karten, Botschaften des Nicht-Vergessens. Hier startete auch der große Trauermarsch für die Opfer am 11. Januar; vier Millionen Menschen gingen an dem Tag landesweit auf die Straße.

Bröckelt die Einheit?

Doch bald zeigten sich die Risse im starken Bild der Einheit. Der Intellektuelle Emmanuel Todd kritisiert in seinem Essay „Wer ist Charlie? Soziologie einer Religionskrise“ den Trauermarsch als „Ausschluss-Veranstaltung“: Statistiken belegten demnach eine Überrepräsentation der weißen, katholischen Mittel- und Oberschicht der Gesellschaft. In der Tat standen vor allem in den sozial angespannten Vorstädten, den Banlieues, in denen überdurchschnittlich viele Einwandererfamilien und Muslime leben, nicht alle hinter „Charlie“. Hier verweigerten viele Schüler die Teilnahme an der Schweigeminute für die Opfer, fühlten sich durch die Verunglimpfung Mohammeds beleidigt.

In den Banlieues wachsen auch die meisten der jungen Franzosen auf, die wie die Attentäter fasziniert sind von den Terrornetzwerken Al-Kaida und Islamischer Staat (IS). Hunderte befinden sich derzeit in Syrien und im Irak. So werfen die Anschläge Fragen auf wie die nach der Vorbeugung von Radikalisierung und dem Raum für den Islam in einer laizistischen Gesellschaft. Und die Frage, was diese eigentlich zusammenhält. Die meisten, so zeigte sich, wünschen sich ein friedliches, geeintes Zusammenleben – und darin liegt vielleicht die Chance, gestärkt aus dem Terror hervorzugehen. Und irgendwann diesen Kloß im Magen wieder loszuwerden.

Alle Infos und Hintergründe zu den Anschlägen lesen Sie auf unserer Themenseite.


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