Einsatz gegen Kurden Türkei plant Intervention in Syrien

Von Susanne Güsten

Rauch steigt über der nordsyrischen Stadt Kobane auf. Das ist auch von der türkischen Seite der Grenze aus sichtbar. Foto: ReutersRauch steigt über der nordsyrischen Stadt Kobane auf. Das ist auch von der türkischen Seite der Grenze aus sichtbar. Foto: Reuters

Istanbul. Bis vor einigen Tagen hatten nur wenige Türken jemals von der nordsyrischen Kleinstadt Mare gehört. Jetzt ist die „Mare-Linie“ plötzlich in aller Munde – als Bezeichnung für einen Gebietsstreifen in Syrien, den die türkische Armee mit einer angeblich geplanten Militärintervention einnehmen will.

Nach übereinstimmenden Presseberichten sollen fast 20.000 Soldaten und dazu auch Artillerie und Luftwaffe eingesetzt werden, um bis zu 30 Kilometer tief nach Syrien einzudringen. In wenigen Tagen sollen der Einsatzplan stehen.

Mit der Operation will Präsident Recep Tayyip Erdogan laut den Berichten zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Zum einen will Ankara die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) schwächen und damit die westlichen Partner beruhigen. Gleichzeitig will Erdogan mithilfe der Armee sein eigentliches Ziel erreichen und die Entstehung eines Kurdenstaates in Nordsyrien verhindern.

„Koste es, was es wolle“

Eine Stellungnahme der Regierung lag am Sonntag nicht vor. Allerdings betonte Erdogan erst vor wenigen Tagen in einer Rede, die Türkei werde die Schaffung eines neuen Staates in Syrien nicht hinnehmen, „koste es, was es wolle“. Die nordsyrische Kurdenmiliz YPG, ein Ableger der türkisch-kurdischen Rebellenorganisation PKK, hatte in den vergangenen Wochen mehrere militärische Erfolge gegen den IS in Nord-Syrien erzielt und damit das Kurdengebiet ausgeweitet.

Erdogan und andere türkische Politiker sind besorgt, dass die Kurden nun versuchen werden, das derzeit vom IS beherrschte Gebiet entlang der Grenze westlich der kurdischen Stadt Kobane unter ihre Kontrolle zu bringen. Die Stadt Mare markiert das Ende dieses Gebietsstreifens; in der dortigen Gegend sind die pro-westliche Freie Syrische Armee und andere Rebellengruppen am Ruder. Mit der Einnahme der rund 100 Kilometer langen „Mare-Linie“ durch die türkische Armee will Erdogan den Vormarsch der Kurden stoppen und dem Islamischen Staat alle noch vorhandenen Zugangswege aus der Türkei versperren.

Ankara fordert Pufferzone

Spekulationen über einen türkischen Einmarsch in Syrien gibt es schon lange. Ankara fordert seit Jahren die Einrichtung einer Pufferzone und die Verhängung eines Flugverbots über Nordsyrien, um eine Destabilisierung der eigenen Grenze zu verhindern und Flüchtlinge auf syrischem Gebiet versorgen zu können. Die UN und die westlichen Partner lehnen die Forderung jedoch ab.

Jetzt will Erdogan offenbar im Alleingang handeln. In mehreren Besprechungen mit Ministerpräsident Ahmet Davutoglu, der Militärspitze und dem Geheimdienst sei das Thema erörtert worden, melden sowohl regierungstreue als auch Erdogan-kritische Medien.

Militär skeptisch

Die türkischen Generäle haben demnach erhebliche Bedenken gegen den Plan und bestanden auf einem formellen schriftlichen Befehl der Regierung. Sie befürchten Vergeltungsaktionen des IS auf türkischem Boden sowie Zusammenstöße mit der syrischen Regierungsarmee – die Türkei könnte also vollends in den Syrien-Konflikt hineingezogen werden. Zudem könnte die Intervention zu Konflikten zwischen der türkischen Armee und den syrischen Kurden führen und neue PKK-Gewalt in der Türkei auslösen. Auf internationaler Ebene drohe eine Verurteilung der Türkei wegen Besetzung fremden Staatsgebietes, argumentieren die Militärs.

Die regierungsnahe Zeitung „Yeni Safak“ meldete, die westlichen Partner der Türkei, die syrische Regierung und deren Partner Iran sollten vorab über die Intervention informiert werden. Eine von mehreren Varianten lautet demnach, in dem von der türkischen Armee gesicherten Gebiet gemäßigte und nicht-kurdische Rebellen auszubilden, denen die Gegend nach einem Rückzug der Türken überlassen werden soll.

Neue Regierung, neue Syrien-Politik?

Für Streit zwischen Regierung und Armee sorgt laut einigen Berichten auch die Tatsache, dass Premier Davutoglu nur noch geschäftsführend im Amt ist und seit der Parlamentswahl vom 7. Juni keine parlamentarische Mehrheit mehr hat. Bis zur Bildung einer neuen Regierung unter Beteiligung einer der bisherigen Oppositionsparteien könnten Wochen vergehen. Die neue Regierung wird zudem möglicherweise eine neue Syrien-Politik einleiten: So ist die linksnationale Partei CHP, ein möglicher Koalitionspartner von Davutoglu, strikt gegen jede Verwicklung der Türkei in den Syrien-Konflikt.


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