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19.06.2015, 19:17 Uhr KOLUMNE

Mit 56 zu jung fürs Seniorensiegel? Christian Wulff sagt Preisübergabe ab

Von Melanie Heike Schmidt

Happy Birthday: Diesen Freitag wird Ex-Bundespräsident Christian Wulff (CDU) 56 Jahre alt. Nächste Woche sollte er für seine Verdienste für den Islam-Dialog das „Seniorensiegel für besondere Verdienste“ bekommen. Doch er hat abgesagt. Über das Warum darf spekuliert werden. Foto: dpaHappy Birthday: Diesen Freitag wird Ex-Bundespräsident Christian Wulff (CDU) 56 Jahre alt. Nächste Woche sollte er für seine Verdienste für den Islam-Dialog das „Seniorensiegel für besondere Verdienste“ bekommen. Doch er hat abgesagt. Über das Warum darf spekuliert werden. Foto: dpa

Osnabrück. Achtung! Der folgende Text könnte wilde Spekulationen enthalten. Aber auch einen wahren Kern: Eigentlich sollte Ex-Bundespräsident Christian Wulff am nächsten Mittwoch in Berlin von der Initiative Seniorensiegel für sein Islam-Engagement ausgezeichnet werden. Doch er hat überraschend abgesagt. Warum, verraten wir hier:

Na, das ist doch wohl klar, oder? Christian Wulff, früherer Bundespräsident und gebürtiger Osnabrücker, kann schlicht und einfach rechnen. Also ist er zu dem Schluss gekommen: Ich bin nicht reif fürs Seniorensiegel. Denn in der Tat ist Wulff, Jahrgang 1959, erst 56 Jahre alt. Und zwar auf den Schlag genau: An diesem Freitag feiert der Niedersachse seinen Geburtstag. Logisch, dass er sich da bestenfalls zum älteren, nicht aber zum alten Eisen zählt.

Es geht ums Prinzip

Nächste Woche Mittwoch – dann wäre Wulff genau 56 Jahre und fünf Tage alt – hätte er aber das Siegel der Initiative Seniorensiegel bekommen sollen. Zwar hätte er dies für seinen legendären Satz „Der Islam gehört zu Deutschland“ erhalten. Dieser steht wie kein anderer für das Engagement Wulffs für die interreligiöse Verständigung und den Dialog mit dem Islam. Insofern hätte er den Preis definitiv verdient. Doch hier geht es ja ums Prinzip: Wer bitte möchte mit 56 Jahren und fünf Tagen ein Seniorensiegel bekommen? Wohl niemand. Selbst wenn es sich, wie in diesem Fall, um das – Entschuldigung! – wahrhaft altehrwürdig klingende „Seniorensiegel für besondere Verdienste“ handelt.

„Riesige Enttäuschung“

So, dann wäre das mal klargestellt. Allerdings ist die Absage von Wulff auch irgendwie ziemlich mies, vor allem für die Veranstalter, die zudem keine Gründe dafür nennen wollten. Oder konnten. Wie auch immer. Jedenfalls ist die Stimmung am Boden: „Für uns ist das eine riesige Enttäuschung“, sagte der Gründer und Organisator der Initiative, Sven Lilienström, am Freitag der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). „Wir hätten mit allem gerechnet, nicht jedoch damit, dass Herr Wulff wenige Tage zuvor absagt.“

Adieu, Adlon

Mit Blick auf die Homepage der Initiative wird klar, was Lilienström meint. Nicht nur, dass sie den Wintergarten des Berliner Nobelhotels Adlon für die feierliche Preisverleihung gebucht hatte, auch der Festakt an sich war aufwendig geplant. Überreichen sollte den Preis Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime – „stellvertretend für 300.000 über 60-jährige Muslime in Deutschland“, wie zu lesen ist.

Illuminierte Bibeln und Korane

Auch optisch sollte einiges geboten werden, unter anderem ein „zweieinhalb Quadratmeter großer illuminierter Kubus aus 5000 Bibeln und Koranen“, der als „Haus der Religionen“ die Kulisse der Verleihung bilden sollte. Dies sollte – so der Text weiter – „die gegenseitige Wertschätzung und Akzeptanz aller Religionen und Weltanschauungsgemeinschaften in Deutschland symbolisieren“.

Von wegen Brücken bauen

Das alles ist nun geplatzt, ohne Wulff macht die Feier keinen Sinn, also wurde sie komplett abgeblasen. Und als wäre das nicht schon schlimm: Auch der als „besonderes Schmankerl“ angekündigte Show-Akt platzt: Eigentlich sollte DSDS-Vorjahres-Siegerin Aneta Sablik eine Piano-Version der diesjährigen ESC-Hymne „Building Bridges“ („Brücken bauen“) vortragen und so für den „musikalischen Höhepunkt der Verleihung sorgen“.

All die Arbeit für die Katz

Zu schade, daraus wird auch nichts. Immerhin, der finanzielle Schaden sei dabei nebensächlich, hat Lilienström laut KNA gesagt: „Die viele Arbeit, Monate der Planung und Vorbereitung und das viele Herzblut sind entscheidender“, erklärte er laut KNA weiter. Das ist verständlich. Und ziemlich ärgerlich, keine Frage.

62 Zeitfenster öffnen sich

Ein kleiner Trost: Genau 62 Journalisten aus Deutschland, der Türkei, Bulgarien, Frankreich und dem Iran können sich nun überlegen, was sie am nächsten Mittwoch um die Mittagszeit herum tun. Sie hatten sich bereits für die Veranstaltung akkreditiert. Mit dem Ausfall tun sich nun also 62 Zeitfenster auf. Vielleicht greifen die Reporter das Thema der Initiative trotzdem auf? Die Initiative Seniorensiegel setzt sich nach eigenen Angaben ein für ein selbstbestimmtes Leben von Senioren jeder Herkunft und Glaubensrichtung. Gutes Thema, oder?


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