Landsmannschafts-Chef im Interview „Schicksal von Vertriebenen und Schlesiens kulturelles Erbe wachhalten“


Osnabrück/Hannnover. Schlesien, die Region beidseits der Oder im Länderdreieck Deutschland/Polen/Tschechien, steht am Wochenende im Blickpunkt des Deutschlandtreffens der Schlesier in Hannover. 70 Jahre nach Flucht und Vertreibung äußert sich Stephan Rauhut, Vorsitzender der Landsmannschaft der Schlesier, im Interview zu Zielen und Plänen seiner Organisation.

Herr Rauhut, beim Begriff „ Landsmannschaft der Schlesier “ denken viele an eine aussterbende Organisation. Ist das tatsächlich so?

Tatsächlich sind wir zahlenmäßig geschrumpft, weil wir es nicht geschafft haben, die Kinder- und Enkelgenerationen der Vertriebenen für Schlesien und die Landsmannschaft zu begeistern. Aber wir haben auch Kreisverbände neu gegründet und eine Verjüngung in unseren Strukturen. Besonders dort, wo es viele Spätaussiedler aus Schlesien gibt.

Wie viele Mitglieder hat Ihre Organisation denn aktuell?

Das ist schwer zu sagen. Wir rechnen mit knapp 200 000. Viele unserer Mitgliedsorganisationen geben uns die Zahl ihrer Mitglieder nicht bekannt, zum Beispiel die Gemeinschaften der evangelischen und der katholischen Schlesier.

Wem steht denn die Landsmannschaft prinzipiell offen? Sind zum Beispiel auch Polen darunter, die sich selbst als Schlesier bezeichnen? In Polen gibt es eine ganze Menge solcher Leute.

Ja, es besteht eine starke schlesische Identität in Polen, was für dieses zentralstaatlich organisierte Land ungewöhnlich ist. In der Landsmannschaft sind alle herzlich willkommen, die sich für Schlesien begeistern können. Dazu gehören Polen und auch Deutsche, die nicht schlesischer Herkunft sind.

Schlesiens Hauptstadt Breslau war früher ein wichtiges Zentrum des jüdischen Glaubens in Deutschland. Gibt es in bei Ihnen auch jüdische Mitglieder?

Die gibt es tatsächlich. Ich versuche gerade, über den Vertreter des sudetendeutschen Büros in Prag in einen intensiveren Kontakt zu ehemaligen Breslauern und Schlesiern in Israel zu treten.

Sie sind 1974 in der DDR geboren, genauer: in Görlitz. Heute sagt man wieder: das ist ein Teil von Schlesien. Wie war es in Ihrer Kindheit und Jugend? Spielte Schlesien da überhaupt eine Rolle?

Es spielte in der Familie eine Rolle. Das ließ sich gar nicht vermeiden, weil meine komplette Familie erst als Folge der Vertreibung in Görlitz angesiedelt wurde. Sie stammte im Wesentlichen aus dem Kreis Bunzlau.

Das ist nicht weit entfernt von Görlitz.

Genau. Nur: Das Wort Schlesien in der DDR zu erwähnen, war nicht erlaubt. Es wurde immer hinter vorgehaltener Hand ausgesprochen und darauf geachtet, dass die Kinder es nicht mitbekommen. Natürlich haben wir es mitbekommen - und das Interesse war dann umso größer, etwas zu erfahren über dieses Schlesien, von dem wir überhaupt keine Ahnung hatten.

Trotzdem: Wie kommt jemand mit 41 Jahren dazu, Vorsitzender einer Landsmannschaft zu werden, die von vielen für ewig gestrig gehalten und von einigen als revanchistisch bezeichnet wird?

Das habe ich den Repressalien des DDR-Regimes zu verdanken, weil ich nach der Wende endlich wissen wollte, was es mit diesem Schlesien auf sich hat. Der Ruf, wonach die Landsmannschaft von ewig Gestrigen oder Revanchisten durchsetzt sein soll, ist auch in den Kellern der Staatssicherheit entstanden. Der Begriff Revanchismus ist vom Ostblock in die Medien des Westens hineingetragen worden. Wenn ich mir die Schriften von Herbert Czaja und Herbert Hupka ansehe, erkenne ich überhaupt nichts Revanchistisches darin. Hupka, der in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte, beschäftigte sich intensiv mit dem Recht auf Selbstbestimmung der Völker und mit dem Ziel der deutschen Einheit, als die deutsche Frage noch offen war. Vor allem hat er sehr früh, wie die Vertriebenen in der Charta der Heimatvertriebenen insgesamt, den europäischen Gedanken in den Vordergrund gerückt.

Ihre Heimatstadt wird auch „Görliwood“ genannt, weil dort schon so bekannte Filme wie zum Beispiel „Der Vorleser“ oder „The Grand Budapest Hotel“ gedreht wurden. Dadurch ist Görlitz noch bekannter geworden. Tut das auch dem Image Schlesiens gut?

Es täte ihm gut, wenn dabei die schlesische Identität von Görlitz nicht in Vergessenheit geriete. Es gibt, ob gesteuert oder nicht, eine starke Bewegung, die immer noch versucht zu verheimlichen, dass Görlitz ein Teil Schlesiens ist. Bei den meisten Publikationen fällt mir das auf. „Die ostsächsische Stadt Görlitz steht da“, anstatt die niederschlesische. Die schlesische Identität von Görlitz und ihrer Region muss wachgehalten werden. Dann kann auch der gute Ruf von Görlitz als Filmkulisse der Region nutzen.

Wie hat sich die Grenzregion seit dem EU-Beitritt Polens entwickelt?

Für die Bewohner diesseits der Grenze ist es ambivalent: Natürlich ist es ein großer Vorteil, dass man jetzt wieder leicht zu seinen Nachbarn gelangen und dort beobachten kann, wie positiv sich Polen als neues Mitglied der EU entwickelt. Nach meinen Erfahrungen war die Stimmung in Polen immer sehr viel besser als zum Beispiel bei uns zu DDR-Zeiten und auch danach. Andererseits führte die Grenzöffnung dazu, dass die Kriminalität in die Höhe schnellte und alte Vorurteile aus der Zeit der Abschottung neue Blüten schlugen. Wegen des G-7-Gipfels sind die Grenzen kürzlich wieder verstärkt kontrolliert worden, und man hat allein an einem Tag mehrere ¬- in diesem Falle polnische - Verbrecher gefasst. Ich bin für offene Grenzen, aber es muss eine gewisse Kontrolle geben, um die Sicherheit der Menschen in der Region zu gewährleisten. Sonst wird der Unmut wachsen.

2016 ist Breslau Kulturhauptstadt Europas. Ist Ihre Organisation in die Vorbereitungen eingebunden?

Ich bin mit der Breslauer Stadtverwaltung und den Organisatoren des Kulturhauptstadt-Programms in Verbindung. Die Stadtverwaltung ist sehr offen für eine Beteiligung der Landsmannschaft Schlesien. Wir arbeiten gerade an einem Programm. Für solche Veranstaltungen brauchen wir Unterstützer, weil wir finanziell alleine nicht so leistungsfähig sind. Wahrscheinlich wird es gemeinsam mit der Paneuropa-Union eine Veranstaltungsreihe geben zum Thema „700. Geburtstag Karls des IV.“. Unter Kaiser Karl IV. ist Schlesien endgültig zur böhmischen Krone und damit zum Heiligen Römischen Reich gekommen. In Bayern und der Tschechischen Republik wird dieses Jubiläum 2016 intensiv begangen. In Polen ist man sich dessen Bedeutung für Schlesien offenbar noch nicht so bewusst.

Wie steht es nach Ihrer Ansicht um die Rechte der deutschsprachigen Minderheit in Polen und um das Verhältnis deutscher Vertriebenenorganisationen zur offiziellen polnischen Seite?

Mein Eindruck ist, dass man über die Fragen der Minderheiten, von Flucht und Vertreibung und des deutschen Kulturerbes in Polen sehr viel leichter und besser mit Politikern und offiziellen Vertretern sprechen kann, als das in der Bundesrepublik der Fall ist. Die deutsche Minderheit braucht unsere Unterstützung aus Deutschland und bekommt sie nicht in dem Maße, in dem sie diesen Anspruch hat. Ich nenne mal ein Beispiel: Die litauische Minderheit in Polen, die sehr viel kleiner ist als die deutsche, hat nicht nur eigene Kindergärten, Grundschulen und sogar Gymnasien, sondern es wird auf höchster staatlicher Ebene sofort darüber gesprochen, wenn etwas zwischendurch einmal nicht so gut funktioniert. Das passiert zwischen Deutschland und Polen in dieser Form nicht. Es gibt da nach meinem Eindruck einen vorauseilenden Gehorsam von deutscher Seite, auch aus Furcht vor einer Stärkung der Nationalisten in Polen. Fast 25 Jahre nach Abschluss des deutsch-polnischen Vertrages ist vieles von seinen Inhalten nicht umgesetzt. Auch der Europarat hat kritisiert, dass die deutsche Minderheit unterdurchschnittlich unterstützt und gefördert wird.

Das Land Niedersachsen ist in einer Patenrolle für die vertriebenen Schlesier. Regierungsvertreter dieses Landes haben Ihr Deutschlandtreffen in Hannover vor zwei Jahren boykottiert. Damals war noch Ihr Vorgänger Rudi Pawelka im Amt. Wie bewerten Sie heute das Verhältnis zur Regierung Niedersachsens?

Im Vergleich zu 2013 ist das Verhältnis zur Landesregierung heute ausgezeichnet. Ministerpräsident Stephan Weil hat sich zur Partnerschaft mit Schlesien bekannt. Er selbst hat schlesische Wurzeln, ebenso wie Innenminister Boris Pistorius. Wir haben mit Landtagsvizepräsident Klaus-Peter Bachmann einen niedersächsischen Spitzenpolitiker als Mitglied für unsere Landsmannschaft gewinnen können. Ich habe mit allen Parteien im Landtag gesprochen, auch mit den Grünen , die immer sehr kritisch gegenüber der Landsmannschaft waren. Vielleicht haben wir es dadurch geschafft, manche Vorurteile abzubauen. Als Ergebnis ist das Verhältnis zur Politik sehr gut und die Förderung für unsere Projekte, unsere Kulturarbeit und besonders für grenzüberschreitende Maßnahmen ist verstärkt worden. Wenn auch im Vergleich zu anderen Bundesländern wie Bayern, Baden-Württemberg und Hessen auf niedrigem Niveau.

Obwohl sich nach dem Krieg besonders viele Schlesier in Niedersachsen angesiedelt haben. Also doch leichte Kritik von Ihrer Seite?

Sagen wir es besser so: Die Unterstützung ist noch ausbaufähig.

Worin sehen Sie in der Zukunft, in der es keine Augenzeugen von Flucht und Vertreibung mehr geben wird, die Hauptaufgaben Ihrer Landsmannschaft?

Die eine Hauptaufgabe ist, das Schicksal von Flüchtlingen und Vertriebenen als Opfer von Verbrechern im Bewusstsein der Menschen wachzuhalten. Wir erleben ja gerade wieder, dass sich das Verbrechen von Vertreibung offenbar lohnt, indem man vollendete Tatsachen schafft. Deshalb trete ich für das Recht auf die Heimat von Vertriebenen aus dem Nordirak oder Syrien ein. Was Schlesien betrifft, ist es ja nicht so, dass nur die Schlesier Schlesien verloren hätten. Ganz Deutschland hat Schlesien verloren und damit einen ganz wesentlichen Bestandteil seines selbst. Damit sind wir bei der zweiten Hauptaufgabe: Dass wir das deutsche kulturelle Erbe Schlesiens in Europa einer Bedeutung zuführen, die es verdient hat.


Niedersachsen ist das Patenland für die heimatvertriebenen Schlesier. In der Landeshauptstadt Hannover findet am 20. und 21. Juni das Deutschlandtreffen 2015 der Schlesier statt. Auch im Raum Osnabrück-Emsland haben nach dem Zweiten Weltkrieg viele Schlesier und ihre Nachkommen eine neue Heimat gefunden.

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