Niedersachsens Innenminister warnt Pistorius: Cyber-Gefahr wird eklatant unterschätzt

Meine Nachrichten

Um das Thema Politik Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) fordert eine verstärkte Zusammenarbeit von Bund und Ländern beim Schutz der Netze vor Cyber-Attacken. Foto: dpaNiedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) fordert eine verstärkte Zusammenarbeit von Bund und Ländern beim Schutz der Netze vor Cyber-Attacken. Foto: dpa

Osnabrück. Niedersachsen dringt auf einen verschärften Kampf gegen Cyber-Angriffe. In einem Interview mit unserer Redaktion sagte Landesinnenminister Boris Pistorius, die Gefahr für die öffentliche Sicherheit werde eklatant unterschätzt. Der SPD-Politiker hat das Thema auf die Tagesordnung der Innenministerkonferenz setzen lassen, die kommende Woche in Mainz tagt.

Herr Pistorius, die Zahl der Cyber-Angriffe steigt. Welches Bedrohungspotenzial ist damit verbunden?

Ich bin fest davon überzeugt: In der Frage der inneren und auch äußeren Sicherheit ist dieses Thema das, was in der öffentlichen Wahrnehmung am meisten unterschätzt wird. Wir sehen einen massiven Anstieg der Attacken, und das nicht von Jugendlichen, die sich nachts um zwei mal an irgendetwas ausprobieren, sondern von professionellen Hackern. Deren Hintergrund ist teils staatlich, teils privat, aber immer hoch systematisch. Wir reden über organisierte Kriminalität in ihrer unmittelbarsten Form, die wir noch nicht einmal in ihrer letzen Stufe erleben.

Wie meinen Sie das?

Noch sind es in den meisten Fällen nur Daten, die abgegriffen und im Zweifel manipuliert werden. Das ist natürlich schon schlimm genug. Aber es kann ja so weit gehen, dass die Energiesicherheit oder der Luftverkehr angegriffen wird. Das ist ein reales Risiko und kein Science-Fiction. Unser Schutz davor ist definitiv unzureichend.

Nächste Woche tagt die Innenministerkonferenz. Sie fordern ihre Kollegen zu weiteren Schritten im Kampf gegen Cyber-Kriminalität auf. Welche könnten das sein?

Das Thema gehört auf die höchste Ebene und erfordert höchste Priorität. Dabei müssen wir erkennen, dass es nichts hilft, wenn die Länder oder der Bund etwas alleine für sich tun. Notwendig ist, dass beide Seiten noch enger zusammen agieren und auch Öffentlichkeit und Wirtschaft einbezogen werden.

Im Gespräch sind härtere Strafen für Hacker – ein sinnvoller Weg?

Nun ja: Erst einmal müsste man dafür die Hacker kriegen. Zweitens reden wir nicht über Amateure, die nachts an ihrem Computer versuchen, in Systeme einzudringen, um deren Anfälligkeit zu beweisen und sich dann damit in der Szene zu brüsten, wie vielleicht in den Achtzigern und Neunzigern. Wir reden vielmehr über Täter mit höchster krimineller Energie und der erklärten Absicht, sensible Informationen zu erhalten oder schwersten Schaden anzurichten. Härtere Strafen dürften diese Gruppe kaum abschrecken. Es muss uns daher darum gehen, unsere IT besser zu schützen.

Braucht es eine deutsche NSA?

Nein, das sehe ich bisher nicht. Wir haben die nötigen Kenntnisse und im Prinzip auch Strukturen. Es gibt aber viel Luft nach oben in der Umsetzung. Das fängt bei der Einsicht an, dass der Schutz der Netze Geld kostet, und geht bei der Mentalität der Nutzer weiter. Ich wünsche mir mehr Aufklärung. Egal, wie wir uns im digitalen Raum von der vernetzten Playstation über den PC bis zum Smartphone bewegen: Das letzte, wovon wir ausgehen können, ist, dass unsere mobilen Geräte oder E-Mails sicher sind. Punkt. Im staatlichen und wirtschaftlichen Umfeld müssen wir daher dringend von der Home-user-Mentalität im Umgang mit Daten wegkommen. Die ist ja, wie sich gezeigt hat, selbst unter Bundestagsabgeordneten verbreitet, wenn sie, wie ich höre, E-Mails der Kanzlerin zu erhalten glauben und darin unkritisch die Links anklicken. Ein wesentlicher Teil des Risikos befindet sich diesseits des Bildschirms – das ist keine neue Erkenntnis und kann jeden von uns treffen.

Wie erklären Sie sich, dass die Opposition die Geheimdienste bei der Aufklärung der gegenwärtigen Attacken im Bundestag nicht dabei haben wollten?

Es kann ja niemand bestreiten, dass es da zuletzt zu einem erheblichen Vertrauensverlust gekommen ist. Aber wenn ich von einem Zahnarzt einmal schlecht behandelt worden bin, sollte ich der Zahnmedizin nicht für immer mein Vertrauen entziehen. Das könnte schmerzhaft enden.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN