Ausbeutung in der Textilindustrie Kinderarbeit in Indien: Die Sklavinnen der T-Shirt-Stadt

In Tirupur arbeiten viele Mädchen unter sklavenähnlichen Bedingungen in der Textilindustrie. Foto: terre des hommesIn Tirupur arbeiten viele Mädchen unter sklavenähnlichen Bedingungen in der Textilindustrie. Foto: terre des hommes

Osnabrück. Zehntausende Mädchen werden in Indiens Textilfabriken ausgebeutet. Kinderrechtler fordern mehr Engagement großer Modeketten gegen die sklavenähnlichen Zustände.

Der Name klingt so schön, so friedlich: „Sumangali“ heißt in der indischen Sprache Tamil „glückliche Braut“. Doch dahinter verbirgt sich ein perfides System in der indischen Textilindustrie, das Mädchen und junge Frauen zur Fabrikarbeit zwingt. „Moderne Sklaverei“ nennt Peter E. Reji vom Kinderhilfswerk terre des hommes (tdh) das Sumangali-Schema.

In Tirupur, der „T-Shirt-Stadt“ in Südindien, arbeiten nach Schätzungen von terre des hommes 160.000 Mädchen und Frauen im Sumangali-System. Hier, an einem der größten Textilstandorte der Welt, werden sie, meist in Spinnereien, wie Sklavinnen gehalten und ausgebeutet.

„Wie im Gefängnis“

Reji, tdh-Programmkoordinator für Südindien, beschreibt die Arbeitsbedingungen drastisch: Für drei Jahre verpflichteten sich die 14- bis 22-Jährigen; die Verpflegung sei schlecht, die Unterbringung unhygienisch, Arbeitsschutzmaßnahmen gebe es nicht.

Die Mädchen schuften laut Reji ohne ausreichende Pausen, ohne Wochenenden oder Urlaub und dürften das Fabrikgelände unbeaufsichtigt nicht verlassen. „Wie im Gefängnis“, sagt der Kinderrechtler. Am Ende seien die Arbeiterinnen ausgelaugt und oft krank. Und das für 1000 Euro, die sie nach Ablauf der drei Jahre bekämen, wenn ihrem Arbeitgeber nicht eine fadenscheinige Ausrede einfalle, das Geld einzubehalten.

Brautpreis erarbeitet

Dieser Betrag gibt dem ausbeuterischen System seinen Namen „Glückliche Braut“: Die Mädchen erarbeiten sich ihren Brautpreis – jenes Geld, das ihre Familien traditionell dem Ehemann zur Hochzeit geben. Für arme Eltern sei es sonst meist unerschwinglich, ihre Töchter zu verheiraten, so Reji. „Der Brautpreis ist zwar inzwischen eine verbotene Praxis“, sagt er. „In der Realität bleibt diese Tradition aber bestehen.“

Eigentlich, sagt tdh-Kinderrechtsexpertin Iris Stolz, sei in Indien auch das Sumangali-Schema verboten. Hier habe auch internationaler Druck Erfolg gehabt. „In der letzten Fertigungsstation der Textilindustrie, die direkt mit ausländischen Auftraggebern zusammenarbeitet, finden wir diese Ausbeutung nicht mehr“, erläutert sie. „Aber in der Lieferkette zuvor ist Sumangali verbreitet, vor allem in Spinnereien.“

Modefirmen in der Pflicht

Sie kritisiert, dass Modefirmen bisher so täten, als könnten sie diese Teile der Fertigungskette nicht kontrollieren. „Das stimmt nicht“, stellt sie klar und fordert: „Handelsunternehmen müssen ihre Zulieferer verpflichten, das Sumangali-System abzuschaffen.“ Zudem sollten sie nur mit solchen Textillieferanten zusammenarbeiten, die auch für ihre Subunternehmer gute Arbeitsbedingungen garantierten.

Reji weist darauf hin, dass viele Familien nicht wüssten, in welche Sklaverei sie ihre Töchter schicken würden. „Männer werben in Dörfern im ganzen Land Mädchen an und locken sie mit Versprechungen nach Tirupur“, sagt er. Einmal im Sumangali-Schema gelandet, sei es schwierig, sich wieder daraus zu befreien. Die Frauen seien den Fabrikbesitzern recht- und schutzlos ausgeliefert.

Langfristige Verträge

Über langfristige Handelsverträge hätten Modefirmen die Chance, auf die Arbeitsbedingungen in der Lieferkette Einfluss zu nehmen, betont Kinderrechtsexpertin Stolz. Bisher jedoch heizten sie den Wettbewerb erst richtig an, indem sie sehr kurze Fertigungszeiten vorgäben und nur kurzfristige Verträge ausschreiben würden. Das setze die Lieferanten zusätzlich unter Druck. „Die Löhne in der Textilindustrie sind dadurch sehr niedrig, die Arbeitsbelastung aber ist ausgesprochen groß“, sagt Stolz.

terre des hommes setzt sich für faire Verträge und Arbeitszeiten besonders für junge Frauen ein. Und vor allem dafür, dass Kinder unter 18 Jahren nicht mehr arbeiten müssen. Gerade in der Region um Tirupur befänden sich die Familien aber in einem Teufelskreis: „Die Fabriken verpesten das Land und das Wasser, sodass Landwirtschaft unmöglich ist“, erläutert Reji. Zugleich reichten die Löhne in der Textilindustrie nicht, um eine Familie zu ernähren. „Deshalb gehen viele Kinder schon früh arbeiten, um mitzuverdienen.“


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