Schwerer Start in der kalten Heimat 14 Millionen Vertriebene und Flüchtlinge nach 1945

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Zu Fuß oder mit Pferdekarren flüchten Menschen aus den deutschen Ostgebieten in Richtung Westen. Foto: dpaZu Fuß oder mit Pferdekarren flüchten Menschen aus den deutschen Ostgebieten in Richtung Westen. Foto: dpa

Osnabrück. Ist der 8. Mai 1945 ein Tag der Befreiung vom menschenverachtenden System der NS-Herrschaft, wie Bundespräsident Richard von Weizsäcker 40 Jahre später formuliert? Ganz sicher auch, aber nicht nur. Für mehr als 14 Millionen Menschen sieht die Perspektive anders aus.

Als der Zweite Weltkrieg endet, müssen sie Haus und Hof verlassen – und aus den deutschen Ostgebieten fliehen. Und während des Krieges beginnt ebenfalls die gewaltsame Vertreibung deutscher Minderheiten aus Ost-, Mittel- und Südosteuropa. Sie dauert noch Jahre an.

Die Vertriebenen und Flüchtlinge verlieren nach der Niederlage Hitler-Deutschlands ihre Heimat. Aber dass dies auf immer geschehen würde, nicht allein vorübergehend für Wochen oder Monate, das ist im chaotischen Frühjahr 1945 wohl nur den wenigsten klar.

Kilometerlange Trecks gen westen

Zu Fuß, per Handwagen oder Pferdefuhrwagen ziehen kilometerlange Trecks gen Westen. Andere werden in Viehwaggons aus dem Land gekarrt, wieder andere versuchen den russischen Truppen zu entkommen, indem sie in Ostpreußen den Weg über das zugefrorene Frische Haff wagen und durch Eiswasser waten. Schlecht ausgerüstet, hungernd und frierend sind sie unterwegs, schutzlos den Soldaten der Roten Armee ausgeliefert. Angesichts der Strapazen und der schneidenden Kälte sterben Säuglinge und Kleinkinder, alte und schwache Menschen. Massenhaft.

Nur das Nötigste im Holzkoffer

Im Westen angekommen, ist zwar das Schlimmste überstanden. Aber die Vertriebenen stehen vor dem Nichts. Beim Weggang konnten sie nur das Nötigste im Holzkoffer zusammenraffen. Jetzt sind sie gezwungen, ganz neu anzufangen, eine neue Existenz aufzubauen. Leicht ist das nicht, etwa für Bauern, die nun keinen einzigen Hektar Land mehr besitzen. Die gegensätzliche Interessenlage von Alteingesessenen und Neuankömmlingen, die sich zum Beispiel den Wohnraum teilen müssen, erschwert die Eingliederung.

„Nichts mehr zu melden“

Schlesier und Danziger, Ostpreußen und Pommern, Deutschböhmen und Banater Schwaben haben über Jahrhunderte zur Vielfalt der deutschen Identität beigetragen. Aber nun haben sie „nichts mehr zu melden“, wie der Historiker Andreas Kossert in seinem Standardwerk „Kalte Heimat“ feststellt. „Sie mussten sich anpassen im Westen ihres Vaterlandes, das ihnen zur kalten Heimat werden sollte.“

Aus der Sicht des britischen Premiers Winston Churchill ist die massenhafte Vertreibung eine unschöne, allerdings zugleich unvermeidliche Begleiterscheinung der Neuordnung Europas nach 1945. Und die Staaten Mittel- und Osteuropas sehen in der Vertreibung eine Vergeltung für die Gewaltverbrechen der Nationalsozialisten.

Acht Millionen Flüchtlinge in der Bundesrepublik

Für die Betroffenen selbst sieht das natürlich anders aus. Die Vertriebenen verändern die deutsche Gesellschaft, die sich ganz neu zusammensetzt. So steigt allein in Schleswig-Holstein die Bevölkerungszahl um ein Drittel und in Mecklenburg-Vorpommern um 44,3 Prozent. Vier Millionen Flüchtlinge leben 1950 in der DDR, acht Millionen sind es in der Bundesrepublik, wo es im Bundeskabinett einen eigenen Vertriebenenminister gibt.


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