Hermann Heußner im Interview Osnabrücker Professor erhält Morddrohungen für seine Forderungen

Von Jörg Sanders

Hermann Heußner ist Professor für Öffentliches Recht und Recht der Sozialen Arbeit an der Hochschule Osnabrück. Er ist verheiratet und hat drei Kinder. Foto: privatHermann Heußner ist Professor für Öffentliches Recht und Recht der Sozialen Arbeit an der Hochschule Osnabrück. Er ist verheiratet und hat drei Kinder. Foto: privat

Osnabrück. Deutschland brauche 400000 Einwanderer jährlich, und Kinderlose sollten die Ausbildung der Einwanderer finanzieren: Im Internet gibt es für die Forderungen des Osnabrücker Professors für Öffentliches Recht an der Hochschule Osnabrück, Hermann Heußner, bereits Mordaufrufe.

Sie fordern, Kinderlose sollten die Ausbildung und Integration von Einwanderern bezahlen. Warum halten Sie das für notwendig?

In den nächsten Jahren fangen die geburtenstarken Jahrgänge an, in Rente zu gehen. Viele qualifizierte Arbeitsplätze können dann nicht mehr besetzt werden. Immer weniger Arbeitnehmer müssen immer mehr Rentner ernähren. Gerade im ländlichen Bereich droht ganzen Regionen der demografische Infarkt. Die junge Generation hat nicht genug Menschen. Dies liegt daran, dass seit vielen Jahren viel zu wenig Menschen geboren werden. Ein Sozialstaat ist aber auf Kinder angewiesen. Deshalb hat jeder die Pflicht, nicht nur für die alten Menschen, sondern auch für die nachwachsende Generation zu sorgen. Die nichtgeborenen Menschen müssen wir deshalb durch Einwanderer ersetzen. Dies kostet Geld. Diejenigen, die Kinder aufgezogen haben, haben ihren Beitrag geleistet. Nach Berechnungen des Deutschen Familienverbandes beträgt er durchschnittlich im Minimum unter Einbeziehung aller Entlastungsleistungen des Staates rund 4500 Euro pro Kind und Jahr. Diejenigen, die keine Kinder oder nur ein Kind aufziehen, sparen diesen Beitrag. Die Kosten der Einwanderung sind deshalb von ihnen zu stemmen.

Soll das in Form einer neuen Abgabe geschehen?

Es sind unterschiedliche Modelle denkbar. So könnten für Kinderlose die Sozialversicherungsbeiträge deutlich angehoben werden. Die frei werdenden Mittel im Bundeshaushalt stünden für die Einwanderung zur Verfügung. Gerechter wäre wohl ein prozentualer Zuschlag auf die Einkommenssteuer.

Was ist mit Geringverdienern?

Die individuelle Einkommenssituation ist zu berücksichtigen. Niemand darf wegen der Demografieabgabe in die Armut rutschen. Das muss aber auch für Eltern gelten.

Mit Ihrer Forderung stoßen Sie nicht nur auf Verständnis. Wie sind die Reaktionen darauf?

Viele haben nicht verstanden, dass auch unter Berücksichtigung aller Steuer- und Abgabennachteile für Kinderlose und aller Vorteile für Eltern unter dem Strich Kinderlose Tausende von Euro mehr in der Tasche haben, weil ihnen die Kinderkosten erspart bleiben. Andere finden es ungerecht, dass auch die ungewollt Kinderlosen zahlen sollen. Die Verantwortung für die nachwachsende Generation hängt aber nicht vom individuellen Schicksal ab. So muss man auch in die Rentenversicherung einzahlen, wenn man schon als Säugling Vollwaise war. Im persönlichen Gespräch geben mir die meisten Leute dann auch Recht, auch die Kinderlosen. Auf manchen Plattformen im Internet habe ich einen „Shitstorm“ geerntet, zum Teil auch in krimineller Form. Das reicht von Beleidigung und Volksverhetzung bis zu Mordaufrufen. Das sind Rassisten aus dem Nazi- und Pegidaumfeld: Man will keine Einwanderer und schon gar nicht für diese bezahlen. Bezogen auf die Gesamtbevölkerung sind das Wenige. Hier muss der Staatsanwalt ran.

Wie viele Migranten benötigt Deutschland Ihrer Ansicht nach?

In den nächsten zwei Jahrzehnten gehen pro Jahr mehrere Hunderttausend Menschen mehr in Rente, als ins Berufsleben eintreten. Beim Jahrgang 1964 wird das Defizit über 600000 ausmachen. Selbst wenn es gelingen sollte, das tatsächliche Rentenalter deutlich anzuheben, Langzeitarbeitslose für den Arbeitsmarkt fit zu machen und deutliche Produktivitätsfortschritte zu erzielen, werden sehr viele zusätzliche Einwanderer benötigt. Viele ablehnende Stimmen berücksichtigen dies nicht. Ich gehe von einem positiven Einwanderungssaldo von rund 400000 pro Jahr aus.

Sie betrachten die wirtschaftliche Seite, primär aufgrund des Demografiewandels, und erwarten einen Demografie-Infarkt wie in Japan. Beschränkt sich Ihre Forderung, mehr Migranten aufzunehmen, auf diejenigen, die Deutschland wirtschaftlich nützlich sein könnten? Was ist mit „unqualifizierten Wirtschaftsflüchtlingen“?

Ich plädiere dafür, arme junge Menschen aus Entwicklungsändern anzuwerben, die bisher keine Chance auf eine qualifizierte Berufsausbildung hatten. Diejenigen mit einem starken Arbeits-, Integrations- und Aufstiegswillen möchte ich gewinnen, damit sie in Deutschland eine Lehre und gegebenenfalls vorher einen Schulabschluss machen können.

Sie meinen, Deutschland brauche ein Einwanderungsgesetz. Warum, und wie sollte dieses aussehen?

Das geltende Aufenthaltsgesetz reicht hinten und vorne nicht. Wir brauchen eine Gesamtplanung zur Einwanderung, die unter anderem Zielgrößen und Einwanderungsadressaten benennt, Schul-, Ausbildungs- und Integrationskonzepte erstellt und Wohnraumbeschaffung und Finanzierung klar regelt. Das muss im Wesentlichen das Parlament in Form eines Gesetzes übersichtlich entscheiden und darf nicht Regierung und Verwaltung überlassen bleiben.


Das Internet ist kein rechtsfreier Raum. Beleidigungen, Diffamierungen und natürlich auch Aufrufe wie Mord verstoßen nicht nur gegen die Netiquette von noz.de, sondern können eine strafrechtliche Relevanz haben.