Nationales Trauma der USA Als Goliath gegen David verlor: Vor 40 Jahren endete der Vietnamkrieg


Osnabrück. Für die USA ist es das große nationale Trauma: der Vietnamkrieg. Am 30. April 1975 überrennen nordvietnamesische Truppen die südvietnamesische Hauptstadt Saigon – drei Jahrzehnte Krieg sind vorüber. Die Amerikaner müssen sich geschlagen zurückziehen.

Die letzten Bilder dieses Kriegs spiegeln die Niederlage einer Weltmacht wider: Eilig evakuiert ein Hubschrauber Ende April 1975 die noch verbliebenen Amerikaner vom Dach eines Gebäudes in Saigon. Fluchtartig verlassen die Verlierer das Schlachtfeld – zermürbt von einem Konflikt, der mehrere Millionen Menschenleben gekostet hat.

Die Bilanz ist verheerend: Unterschiedlichen Schätzungen zufolge starben vier Millionen vietnamesische Zivilisten und Soldaten, bis die Panzer Nordvietnams am 30. April 1975 in der südvietnamesischen Hauptstadt Saigon einrollten. Millionen waren verstümmelt oder litten unter den Folgen der giftigen Chemikalien, die US-Truppen im Krieg eingesetzt hatten. In den USA waren fast 60000 tote Soldaten zu beklagen sowie mehr als 300000 Verwundete. Die Nation ging gebrochen aus dieser Niederlage hervor.

West gegen Ost

Zehn Jahre hatte die Weltmacht in Vietnam gekämpft. Ab 1965 mischte sie sich aktiv in den Konflikt ein, der damals bereits 20 Jahre andauerte und als vietnamesischer Widerstandskrieg gegen die französische Kolonialherrschaft begonnen hatte. Doch in den 1960er-Jahren, auf dem Höhepunkt des Kalten Kriegs, wurde Vietnam zum Schlachtfeld zwischen West und Ost. Die USA propagierten ihr Eingreifen als Kampf gegen den Kommunismus. Mit allen Mitteln wollte Washington verhindern, dass das von der Sowjetunion und China unterstützte kommunistische Nordvietnam die US-gestützte südvietnamesische Regierung in Saigon fortspülte.

Dafür waren der Weltmacht alle Mittel recht: Bereits in den 1950er-Jahren finanzierten die USA den französischen Krieg in Vietnam. Im August 1964 bereitete die sogenannte Tonking-Resolution des US-Kongresses den Weg Washingtons in den Vietnamkrieg: Sie ermächtigte Präsident Lyndon B. Johnson zum Kriegseintritt. Ab März 1965 startete die Operation „Rolling Thunder“ („Donnergrollen“). Die USA flogen schwere Luftangriffe in Nordvietnam und stationierten in den nächsten Jahren bis zu 550000 Soldaten im verbündeten Südvietnam. Das Ziel formulierte ein US-General: Nordvietnam solle in die Steinzeit zurückgebombt werden.

Die Siegesgewissheit der Amerikaner erfüllte sich nicht. Im Gegenteil: Die hochgerüstete US-Armee musste erkennen, dass sie gegen die Guerilla-Taktiken der Nordvietnamesen so gut wie machtlos war. Deren Anhänger in Südvietnam, die Mitglieder der Nationalen Befreiungsfront (NLF), von ihren Gegnern abfällig Vietkong („Vietnamesische Kommunisten“) genannt, leisteten erfolgreich Widerstand gegen die von den USA installierte Regierung in Saigon. Der damalige US-Sicherheitsberater Henry Kissinger fasste die amerikanische Verzweiflung 1969 in diese Worte: „Ich weigere mich zu glauben, dass eine viertklassige Macht wie Nordvietnam nicht an irgendeinem Punkt aufgeben muss.“ (Weiterlesen: 30 Jahre Blutvergießen: Chronologie des Vietnamkriegs)

Giftgas-Einsatz

Doch Goliath verlor gegen David. Um die Guerillakämpfer auch im dichten Dschungel finden zu können, versprühten US-Flugzeuge 75 Millionen Liter hochgiftige Entlaubungsmittel, das berüchtigte „Agent Orange“, benannt nach der Farbe der Tonnen, in denen es angeliefert wurde. Sie zerstörten damit Wälder, Ernten und ganze Dörfer und hinterließen bis heute verseuchte Böden. Auch Napalm-Bomben setzte die Armee ein.

Mit den Folgen dieses erbarmungslosen Kriegs kämpfen die Vietnamesen bis heute. Noch immer sind Landstriche vermint, noch immer werden als Spätfolge von „Agent Orange“ missgebildete Kinder geboren.

Der Vietnamkrieg veränderte die USA und die Welt. Spätestens seit dem Massaker von My Lai im März 1968, als US-Soldaten Hunderte Vietnamesen erschossen, wandelte sich das Bild der Weltmacht. Die Brutalität der Armee, dazu Fotos verletzter Kinder und fliehender Menschen aus brennenden Dörfern – in den USA wie in Europa formierte sich Widerstand, vor allem unter jungen Leuten und Studenten.

Die Ablehnung des Vietnamkriegs prägte die Friedensbewegung der 68er, die in Deutschland von Größen wie Rudi Dutschke verkörpert wurde. In den USA fand sie ihren Höhepunkt 1969 im legendären Woodstock-Festival mit rund 400000 Besucher, auf dem Musikstars wie Joan Baez und Jimi Hendrix gegen das Blutvergießen in Südostasien anspielten.

Leid der „Boatpeople“

An die Kriegskatastrophe schloss sich in Vietnam eine Flüchtlingskatastrophe an. Nach dem Sieg der Kommunisten wurden 400000 Südvietnamesen in Umerziehungslager zusammengepfercht. Immer mehr Vietnamesen traten die Flucht an – aufs offene Meer, wo sie in schrottreifen Booten einer ungewissen Zukunft und oft dem Tod entgegenfuhren. 1,5 Millionen Vietnamesen wählten diesen gefährlichen Weg in den Nachkriegsjahren – und Bilder ihres Elends erreichten über die mediale Berichterstattung die deutschen Wohnzimmer.

Und so trat 1978 der damalige niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) als Erster vor und kündigte mit den Worten „Das kann man ja nicht ertragen“ an, sein Land werde 1000 dieser „Boatpeople“ aufnehmen. Seinem Beispiel folgend, verpflichtete sich 1979 die Bundesregierung, allen Vietnamesen Asyl zu gewähren, die von deutschen Schiffen gerettet wurden.

Um die Asylverfahren zu beschleunigen, führte Deutschland die Kategorie „humanitäre Flüchtlinge“ ein. Der Historikerin Julia Kleinschmidt zufolge bedeutet dies eine „Zäsur in der bundesdeutschen Menschenrechts- und Flüchtlingspolitik“. Fast 40000 Vietnamesen gelangten auf diesem Weg nach Deutschland; viele blieben. Sie gelten heute als Beispiel für eine gelungene Integration.

Weiterlesen: Vietnam im Kino: Rechtfertigung, Reue, Reflexion und Revanche


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