Osnabrücker Historiker erforscht Ost-West-Netzwerke DDR und BRD: Die Mauer teilte, aber sie trennte nicht

Meine Nachrichten

Um das Thema Politik Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Osnabrück. Die deutsche Teilung zerriss Familien. Der Mauerbau schockierte die Welt. Aber wie geteilt war Deutschland wirklich? Der Osnabrücker Historiker Frank Wolff untersucht, welche Verflechtungen zwischen der ostdeutschen und der westdeutschen Gesellschaft bestehen blieben und welche neu entstanden.

Tage und Nächte, Wochen und Monate im schalen Duft alter Dokumente – Frank Wolff weiß nicht mehr, wie viel Zeit er in all den ost- und westdeutschen Archiven und in der Berliner Stasi-Unterlagenbehörde verbracht hat. Er hat aus Tausenden Quellen geschöpft und über 1000 Akten elektronisch erfasst. Sie erzählen die persönlichen Geschichten von Menschen in Ost und West und werden die Grundlage sein für Wolffs Buch über die deutsche „Mauergesellschaft“.

Der Historiker ist überzeugt: Vom Mauerbau bis zum Mauerfall standen die beiden deutschen Gesellschaften einander viel näher als gemeinhin angenommen. Vielfältige Kontakte, Verflechtungen, auch Abhängigkeiten verbanden Deutsche auf beiden Seiten der Grenze zu dem, was Wolff die „Mauergesellschaft“ nennt. „Der Zwang, sich mit der Teilung auseinanderzusetzen, betraf jeden – vom Straßenfeger bis zum Staatschef“, sagt der 37-Jährige, der am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) der Universität Osnabrück forscht und lehrt.

Die Deutschen waren der jeweils anderen Seite ausgesetzt und rieben sich daran. „Der Mauerbau 1961 war ein Riss, eine offene Wunde, und die Menschen fanden sich damit keineswegs ab.“

Am Rande des Zusammenbruchs

Bis zum 13. August 1961, an dem in Berlin die ersten Mauersteine gesetzt wurden, hatte eine anschwellende Wanderungsbewegung gen Westen die DDR an den Rand des wirtschaftlichen Zusammenbruchs gebracht. Mit der plötzlichen Grenzschließung verhinderte der DDR-Staatsrat nun, dass noch mehr Arbeitskräfte der DDR den Rücken kehren und Firmenbelegschaften im Westen verstärken konnten. Aber bis zu diesem Zeitpunkt war etwas Unumkehrbares und für die DDR vermutlich Schicksalhaftes geschehen: Mit der Auswanderung hatten sich Familien auf Ost- und Westdeutschland verteilt – es waren grenzüberschreitende Netzwerke entstanden.

Und die wuchsen auch nach dem Mauerbau weiter. Denn die innerdeutsche Grenze war durchlässiger als allgemein bekannt. Die DDR-Führung nutzte sie als Auslassventil für jene, die sie nicht mehr brauchte: Im Jahr 1961 verließen täglich noch rund 600 überwiegend alte Menschen den sozialistischen Staat. „Die Rentner waren nicht produktiv und kosteten Geld, deshalb ließ man sie gehen“, sagt Wolff. Noch 1963 durften 40000 ausreisen, knapp drei Viertel von ihnen waren älter als 70.

Die DDR profitierte von der Bundesrepublik

Die DDR versuchte auch auf andere Weise, fiskalisch vom Westen zu profitieren. Unternehmen exportierten in die Bundesrepublik, Inhaftierte fertigten in Zwangsarbeit Produkte für den Westen. Wenn die Bundesregierung Häftlinge freikaufte, verdiente der DDR-Staat harte D-Mark, ebenso durch Bahnfahrkarten und Transit-Gebühren, die Westdeutsche zahlten, wenn sie mit dem Auto nach Westberlin fuhren.

Doch die west-östlichen Familiennetzwerke und die Präsenz Westdeutscher auf DDR-Gebiet zwangen die DDR-Führung zu einer Gratwanderung: Einerseits wollte sie sich den Westen ökonomisch zunutze machen, andererseits wollte sie verhindern, dass ihre Bürger sich zu sehr für die Errungenschaften der wirtschaftlich boomenden Bundesrepublik interessierten – symbolträchtig erkennbar an den immer größeren und stattlicheren West-Privatautos auf ostdeutschen Straßen.

Brandts „Ostpolitik“ brachte die DDR-Führung in Bedrängnis

Spätestens mit der zwischen 35 europäischen Staaten des damaligen Westens und Ostens ausgehandelten Schlussakte der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) von 1975 war dieses Ansinnen zum Scheitern verurteilt. Denn das KSZE-Abkommen bewirkte, dass die DDR private Kontakte und einen Informationsfluss zwischen Ost- und Westdeutschen zulassen musste.

Die neue Ostpolitik des damaligen Bundeskanzlers Willy Brandt (SPD) nach dem Prinzip „Wandel durch Annäherung“ nach Jahren kategorischer Ablehnung des DDR-Staats sorgte dafür, dass im Osten das Interesse an der Bundesrepublik weiter wuchs. „Unter diesem Eindruck wurde die DDR immer mehr Menschen zu eng, ihre Rückständigkeit wurde ihnen immer bewusster“, sagt Wolff, der bis zum Alter von zwölf Jahren in Dresden lebte und 1989 mit seiner Familie in die Pfalz übersiedelte.

„Kettenmigration“ von Ost nach West

Die deutsche Zeitgeschichte habe gezeigt, dass „hochgradig militarisierte Grenzen als innergesellschaftliche Disziplinierungsinstrumente und zugleich als nahezu unkontrollierbare Kontaktzonen zu verstehen sind“, formuliert der Historiker in einer Kurzbeschreibung seines Projekts. Indirekt habe die innerdeutsche Grenze „Unordnung und Verunsicherung bis in die höchsten Staatsebenen“ verursacht.

Messbar war der neue West-Drang der DDR-Bürger an der drastischen Zunahme von Ausreiseanträgen. Zum Leidwesen des Staatsrats waren es vor allem einfache Arbeiter, die den Arbeiter-und- Bauern-Staat verlassen wollten. Obwohl die Stasi alles tat, um Ausreisewillige einzuschüchtern, ging die Kettenreaktion weiter. „Ein erfolgreicher Ausreiseantrag inspirierte den nächsten“, sagt Wolff. „Es entstand Wissen darüber, wie das Verfahren funktionierte, wie man es richtig anstellte, ohne gleich im Gefängnis zu landen.“ Und im Westen dienten Verwandte, Netzwerke zuvor Ausgereister und eigens gebildete Organisationen als Anlaufpunkte. Sie halfen den Neuankömmlingen im Umgang mit den westdeutschen Behörden.

Es kam etwas in Gang, das Wolff und seine Kollegen an der Uni Osnabrück „Kettenmigration“ nennen und das nach Verständnis des IMIS seit Jahrhunderten ein Grundmuster von Wanderungsbewegungen ist. Migration laufe stets in einer Mischung aus privaten Netzwerken und staatlichen Strukturen ab, sagt Wolff. Konkrete Informationen oder auch nur Gerüchte von Übergesiedelten erreichten Auswanderwillige und ermutigten diese, den Schritt in die Fremde zu wagen.

Ein neuer Forschungsansatz

Auf die DDR allerdings sei dieser gesellschaftsbezogene Forschungsansatz noch nie angewendet worden. „Bisher wurde die innerdeutsche Wanderungsbewegung vor allem in den Kategorien Flucht und Unterdrückung erforscht.“ Das will Wolff ändern: „Ich analysiere das deutsch-deutsche Verhältnis nun aus migrationswissenschaftlicher Sicht als eine deutsch-deutsche Geschichte, die von beiden Seiten mitgestaltet wurde“, sagt er.

In seiner Habilitationsarbeit über die „Mauergesellschaft“ will der Historiker, der an der Universität Bielefeld promovierte und in den USA, Argentinien und Israel jüdische Migration erforschte , auch auf seine eigenen Wahrnehmungen in beiden deutschen Staaten aufbauen. Allerdings nur unter einer Bedingung: „Ich meide Quellen, in denen ich über meine eigene Familie stolpern könnte.“

Weitere Berichte über die deutsche Teilung und die Wiedervereinigung unter: noz.de/mauerfall


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN