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Fakten gegen Vorurteile Fünf große Irrtümer zum Thema Flüchtlinge

Von Cornelia Achenbach

Flüchtlinge, die sich mit ihren Kleidersäcken auf den Weg zur Erstaufnahmeeinrichtung in Heidelberg machen. Foto: dpaFlüchtlinge, die sich mit ihren Kleidersäcken auf den Weg zur Erstaufnahmeeinrichtung in Heidelberg machen. Foto: dpa

Osnabrück. In Deutschland kursieren viele Irrtümer und Vorurteile über Flüchtlinge. Damit wollen wir an dieser Stelle einmal aufräumen.

1. Die meisten Flüchtlinge sind Wirtschaftsflüchtlinge.

Hauptherkunftsland war im vergangenen Jahr Syrien: Von den hunderttausenden Bürgerkriegsflüchtlingen beantragten mehr als 41.000 Asyl in Deutschland. Danach kamen Serbien, Eritrea, Afghanistan, der Irak und Kosovo. Auf Platz sieben folgte Mazedonien vor Bosnien-Herzegowina, Albanien und Somalia. Die deutsche Menschenrechtsorganisation „Pro Asyl“ schreibt zu dem immer wiederkehrenden Vorurteil: „Niemand setzt sich leichtfertig nachts in ein marodes Boot, wissend, dass der Tod droht. Niemand setzt alles aufs Spiel, lässt alles los – die Heimat, Besitz, Familienangehörige, vielleicht sogar Kinder – und das alles nur in der Hoffnung auf den Bezug von Sozialleistungen. Wer Asyl sucht, kämpft oft ums Überleben. Weil im Herkunftsland Krieg herrscht, Verfolgung droht, Diskriminierung an der Tagesordnung oder die eigene Existenz permanent in Gefahr ist.“

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2. Flüchtlinge sind faul und wollen nicht arbeiten.

Flüchtlinge dürfen so ohne Weiteres gar nicht arbeiten! In den ersten drei Monaten ist es ihnen untersagt, überhaupt einen Job anzunehmen, aber auch danach ist es für Flüchtlinge schwierig, eine Stelle zu finden, da es „bevorrechtigte Arbeitnehmer“ gibt – nämlich Deutsche oder andere EU-Ausländer. Erst nach anderthalb Jahren Aufenthalt in Deutschland dürfen Asylbewerber oder geduldete Flüchtlinge in Deutschland ohne Einschränkungen arbeiten. In Zeiten von Fachkräftemangel halten viele Politiker diese Regelung jedoch für nicht mehr zeitgemäß und fordern für Flüchtlinge einen leichteren Zugang zum Ausbildungs- und Arbeitsmarkt. Auch Zeitarbeitsfirmen wollen das Potenzial der Flüchtlinge besser für den deutschen Arbeitsmarkt nutzen.

3. Flüchtlinge sind kriminell und unordentlich.

„Auch wenn es immer wieder behauptet wird: Es gibt keine Hinweise darauf, dass Flüchtlinge öfter straffällig werden als andere Menschen. Auch nicht, dass Menschen nichtdeutscher Herkunft krimineller sind als die Durchschnittsbevölkerung“, schreibt Pro Asyl. Zwar würden gerne Polizeistatistiken angeführt, die das Gegenteil behaupten sollen, allerdings erfassen diese nicht Täter, sondern lediglich Tatverdächtige. Zudem wird in der Statistik nur zwischen deutschen und nichtdeutschen Tätern unterschieden – ob der Täter schon jahrelang in Deutschland lebt oder gerade erst als Flüchtling ins Land gekommen ist, wird nicht berücksichtigt. Wirklich belastbare Zahlen gibt es also nicht. In einem Faktenchef hat der WDR einmal berichtet, dass der Anteil der Nichtdeutschen unter den registrierten Tatverdächtigen in den vergangenen fünf Jahren in NRW um etwa fünf Prozentpunkte gestiegen sei – allerdings würden „ausländerspezifische Delikte“ einen großen Teil der Straftaten ausmachen, sprich: Verstöße gegen das Aufenthalts- und Asylrecht. Gegen das Deutsche gar nicht verstoßen können.

4. Die Flüchtlinge wollen alle nach Deutschland.

Im Vergleich mit anderen EU-Ländern erhält Deutschland die meisten Asylanträge – gemessen an der Einwohnerzahl liegt Deutschland allerdings mit 16 Asylanträgen pro 10.000 Einwohnern (2013) europaweit im Mittelfeld. Weltweit sieht es übrigens ganz anders aus. Wie die UNO mitteilt, waren 2013 die größten Aufnahmeländer Pakistan, Iran, Libanon, Jordanien und die Türkei.

5. Deutschland sollte sich lieber um die Probleme der eigenen armen Bevölkerung kümmern.

Pro Asyl drückt es so aus: „Sind Flüchtlinge arbeitslos, klagen viele über die Sozialhilfekosten, die man ja irgendwie mitbezahle. Sind sie es nicht, fürchten sie die Konkurrenz um Arbeitsplätze.“ Die Rechnung, dass die Versorgung von Flüchtlingen Arme noch ärmer mache, geht laut Pro Asyl nicht auf: Kämen tatsächlich weniger Flüchtlinge, bekäme ein arbeitsloser Hartz-IV-Empfänger nicht einen Cent mehr, geringe Löhne würden deshalb nicht steigen, und Mittelständler hätten nicht weniger Angst vor dem sozialen Absturz. Das Problem der Armen beruhe nicht auf den Schwächsten der Gesellschaft, nämlich den Flüchtlingen, sondern der ungleichen Verteilung des Wohlstands und der immer größeren Schere zwischen Arm und Reich.halten viele Politiker diese Regelung jedochDennoch: Die Kommunen und Länder stehen derzeit vor neuen Belastungen, wenn es um die Finanzierung der Flüchtlingshilfe geht – und die sind bislang ungeklärt. Vizekanzler Sigmar Gabriel ist nun einen Schritt auf die Länder und Kommunen zugegangen – mit dem Ziel, dass ein Flüchtlingsgipfel Klärung bringen soll.

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