Posthumer Kult um Bismarck Der lange Schatten des Eisernen Kanzlers

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An eine Rolandsfigur aus dem Mittelalter erinnert die Hamburger Bismarck-Statue von 1906Der Bildhauer Hugo Lederer trieb die Züge des Reichskanzlers in den Granit. Foto: Manuel GlasfortAn eine Rolandsfigur aus dem Mittelalter erinnert die Hamburger Bismarck-Statue von 1906Der Bildhauer Hugo Lederer trieb die Züge des Reichskanzlers in den Granit. Foto: Manuel Glasfort

Keinem anderen deutschen Politiker wurden so viele Denkmäler gesetzt wie Otto von Bismarck, der 1871 den ersten deutschen Nationalstaat schuf. Doch der posthume Kult um den Reichsgründer trug zum Untergang der Weimarer Republik bei.

Hamburg. Den leeren Blick starr geradeaus gerichtet, thront die Bismarckfigur über den Hamburger Landungsbrücken, in den Händen ein Schwert. Den Reichsgründer umweht heute kein Mythos mehr, am Sockel der Statue haben sich Graffiti-Sprayer ausgetobt. Aber das mit 34,3 Metern höchste Abbild Otto von Bismarcks (1815–1898) lässt erahnen, was für ein Kult einmal um den Reichsgründer getrieben wurde; ein Kult, der zur Bürde für die Weimarer Republik wurde und den der aufstrebende Adolf Hitler für sich zu nutzen verstand.

Keinem anderen deutschen Politiker wurden so viele Denkmäler gesetzt wie Bismarck, der 1871 den ersten deutschen Nationalstaat schuf. Die ersten entstanden bereits während seiner Kanzlerschaft. Die Verehrung wuchs nach seinem Rücktritt 1890 langsam, ehe sie nach seinem Tod 1898 kultische Züge annahm. Allein zwischen dem Todesjahr und dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 wurden in Deutschland, Böhmen und Österreich mindestens 250 Denkmäler und Statuen gebaut, von denen nicht alle erhalten sind. Auch in Übersee errichteten eifrige deutsche Kolonisten Denkmäler und sogenannte Bismarck-Türme, zum Beispiel in Papua-Neuguinea und Kamerum. Und in nahezu jeder größeren deutschen Stadt erinnern heute noch Straßennamen an den ersten Reichskanzler – so auch in Osnabrück und Delmenhorst.

Besonders heißblütig wurde der erste deutsche Kanzler im national gesinnten Bürgertum verehrt. Dessen Vertreter dominierten auch die über 300 Bismarck-Gesellschaften, die im ganzen Land die Denkmäler aus dem Boden schießen ließen. Andere Gruppen wollten nicht in den Jubelchor einstimmen, vor allem die von Bismarck einst als „Reichsfeinde“ geächteten und bekämpften Sozialdemokraten, Katholiken und Linksliberalen.

Just diese Strömungen trugen nach dem Ersten Weltkrieg die junge Weimarer Republik. So war es kein Zufall, dass zwischen ihnen und den rechten Anhängern der alten Ordnung nach den Worten des Historikers Robert Gerwarth ein „Bürgerkrieg der Erinnerungen“ tobte. Die Republikaner sahen in Bismarck den Unterdrücker demokratischer Traditionen und versuchten, den Kult zu demontieren. Für die rechten Republik-Gegner verkörperte Bismarck die Sehnsucht nach Weltmachtstatus und starker Führung. Die Deutschnationale Volkspartei (DNVP) benannte gar ihre Nachwuchsorganisation „Bismarckjugend“. Sie war 1928 mit 42000 Mitgliedern die zweitgrößte Jugendorganisation im Deutschen Reich.

Der Mythos trug dazu bei, die politische Kultur der Zwischenkriegszeit zu vergiften. Der liberale Jurist Hermann Kantorowicz stellte 1921 resigniert fest: „Solange Bismarcks Schatten über den jungen Baum der deutschen Demokratie fällt, kann dieser nicht gedeihen.“ Und der Soziologe Max Weber hatte schon drei Jahre zuvor kritisiert, Bismarcks Erbe sei „eine Nation ohne allen und jeden politischen Willen, gewohnt, dass der große Staatsmann an der Spitze für sie die Politik schon besorgen werde“.

Den Wunsch nach einem starken Führer machte sich der junge Adolf Hitler zunutze. Er stellte sich seit spätestens 1923 in eine Reihe mit dem Eisernen Kanzler, wenn er auch nicht zu dessen politischem System zurückwollte. Heinrich Mann ätzte zwar, Hitler könne sein Handeln nicht mit Verweis auf Friedrich den Großen oder Bismarck rechtfertigen, weil keiner von beiden ihn als Kanzler akzeptiert hätte. Den Aufstieg der Nationalsozialisten verhinderte er damit aber nicht.

Historiker Gerwarth kommt zu dem Schluss, dass „der Bismarck-Mythos den Aufstieg Hitlers zumindest indirekt befördert“ hat. Es nicht ohne Ironie, dass Hitler das Bismarck-Reich nicht – wie von seinen Anhängern erhofft – zurück zu alter Größe führte, sondern endgültig zerstörte. Erst im Angesicht der deutschen Niederlage sagte der Widerständler Ulrich von Hassel über Bismarck: „Es ist bedauerlich, welch falsches Bild wir selbst [...] von ihm erzeugt haben, als dem Gewaltpolitiker in Kürassierstiefeln [...]. In Wahrheit waren die höchste Diplomatie und das Maßhalten seine große Gabe.“


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