Neues Buch über Hans Calmeyer Der Retter aus dem Apparat des Todes


Osnabrück. Anne Franks beste Freundin überlebte den Holocaust. Jaqueline van Maarsen, eine Mitschülerin aus Amsterdam, war zwar ebenfalls Jüdin, aber ihre Familie wurde gerettet, weil ein deutscher Behördenleiter ein zweifelhaftes Dokument anerkannte. Hans Calmeyer, ein Jurist aus Osnabrück, bewahrte Tausende niederländische Juden vor den Gaskammern der Nazis. Ihm hat der Bundestagsabgeordnete Mathias Middelberg (CDU) ein Buch gewidmet, dessen Titel Calmeyers Dilemma auf den Punkt bringt: „Wer bin ich, dass ich über Leben und Tod entscheide?“

Der 1903 geborene Jurist war alles andere als ein Nazi, aber ein Zufall machte ihn 1941 zum Leiter der Entscheidungsstelle für Abstammungsfragen im besetzten Den Haag. Im Zweifel entschied er, ob ein Mensch als Jude oder „Mischling“ zu behandeln sei, ob er nach Auschwitz deportiert wurde oder in den Niederlanden bleiben durfte.

Calmeyer nutzte seine Position im NS-Apparat, um Anträge zu bewilligen, die ein linientreuer Funktionär mit einem Federstrich vom Tisch gewischt hätte. Er riskierte sein Leben, und mehr als einmal waren ihm die Schergen der SS nah auf den Fersen.

Als Sohn eines Richters war Calmeyer in einem konservativen Milieu aufgewachsen. Im Ersten Weltkrieg hatte er seine beiden älteren Brüder verloren und sich als junger Mann nationalistischen Gruppierungen angeschlossen. Nach dem Hitler-Putsch 1923 schlug er aber eine andere politische Richtung ein. Schon 1933 kam er mit den Nazis in Konflikt, weil er als „marxistisch-kommunistisch“ denunziert wurde und eine jüdische Mitarbeiterin in seiner Anwaltskanzlei beschäftigte. Zehn Monate lang wurde ihm ein Berufsverbot auferlegt. Er passte sich an und mied die Konfrontation mit den braunen Machthabern.

Gefälschte Unterlagen

Als Hitler 1939 den Zweiten Weltkrieg vom Zaun brach, nahm Calmeyer am Einmarsch in die neutralen Niederlande teil. Er landete in der Verwaltung des deutschen Reichskommissariats in Den Haag und stieg in der Hierarchie auf, ohne Mitglied der NSDAP zu sein. Und er nutzte seine Stellung im Apparat des Bösen, um Menschen vor der Mordmaschine zu retten.

Mathias Middelberg beschreibt in seinem Buch an Einzelfällen, wie bereitwillig Calmeyer gefälschte Abstammungsunterlagen akzeptierte und wie kreativ er die Bestimmungen auslegte, um aus „Volljuden“ „Halb“- oder „Vierteljuden“ zu machen. Die wurden wegen ihrer Abstammung zwar diskriminiert, aber nicht deportiert.

Mit zwei jüdischen und zwei „arischen“ Großeltern fiel Anne Franks Freundin Jaqueline van Maarsen in die Kategorie „J2“, und das hätte schon Deportation bedeutet – für sie, ihre ältere Schwester Christiane und ihre Eltern. In dieser fast ausweglosen Situation traute sich die Mutter der beiden Mädchen in die Höhle des Löwen. Sie sprach bei der SS vor und behauptete, sie sei Christin und ihr jüdischer Mann habe die Kinder ohne ihr Wissen in der israelitischen Gemeinde angemeldet. Eline van Maarsen wurde an die Entscheidungsstelle zur Klärung „rassischer Zweifelsfällle“ verwiesen, sie schrieb an den „hochwohlgeborenen sehr gelehrten Herrn Dr. Callmeyer“ (der gar keinen Doktortitel hatte) und bat ihn, den Status für ihre Töchter zu ändern.

Einen Monat später hielt sie das erhoffte Dokument in der Hand, unterzeichnet von Calmeyer. Der hatte seine Entscheidung auf ein wohlwollendes Urteil des Landgerichts Amsterdam gestützt. Hätte er kritisch nachgefragt oder die Akten aus der Synagogengemeinde beschlagnahmen lassen, wie es die Nazis von ihm verlangten, dann wäre die ganze Familie van Maarsen ans Messer geliefert worden. So aber schützte das Dokument nicht nur Jaqueline und ihre Schwester, sondern auch Samuel van Maarsen, den jüdischen Vater, der als Partner in einer „Privilegierten Mischehe“ nicht deportiert wurde. Er überlebte den Holocaust – im Gegensatz zu seinen Geschwistern. Jaqueline van Maarsen ist heute 87 Jahre alt. Middelberg hat mit ihr gesprochen.

Die Ahnentafel umbauen

In vielen Fällen war mit einem Bekenntnis zum Christentum allerdings nichts zu machen. Wer vier jüdische Großeltern hatte, galt als „Volljude“ oder „J4“ – nach den Nürnberger Gesetzen ein Todesurteil. Nur ein Umbau der Ahnentafel, so schreibt Middelberg, konnte da noch Rettung bringen.

Calmeyer half. Er akzeptierte es, wenn behauptet wurde, dass ein Spross gar nicht das Kind des jüdischen Ehepartners, sondern das Ergebnis einer Affäre mit einem „Arier“ sei. Diese „Seitensprung-Arisierung“ wurde mit Fotos vom angeblichen Erzeuger belegt, manchmal auch mit Gutachten und Blutgruppen-Nachweisen. Gentests gab es zum Glück noch nicht.

Calmeyer war nicht allein. In seiner Dienststelle hatte er zuverlässige Verbündete, die ihm halfen, den Holocaust zu sabotieren. Als gewiefter Jurist schaffte er es, die Bestimmungen in den Niederlanden judenfreundlicher auszulegen als im benachbarten Reichsdeutschland.

Der SS entronnen

Der Schwindel mit der „arischen“ Abstammung blieb dem Terrorapparat der Nazis nicht verborgen. Immer wieder wurden Kontrollen angeordnet und Aufpasser angesetzt. Aber Calmeyer hatte Glück. Einmal wurde ein niederländischer SS-Offizier von seinen deutschen Kollegen nicht ernst genommen, einmal zerstörten Fliegerbomben die Akten, die überprüft werden sollten, und schließlich kam der wirklich gefährliche, mit der Nachprüfung beauftragte Genealogie-Experte nicht mehr zum Zuge, weil die Alliierten vorrückten.

Wie viele Menschen Calmeyer ihr Leben verdanken, ist nicht zweifelsfrei zu ermitteln. Die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, die dem 1972 verstorbenen Juristen posthum den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ verliehen hat, geht von mindestens 3000 Geretteten aus. Buchautor Middelberg spricht von „vielleicht 4000“. Und der inzwischen verstorbene Calmeyer-Biograf Peter Niebaum hat Dokumente zitiert, in denen noch größeren Zahlen genannt werden.

Kein Übermensch

Als sicher gilt, dass kein anderer Deutscher so viele Juden vor den Gaskammern der Nazis bewahrt hat. Aber Hans Calmeyer musste Menschen über die Klinge springen lassen, wenn er andere in Sicherheit bringen wollte.

Mathias Middelberg zieht das Fazit, dass der Osnabrücker Jurist als „Rassereferent“ Teil der Vernichtungsmaschine war: „Das war ihm bewusst und hat ihn bis zu seinem Tod nicht losgelassen. Aber wäre er nicht Teil des Systems geblieben, hätte er niemandem helfen können. Er tat mit, um zu retten, und blieb ratlos, wem er helfen sollte“. Retter wie Calmeyer verdienten unsere Erinnerung, schreibt Middelberg, „nicht, weil sie Übermenschen gewesen wären, sondern weil sie Menschen geblieben sind in einer Zeit, in der schon das eine Leistung war.“

„Wer bin ich, dass ich über Leben und Tod entscheide?“ Mathias Middelberg stellt sein Buch am Dienstag, 14. April um 19 Uhr im Osnabrücker Felix-Nussbaum-Haus vor. Anmeldungen an die Buchhandlung zur Heide, info@buch-zur-heide.de, Telefon 0541/350880. Das Buch ist im Wallstein-Verlag erschienen und kostet 19,90 Euro.


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