„Dörfer so wichtig wie Berlin“ First Lady Daniela Schadt zeigt Respekt für Landfrauen

Von Beate Tenfelde


Osnabrück. Daniela Schadt weicht nicht zurück, auch wenn die Fragen politischer werden. Eine eigene Meinung hat Deutschlands First Lady allemal, auch wenn sie diese nicht mehr ganz so pointiert formuliert wie früher als Journalistin. Und noch etwas fällt auf an der 55-Jährigen: Sie kann von Herzen lachen, sie hat Spaß an lebhafter Diskussion – auch bei unserem Interview.

Frau Schadt, allein mit Ihrer Präsenz, mit einem Wort an der richtigen Stelle können Sie viel bewirken – ist das Last oder Glück?

Ist es wirklich so viel, was ich bewegen kann? Es wäre ja schön, wenn es so ist. Auf jeden Fall lässt es sich schwer bemessen. Müttergenesungswerk, UNICEF, Deutsche Kinder- und Jugendstiftung, Special Olympics Deutschland – wer wollte dafür nicht Aufmerksamkeit wecken. Letzten Endes habe ich auch während meiner Tätigkeit als Journalistin versucht, wichtigen Themen öffentliche Aufmerksamkeit zu verschaffen. Das war zwar anders, aber auch wieder nicht so ganz anders. Insofern war ich auf meine gegenwärtige Aufgabe ganz gut vorbereitet.

Empfinden Sie es als Stress, wenn sich hohe Erwartungen auf Sie richten?

Ja, manchmal. Denn ich kann nicht allen helfen, und mir fällt es mitunter schwer, auch Nein sagen zu müssen. Es gibt in ganz Deutschland engagierte Menschen und wunderbare Initiativen, und gelegentlich gibt es Anfragen, ob ich nicht die Schirmherrschaft übernehmen könnte. Aber wenn ich jedes Mal zusagen würde, dann würde ich mich verzetteln. Es ist mir schon wichtig, mich um das jeweilige Anliegen auch angemessen kümmern zu können. In manchen Fällen – wie zum Beispiel bei der Trauerfeier in Haltern für die Opfer des schrecklichen Flugzeugunglücks in Südfrankreich – ist es mir ein von Herzen kommendes Bedürfnis, einfach nur da zu sein und so meine besondere Anteilnahme zeigen zu können.

Konzentriert sich Ihre Arbeit vor allem auf Berlin?

Nein, nicht nur. Ich nehme viele Termine auch außerhalb Berlins wahr. Die Kliniken des Müttergenesungswerkes liegen oft an Orten, die weit weg von Berlin sind, wie zum Beispiel hoch oben im Schwarzwald, mitten im fränkischen Seenland oder entlegen an der Nord- und Ostsee. Oder als kürzlich das Gymnasium in Hanau, wo ich Abitur gemacht habe, 175-jähriges Jubiläum feierte, war ich dabei. Und ich habe dies mit einem Besuch der Kindertafel im Stadtteil Dörnigheim verbunden. Was mich immer wieder beeindruckt: Auch bei vergleichsweise kleinen Projekten wird Großes geleistet. Wir schauen häufig nur auf die Metropolen, dabei verdient auch das höchste Anerkennung, was in den kleinen Städten und Orten geleistet wird. Ich habe mir daher vorgenommen, noch mehr den Fokus auf den ländlichen Raum zu richten.

Ein Lob für die Provinz?

Ich meine das sehr ernst. Ich finde, der ländliche Bereich fällt viel zu oft durch den Rost. Viele Städter leben in der falschen Vorstellung, auf dem Land sei doch alles in Ordnung. Das Hochglanzbild vom schönen Landleben stimmt aber so nicht. Es gibt auch aussterbende Dörfer, fehlende Breitbandnetze und junge Menschen, die sich abgehängt fühlen – das sind Herausforderungen, über die ich mehr erfahren möchte und für die ich mir mehr Aufmerksamkeit wünsche. Deshalb habe ich mich beim Landfrauenverband, der das Schloss Bellevue alljährlich zum Erntedankfest schmückt, sozusagen selbst eingeladen; ich will mich einfach über seinen Einsatz informieren.

Die Aufgaben einer First Lady sind nirgends aufgeschrieben…

Richtig, insofern kann ich durchaus eigene Schwerpunkte setzen. Zum Beispiel bekommt das Müttergenesungswerk, dessen Schirmherrin ich bin, im Laufe der Zeit eine ganz neue Bedeutung. Frauen werden nicht nur durch die Kindererziehung, sondern auch durch die Pflege von Angehörigen beansprucht, und nicht selten überschneiden sich beide Aufgabenfelder sogar. Hier brauchen die Betroffenen Unterstützung, beispielsweise durch eine Kur als dringend benötigte Auszeit, damit sie nicht selbst krank werden. Und natürlich werden Kuren auch für alleinerziehende Väter immer wichtiger. Hier müssen wir neue Akzente setzen. Aber es ist natürlich nicht so, dass Daniela Schadt kommt und die Funktion an der Seite des Bundespräsidenten mal eben neu definiert. Von meinen Vorgängerinnen habe ich gern viele wichtige und sehr sinnvolle Aufgaben übernommen. Und so werden es sicher auch künftige Partnerinnen eines Präsidenten oder der Partner einer Präsidentin halten…

… sprechen Sie von Angela Merkel?

(lacht) Ich spreche ganz allgemein davon, dass es irgendwann ein weibliches Staatsoberhaupt geben wird.

Ist das Protokoll für Sie Einengung oder Stütze?

Die Mitarbeiter des Protokolls hier im Präsidialamt und im Auswärtigen Amt sind für mich eine große Stütze. Dabei geht es keineswegs nur um Fragen wie: Ist der Rock zu kurz oder zu lang? Abgesehen von der ganzen organisatorischen Arbeit gestaltet das Protokoll den Rahmen, damit Kommunikation überhaupt möglich ist. Man muss sich zum Beispiel keinen Kopf über bestimmte Abläufe oder Zeitpläne machen, denn die sind geregelt; also kann man sich voll auf das Gespräch konzentrieren.

Sie waren es bis Frühjahr 2012 als politische Redakteurin gewohnt, selber zu steuern. Fällt es Ihnen heute schwer, immer schön diplomatisch zu bleiben?

Letzten Endes kommen mir auch hier meine Erfahrungen als Journalistin zugute. Wer bestimmt, aber höflich seine Fragen formuliert, statt einfach draufloszupoltern, bekommt auch bei kritischen Punkten eine Antwort. Das galt in der Zeitungsredaktion, und das gilt bei meiner jetzigen Aufgabe. Aber klar ist natürlich auch, dass ich in einem Leitartikel deutlicher formulieren konnte als heute. Diese Freiheit fehlt mir manchmal schon ein bisschen.

Dennoch die Frage: Wie groß ist Ihre Sorge, dass Antisemitismus in Deutschland wieder hoffähig wird?

Es macht mir große Sorgen, dass viele Juden in Berlin nicht mehr öffentlich die Kippa tragen mögen. Und bis heute kann ich mich nicht daran gewöhnen, dass Polizisten jüdische Einrichtungen bewachen müssen. Es ist furchtbar und sehr traurig, dass es in Deutschland inzwischen neben einem traditionellen Antisemitismus auch noch eine neue Form des Antisemitismus gibt, einen islamistisch motivierten etwa auch bei einem Teil von jüngeren Muslimen. Dadurch hat sich das Problem noch verschärft, aber es darf für Juden keine „No-go-Areas“ geben. Dagegen müssen wir alle Stellung beziehen.

Und wie bewerten Sie den Fall eines Bürgermeisters aus Sachsen-Anhalt, der wegen Einrichtung eines Flüchtlingsheims von Rechtsextremisten angefeindet wurde und zurücktrat?

Die Demonstrationsfreiheit ist ein hohes Gut, aber es ist absolut inakzeptabel, dass gewaltbereite Rechtsextremisten gewählte Mandatsträger bedrohen oder einschüchtern. Sie müssen ihr Amt frei ausüben können.

„Ich werde nie eine Wahl versäumen“ – dies hat der Bundespräsident mehrfach betont. Was hat die Bundesbürger so wahlverdrossen gemacht?

Das lässt sich nicht in ein paar Sätzen beschreiben. Und so generell stimmt das auch nicht, bei der letzten Bundestagswahl und der Europawahl sind die Beteiligungen gestiegen. Für die unterschiedlich ausgeprägte Wahlverdrossenheit gibt es viele ganz unterschiedliche Gründe: Mal scheinen die Themen zu komplex, mal das Wetter zu gut, mal die Wahlzettel zu schwer verständlich. Selbst wenn die Kandidaten unmittelbar gewählt werden, selbst wenn es um Probleme direkt vor der Haustür geht und die Themen überschaubar sind – wie zum Beispiel bei den Direktwahlen von Oberbürgermeistern in einigen deutschen Städten –, dümpelt die Wahlbeteiligung manchmal bei 50 Prozent. Dabei irritiert mich auch die allgegenwärtige Kritik an Parteien und Politikern. Wie soll unsere Demokratie stattdessen gestaltet werden? Diese Antwort bleiben die Nicht-Wähler schuldig. Zudem werden Parteien und Politiker überfrachtet mit ultimativen Ansprüchen. Zur Demokratie gehört aber der Kompromiss. Lösungen, mit denen allen wohl- und niemandem wehgetan wird, gibt es nicht.

Früher radelten Sie zu Ihrem Arbeitsplatz, heute fahren Sie in gepanzerten Limousinen. Bleibt Ihnen noch Platz für Privates?

Aber ja. Größeren Aufwand gibt es nur, wenn der Bundespräsident dabei ist. Privat fahre ich immer noch häufig mit Rad oder mit der Bahn. Schön ist: Die Menschen akzeptieren, dass es auch für mich ein Privatleben gibt.

Wie leben Sie mit der Kritik, als unverheiratetes Paar ein schlechtes Vorbild zu geben?

Ich verstehe, dass es da Irritationen gibt. Aber es soll ja kein Modell für andere sein. Wir wollen niemanden bekehren. Es hat sich so ergeben. Deutschland hat sich weiterentwickelt, und für die Mehrheit der Bürger ist es nicht mehr das große Thema.

Inwieweit ist ein Bundespräsident heute noch eine moralische Instanz?

Ihre Frage ist bereits sehr hoch gegriffen. Und mir fällt auf, dass in der öffentlichen Debatte manche ganz praktische Fragen moralisch so aufgeheizt werden, dass ein Kompromiss schwierig wird. So viel steht aber fest: Politik sollte und muss ethisch grundiert sein. Ob es dazu aber das Amt des Bundespräsidenten braucht? Nicht unbedingt, wie in anderen Staaten – etwa den USA oder Frankreich – zu sehen ist. Dort steht der Präsident an der Spitze der Exekutive. Aber ich denke, die Mütter und Väter des Grundgesetzes haben sich etwas dabei gedacht, als sie sich für unser Modell des Zusammenwirkens der Verfassungsorgane entschieden. An der Gesetzgebung sind Parlament, Bundesrat, Regierung und Bundespräsident beteiligt, und im Streitfall kommt auch noch das Verfassungsgericht ins Spiel, keine Instanz kann ganz allein bestimmen, was passiert. Der Bundespräsident steht dabei außerhalb des Wettbewerbs der Parteien und auch außerhalb der Handlungszwänge der Regierung. Er repräsentiert sozusagen das Ganze. Und bisher, finde ich, ist Deutschland damit auch gut gefahren.

Können wir mit einer Autobiografie von Ihnen rechnen?

Ich habe in meinem Berufsleben schon so viel geschrieben, damit soll es gut sein.


Daniela Schadt wird am 3. Januar 1960 in Hanau geboren. Sie wächst in einer Unternehmerfamilie auf – ein „guter Start“, der nicht ihr Verdienst sei, sagt sie. In Hanau macht sie 1978 auch ihr Abitur. Das Studium der Germanistik, Politik und französischen Literatur an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt/Main schließt sie 1985 mit Magister Artium ab. Ein Praktikum beim „Hanauer Anzeiger“ begeistert Daniela Schadt für den Beruf der Journalistin. Als freie Mitarbeiterin geht sie 1986 zur „Nürnberger Zeitung“, nach einem Volontariat arbeitet sie dort seit 1992 als Redakteurin und ist zuletzt als Ressortleiterin für die Innenpolitik verantwortlich. „Ich habe meinen Beruf geliebt“, bekennt sie. Heute setzt sie ihre Erfahrung bei den Schirmherrschaften für das Müttergenesungswerk, UNICEF und die Deutsche Kinder-und Jugendstiftung ein. Seit 2000 lebt Daniela Schadt mit Joachim Gauck zusammen.

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