Serie zum 200. Geburtstag Bismarck – der Spieler mit den fünf Kugeln

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Osnabrück. Heute wird die Achse Berlin – Paris als Garant für Frieden, Stabilität und Prosperität in Europa gesehen und gar als „europäischer Motor“, der die europäische Integration vorantreibt. Für die letzten zwei nachgewachsenen Generationen ist deutsch-französische Freundschaft die selbstverständlichste Sache der Welt. Doch das war nicht immer so.

Innerhalb eines Dreivierteljahrhunderts standen sich Deutschland und Frankreich in drei Kriegen als „Erzfeinde“ gegenüber. Auch Reichskanzler Otto von Bismarck, dessen Bündnispolitik von den meisten Historikern als klug und durchaus friedensbewahrend gelobt wird, ging von unüberwindlicher Gegnerschaft zu Frankreich aus.

Nach dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 gab es kein „Versöhnungswerk“, wie es Adenauer und de Gaulle 90 Jahre später in Gang setzten. Ganz im Gegenteil. Die Ausrufung des deutschen Kaiserreichs im Spiegelsaal von Versailles als einer Art französischem Nationalheiligtum war als bewusste Demütigung des besiegten Gegners angelegt. Die Einverleibung Elsass-Lothringens, des späten Überrestes des fränkischen „Mittelreichs“ und seitdem ewiger Zankapfel, legte den Grundstein für französische Revanchegelüste. Hohe Reparationsforderungen bewirkten das Gegenteil von Aussöhnung, auch wenn sie keineswegs unüblich waren.

Otto von Bismarck war vom preußischen Ministerpräsidenten zum ersten Kanzler des jungen deutschen Kaiserreichs aufgestiegen. In Personalunion war er zugleich Außenminister. Er bestimmte nun – in formaler Abstimmung mit dem fast immer einverstandenen Kaiser – die Richtlinien der deutschen Außenpolitik. Sein Ziel war es, das Erreichte zu bewahren und nicht durch einen erneuten Krieg aufs Spiel zu setzen. Dafür müsse man den notorischen Feind Frankreich außenpolitisch isolieren, meinte er. Ein Frankreich ohne Verbündete könne dem Deutschen Reich nicht gefährlich werden.

Auf der anderen Seite, nach Osten und Süden hin gewandt, setzte Bismarck den Versuch einer Austarierung der Machtansprüche der übrigen europäischen Großmächte fort, wie sie nach dem Wiener Kongress 1815 bereits für einige Jahrzehnte Frieden beschert hatte. Die sogenannte „Pentarchie“ (griechisch für „Fünfherrschaft“, gemeint waren Frankreich, Österreich, Großbritannien, Russland und Preußen) bezeichnete das System zwischenstaatlicher Beziehungen, das ein Gleichgewicht der Kräfte anstrebte, sodass keine der Mächte territorialen Appetit bekam.

Der neue Machtfaktor Deutsches Reich wurde von den übrigen europäischen Akteuren nun zunächst misstrauisch beäugt. Nach einem gewissen Lernprozess erkannte Bismarck, dass Deutschland dieses Misstrauen nur durch Selbstbeschränkung und den Verzicht auf weitere territoriale Gewinne abbauen konnte. Er erklärte Deutschland für „saturiert“, also frei von Gebietsansprüchen.

Ein Grundziel von Bismarcks Außenpolitik blieb es, Frankreich zu schwächen. Um dies zu erreichen, bemühte er sich um gute Beziehungen zu Österreich und zu Russland, die im „Dreikaiserabkommen“ von 1873 resultierten. Die drei Mächte versprachen sich gegenseitig Frieden. Bismarck sah als Hauptgewinn darin, dass Russland von einem Bündnis mit Frankreich abgehalten würde. Die Balkankrise und der Russisch-Türkische Krieg endeten 1878 im „Berliner Kongress“ – Bismarck hatte als „ehrlicher Makler“ zwischen den streitenden Parteien vermittelt.

Bismarcks „Spiel mit den fünf Kugeln“ in Fortführung der „Pentarchie“ bestand aus häufigen Anpassungen und Neujustierungen. Als das Verhältnis zwischen Österreich-Ungarn und Russland aufgrund der Balkankrisen und dem aufkommenden Panslawismus litt, schloss Bismarck mit Österreich 1879 den „Zweibund“. Als Italien aufgrund seiner kolonialen Interessen in Nordafrika in Konflikt mit Frankreich geriet, knüpfte Bismarck 1882 den „Dreibund“ zwischen Italien, Österreich und Deutschland. Als Zar Alexander II. erkannte, dass Zweibund und Dreibund seinen Handlungsspielraum einengten, ließ er sich 1881 auf ein von Bismarck eingefädeltes geheimes Neutralitätsabkommen namens „Drei-Kaiser-Bündnis“ ein. Als die Machtverhältnisse im Mittelmeerraum unter anderem durch die britische Expansion in Ägypten aus dem Gleichgewicht zu geraten drohten, förderte Bismarck den Abschluss der Mittelmeer-Entente zwischen Großbritannien, Italien, Spanien und Österreich. Eine englische Zeitung kommentierte: „Wann immer irgendeine Schwierigkeit in Europa entsteht, sind die Augen aller Leute auf Fürst Bismarck gerichtet. Wie denkt er über die Sache? Was wird er tun? Für wen wird er Partei ergreifen? Berlin ist somit der Mittelpunkt des diplomatischen Verkehrs geworden.“

Mit der Entlassung Bismarcks 1890 zerfiel auch sein Bündnissystem in kurzer Zeit. Im Gegensatz zum konservativen Realpolitiker Bismarck schlug der junge Kaiser Wilhelm II. eine provokante „Politik der freien Hand“ ein, um Deutschland planmäßig auf die Bühne der Weltpolitik zu führen.

Als 1890 der Rückversicherungsvertrag trotz großen russischen Interesses nicht verlängert wurde, kam es 1894 zu einem russisch-französischen Abkommen. So war der Albtraum Bismarcks, der in seiner Amtszeit versucht hatte, diese beiden Mächte auseinanderzuhalten, wahr geworden, und Deutschland drohte ein Zweifrontenkrieg.

Auch das Verhältnis zu Großbritannien verschlechterte sich durch Wilhelms Flottenpolitik immer weiter und führte zu einer britischen Annäherung an den früheren Erzfeind Frankreich, die 1904 durch das britisch-französische Bündnis „Entente cordiale“ besiegelt wurde. Nach dem Beitritt Russlands zu diesem Bündnis („Triple Entente“) ergab sich eine Isolation des Deutschen Reiches im Machtgefüge der europäischen Großmächte anstelle der durch Bismarck erreichten Isolation Frankreichs. Deutschlands spätere Weltkriegs-Gegner formierten sich.

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